DISS-JOURNAL 1/98

Veranstaltungsberichte

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Arzu Karabag:

"Zum Verständnis des Islam"

Eine Gelegenheit, "sich umfassend zum Islam zu informieren und mit Referenten zu diskutieren", sollte die Tagung in Gelsenkirchen am 16.9.97 bieten. Veranstalter waren das Büro für Interkulturelle Kommunikation, für Chancengleichheit - gegen Diskriminierung und das aktuelle forum NRW. In drei Vorträgen sollte "der Islam" aus der kulturell-historischen, der theologisch-soziologischen und der politischen Perspektive beleuchtet werden.

Zum Auftakt präsentierte Dr. Karam Khella, der ägyptische Historiker aus Hamburg, eine "kulturhistorische Betrachtung des Islam". Das Referat bot einen Überblick zur Entstehung und Entwicklung der islamischen Religion, wobei Dr. Khella die Wesensunterschiede zum Christentum herausstellte, etwa in den Bereichen Sakramente und Klerus. Die klare Abgrenzung vom vorwiegend deutschen Publikum, die Dr. Khella in seinem Vortrag zum Ausdruck brachte, ging einher mit einer massiven und teils provokativen Kritik an eurozentrischer Geschichtsschreibung und am universitären Fachbereich Orientalistik. Dr. Khella betonte, daß der Islamdiskurs, der zur Zeit in Europa vorherrsche, nicht hilfreich sei für ein besseres Verständnis; der Diskurs müsse neu begonnen werden.

Eine theologisch-soziologische Betrachtung des Islam bot im Anschluß Dr. Murad Wilfried Hofmann. Der deutsche Diplomat beleuchtete Einzelaspekte der islamischen Religion, darunter so unterschiedliche Gesichtspunkte wie "Der Islam als `arabische' Religion" und "Der Islam als Kaufmannsreligion". Dabei stellte Dr. Hofmann auch einen aktuellen Bezug zu den in der BRD lebenden Muslimen her. In der Debatte kritisierte ein Teilnehmer den europäischen Blickwinkel dieses Vortrags, und eine aufgebrachte (deutsche) Islamwissenschaftlerin erklärte, es sei grundsätzlich anmaßend, wenn Europäer über den Islam referierten. Dieser Einwand stieß jedoch auf wenig Resonanz.

Im Abschluß-Vortrag beschäftigte sich Dr. Kai Hafez, Mitarbeiter des Deutschen Orient Instituts in Hamburg, mit der politischen Bedeutung der islamischen Länder und den politischen Beziehungen Europas zu Ländern wie Algerien und Iran. Das Referat verwies auf den von Samuel Huntington propagierten "clash of cultures" und die Konstruktion des Feindbilds "Islam".

 

 

Karin Putzker:

'Zukunftsfähige Wissenschaft - Vom Detailwissen zum Systemverständnis'

Unter diesem Label veranstaltete die Ev. Akademie Iserlohn vom 5. bis 7. September diesen Jahres eine äußerst vielfältige Fachtagung, zu der Natur- und GeisteswissenschaftlerInnen als ReferentInnen und TeilnehmerInnen zusammenkamen, um der Frage nachzugehen, ob die Wissenschaft(en) für ihre Zukunftsfähigkeit einen Paradigmawechsel benötigen. Der Studienleiter der Akademie, Dr. Peter Markus, und die Landtagsvizepräsidentin und Forschungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Dr. Katrin Grüber, lieferten eigene interessante Beiträge und moderierten die vielfältigen Referate sowie die konstruktiv-kontrovers geführten Diskussionen sachlich kompetent und erfrischend humorvoll, so daß die Veranstaltung insgesamt als lebendiger und sachlich zufriedenstellender wissenschaftlicher Austausch gelang.

Prof. Dr. Egon Becker vom Frankfurter Institut für Sozialökologische Forschung und von dem AB Wissenschafts- und Hochschulforschung der J. W. Goethe-Universität Frankfurt entwickelte in seinem Eingangsvortrag die These eines beginnenden Paradigmawechsels von der Hegemonie der theoretischen Physik zur neuen Hegemonie der verschränkten Wissenschaften, der Transdisziplinarität. Er zeigte auf, wie zunehmend verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen qua Modellierungstechniken erfolgreich Probleme lösen und Prognosen entwerfen würden, warnte aber gleichzeitig vor der Gefahr einer fehlenden integrativen Theorie.

Besonders interessant waren einige Beiträge aus dem Block "Beispielfelder für die Herangehensweisen zur Lösung komplexerer Problem- und Fragestellungen". So führte z. B. Prof. Dr. Hansotto Reiber-Kühne vom FB Medizin der Universität Göttingen in ein neues systemisches Verständnis von Krankheiten ein. Krankheit als systemstabiler Zustand könne nicht gezielt behandelt werden. Nur die/der Kranke als lebendiges selbstorganisiertes System wären zu destabilisieren, um die Chance zur Reorganisation zu erhalten. Dieser Denkansatz würde die Medizin revolutionieren und enorme Auswirkungen auf gesellschaftlichen Strukturen z. B. im Gesundheitssystem aufweisen. MedizinerInnen müßten transdiziplinär Systemzustände und deren notwendige Destabilisierung analysieren und fachlich begleiten.

Auch der Vortrag über die "Bearbeitung globaler Umweltprobleme in Form von Syndromansätzen" von Dr. Fritz Reusswig vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung zielte auf das neue Stichwort der Transdisziplinariät, das sich als roter "Zukunftsfaden" durch die Tagung spann. Der Syndromansatz sei ein Weg, Probleme transdiziplinär zu bearbeiten und insofern für die Klimafolgenforschung sehr geeignet.

Neben solch wissenschaftlich-fachlichen Vorträgen bot die Tagung Einblick in die bestehenden Strukturen von Forschungsförderung durch die DFG sowie Ausblicke und politische Forderungen für eine zukunftsfähige Förderung. Kontrovers diskutiert wurde z. B. die Gefahr einer Verhinderung von kritischen und kreativen Forschungsansätzen durch ein traditionelles Vergabeverfahren mit geringer Offenheit für "Quer-denkerInnen" und geringer Risikobereitschaft für neue wissenschaftliche Wege. Wenig Gehör fand leider mal wieder die feministische Kritik an der systematischen Ausgrenzung und Benachteiligung von Frauen und Frauenforschungsansätzen durch die patriarchal strukturierte DFG. Hier fehlt es - ebenso wie in den universitären Strukturen und in den Köpfen mancher Wissenschaftler(Innen) - an Zukunftsfähigkeit!

 

 

Jobst Paul:

1. Weltkongreß in Freiburg

'Ethics Codes in Medicine and Biotechnology'

Unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Roman Herzog trafen sich vom 12. bis 15. Oktober 1997 über 400 Experten und Beobachter zum 1. Weltkongreß 'Ethics Codes in Medicine and Biotechnology' in Freiburg. Ausgehend vom Nürnberger Code von 1947 beschäftigten sich sechs Plenar- und über 36 Seminarsitzungen mit dem Stand der heutigen Medizinethik in vielfältigen klinischen Bereichen, nicht zuletzt aber in der aktuellen Humanforschung.

Einen besonders beachteten Schwerpunkt bildeten die bekannten vergangenen, aber auch einige aktuelle Beispiele des Mißbrauchs der Medizin. Ruth Macklin, die Vorsitzende einer von Präsident Clinton eingesetzten Untersuchungskommission zu den von US-Regierungen finanzierten, aber illegalen Strahlenversuchen zwischen 1944 und 1974, schilderte das Vorgehen und die Ergebnisse der Kommission. Wohl angesichts der bedrückenden Zeugnisse von Betroffenen und der Rücksichtslosigkeit der Urheber der Versuche ließ Macklin die US-bioethische Perspektive der Güterabwägung, für die sie bisher stand und in der hier das nationale Interesse im Kalten Krieg hätte als Rechtfertigung angeführt werden können, nun beiseite und bestätigte die normative Kraft des Nürnberger Codes, die für die Urheber der Versuche seit 1947 hätten maßgeblich sein müssen. Präsident Clinton hatte die Öffnung bisher geheimer Archive der Regierung angeordnet, um das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Demokratie wiederherzustellen.

Gennadij Gruschewoj, Vorsitzender der Stiftung 'Kinder von Tschernobyl' in Minsk, prangerte das Fehlverhalten von Medizinern im Verlauf der Katastrophe an und warb für die von ihm geleitete Stiftung. Dem 'Leben nach Tschernobyl' gewidmet war eine Begleitausstellung in den Räumen des Freiburger Landesstudios des Südwestfunks. Dort schloß die Konferenz mit drei Podiumsdiskussionen zur klinischen Alltagspraxis, zur Situation des Arztes zwischen Regel und Einzelfall und zur Hirntod-Problematik. Die Veranstalter hatten dazu auch die Schulen der Region eingeladen, um, so der wissenschaftliche Koordinator, Eckhard Herych, die medizinethische Diskussion aus dem Elfenbeinturm der Institutionen hinauszutragen.

Welchen konkreten Zielen der umfangreiche Kongreß diente, blieb gleichwohl unklar. Während auch die Generalsekretärin der Konferenz, Stella Reiter-Theil, die Wirkung in die Öffentlichkeit in den Vordergrund stellte, ging es wohl eher um den Versuch, einen weltweiten Harmonsierungsprozeß zwischen 'alter' Medizinethik und 'neuer' Bioethik in Gang zu setzen. In seiner Eröffnungsrede hatte Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig einen politischen und peinlich polemischen Akzent gesetzt. Während er die Unterzeichnung der Bioethik- Konvention noch in diesem Jahr forderte und von einem breiten Konsens dafür ausging, verurteilte er die Haltung der Gegner als 'moralisch fadenscheinig'. Sie wollten die Forschung in Deutschland blockieren und deren Produkte aus dem Ausland beziehen. Der Sache näher kam wohl sein Hinweis, ein deutscher Alleingang würde zu ,völliger Ungleichheit in Forschung und Wirtschaft" führen.

In einem Gespräch am Rande des Kongresses zeigte sich Michael Wunder, Hauptautor der 'Grafenecker Erklärung' und - gemeinsam mit Klaus Dörner - Referent eines Kongreßseminars zum Nürnberger Code, pessimistisch über die Chancen, eine deutsche Unterzeichnung der Konvention noch zu verhindern. Der öffentliche Widerstand in Deutschland habe dennoch eine beachtliche Sensibilisierung der Öffentlichkeit erreicht und sei politisch außerordentlich erfolgreich gewesen. Wunder hob dabei die 'Grafenecker Erklärung' und die Arbeit des 'Arbeitskreises Euthanasieforschung' hervor.

Die Generalsekretärin des Kongresses, Stella Reiter-Theil, überraschte mit der Nachricht, ein geplantes Forschungsprogramm solle die Bereiche des Dissenses, die im Zusammenhang der Konvention geblieben seien, aufarbeiten und dabei die Bedenken ,der Bevölkerung" aufgreifen. Das Programm dürfte zu den erst kürzlich im Rahmen von BIOMED II genehmigten Projekten des IV. Rahmenplans Forschung der Europäischen Union gehören. Ob die kurzfristige und überraschende Zustimmung verschiedener Verbände zur Zeichnung der Konvention, darunter des Diakonischen Werks der EKD, mit dem Hinweis darauf erreicht wurde, wird zu klären sein.

 

 

 

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