DISS-JOURNAL 1/98

"Krimskrams"

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Kurzmeldungen

 

Sternstunden der Mißbrauchsbekämpfung

Aspirin oder Niere

Wo Sozialleistungen sind, da wuchert der "Wildwuchs". Einer, der ihn radikal beschneidet, ist Michael Glos, CSU-MdB, und er sagt knallhart, was den Sozialstaat ruiniert: die "Schlemmeressen und Bauchtanzkurse", finanziert von der Krankenkasse. Schon hat die AOK das monatliche Candle-light-Dinner für Magenkranke storniert, vielleicht etwas voreilig, denn noch haben wir die Wahl: "Wollen wir Gesundheitsvorsorge, Streßbewältigung und Jazztanz finanzieren - oder den Bypass und die Organtransplantation?" So fragt Gisela Babel, eine FDP-MdB mit einer deutlichen Vorliebe für chirurgische Eingriffe. Skalpelle und frische Organe bevorzugt auch Minister Seehofer, der "in vielen Bagatellbereichen" rigoros streichen will. Was Seehofer statt dessen am Herzen liegt, sind "Herzoperation" und "Nierentransplantation". Die könne er aber nur dann für alle bezahlen, "wenn nicht jedes Aspirin und jede Massage über die gesetzliche Krankenversicherung finanziert wird". Kommt `ne Frau zum Arzt. Sagt der Doktor: Wollen Sie nur `ne neue Niere oder zahlen Sie alles selbst?

(Bundestagsdebatte, 28.6.1996)

 

 

List der Vernunft

Kompost oder Kreisklasse

Kaum wiedervereinigt, ist Deutschland zum "kranken Mann Europas geworden" (Wirtschaftswoche, 7.8.1997, S. 3). Die "neue deutsche Lethargie" (Die Zeit, 8.8.1997) hat uns alle in Schlaraffen verwandelt, die sich im kollektiven Freizeitpark zu Tode amüsieren. BDI-Präsident Henkel sieht das Land auf dem Weg in die "2. Liga" (Wirtschaftswoche, 7.8.1997, S. 15). Verbandskollege Stihl warnt: "Lafontaine stürzt Deutschland in die Kreisklasse" (S. 12). Dort wird das Land von den Lohnnebenkosten aufgefressen. Lenin hatte also doch recht: Der Imperialismus neigt zu Stagnation und Fäulnis und wird bald auf dem Komposthaufen der Geschichte landen.

 

 

Kamele testen das Nadelöhr

Wenn das irdische Termingeschäft platzt und der Große Broker zum Börsenschluß läutet, dann will auch die Info-Elite in den Himmel. Vorher lohnt ein Preisvergleich mit Hilfe des FOCUS, Heft 31/1997. Ein miserables Preis-Leistungs-Verhältnis haben danach die herkömmlichen himmlischen Dienstleister: Der "klerikale Service" rechtfertige nicht die hohe Kirchensteuer. Viele Begüterte seien deshalb bereits ausgetreten. Auf dem Markt gebe es jedoch wesentlich preisgünstigere Mitanbieter, ein halbes Dutzend Freikirchen nämlich: "Sie erheben keine Steuern, sondern finanzieren sich durch Spenden". Die "optimale Kirche für Freiberufler" also, mit einem kundenfreundlichen Ambiente - "man hört von der Kanzel keine linken Sprüche".

 

 

Schröder zum ersten

Wenn Seelen verschmelzen

Kaum war die Königin der Herzen begraben, da meldete "die aktuelle": "Diana - Sie lebte schon mal als Sisi". Prof. Dr. Dr. Lattanzi hat bei den beiden nicht nur gleiche "Sternenkonstellationen" nachgewiesen, sondern auch identische psychologische und soziologische Daten. Daß Lady Di eine Wiedergeburt der Sisi von Österreich sein mußte, ahnte allerdings schon jeder, der "Mädchenjahre einer Kaiserin" aufmerksam verfolgt hat. Etwas schwieriger ist der Fall Gerhard Schröder. Ein Foto aus der ZEIT stützt zwar die These, daß auch in Schröder eine herumirrende Seele wiedergeboren wurde. Aber was könnte den alten Ludwig dazu treiben, gegen den Enkel Adenauers anzutreten? Und warum ist eine solche Seele Mitglied der SPD? Die Antwort kennt nur Prof. Lattanzi.

 

 

Schröder zum zweiten

Wenn die Liebe zerbricht

Blutiger Ehekrieg in Deutschland. Hiltrud "Hillu" Schröder (48), die Hexe von Immensen, kennt keine Gnade. BILD enthüllte am 19.9.97, mit welcher Brutalität sie Gerhard "Ex-Ehemann" Schröder (53) in den Ruin treibt. Schröder zu BILD: "Wenn Hillu sich mit ihren Forderungen durchsetzt, bin ich der erste Ministerpräsident, der von Sozialhilfe lebt." Dabei würde Schröder noch nicht mal die volle Sozialhilfe bekommen. Sein Gehalt (24.000 Mark/Monat) würde angerechnet. Wenn die Liebe zerbricht, kommt die Armut ins Haus...

 

 

Rühe räumt auf

Volker Rühe hat die Offiziere der Bundeswehr aufgefordert, sich stärker um ihre Untergebenen zu kümmern, meldet die WAZ (6.11.97). Nur so könnten rechtsextreme Vorgänge verhindert werden. "Wer sich als Führer nicht bewährt, muß mit Konsequenzen rechnen", sagte Rühe. Wie man hört, produziert die Bundeswehr zur Zeit ein neues Schulungs-Video. Arbeitstitel: "Wenn das der Führer wüßte".

 

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Siegfried Jäger:

"Ausländer und Deutsche gefährlich fremd" -
meint der Spiegel

Mit diesem Titel (vom 14.4.97) wollte DER SPIEGEL "Das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft" verkünden. Doch er verkündet keine Wahrheiten, sondern trägt zum - offenbar gewünschten - Scheitern einer solchen durch eben diesen Titel bei. Folgt man der hier inszenierten bildlichen Logik, so besagt diese, daß die so harmlos einherkommende Beschäftigung mit dem Koran (unten links) zu Gewaltbereitschaft führe (s. die bewaffneten türkischen Jugendlichen unten rechts) und diese zur uns bedrohenden islamischen Revolution. Die islamische Marianne schwingt die türkische Fahne mit typisch weiblich-adernschwellendem Fanatismus und lauter Stimme. Was die Islamisten alles drauf haben, erzählt uns das (grüne) Band unten links: Die Mykonos-Affäre(!), die "den Terror aus Teheran" - wie es innen heißt - nach Deutschland getragen habe.

Dieser Titel schürt Angst und soll Angst schüren. Und Angst macht zu Gegenmaßnahmen bereit, hetzt auf und fordert die Abwehr einer imaginierten Bedrohung "unseres deutschen Vaterlandes". Bereits dieser Titel ist rassistisch und volksverhetzend.

Der Artikel im Inneren legt nach: "Zeitbomben in den Vorstädten" - so lautet die Überschrift; und darunter heißt es: "Die Ausländerintegration ist gescheitert. Überall im Land entsteht eine explosive Spannung. Bei jungen Türken und Aussiedlern, Randgruppen ohne Perspektive, wächst die Bereitschaft, sich mit Gewalt zu holen, was die Gesellschaft ihnen verweigert." Darunter das Halbbild jugendlicher, gewaltbereiter Einwanderer, kopflos und damit ohne Subjektstatus, mit dem Stilett in der Hand, das jeder Zeit an die Kehle der Betrachter gesetzt werden kann, mit dem bekannten Griff zum Colt.

Und wer es immer noch nicht verstanden hat, dem sagt die Bildunterschrift: "Türkisch-kurdische Gang in Berlin-Kreuzberg: 'Die Jungs sind zu allem bereit'". Und jeder ergänzt: zu Mord und Todschlag, Raub und Vergewaltigung. Und der vom Jugendforscher zum Gewaltforscher mutierte Wilhelm Heitmeyer darf auch ran, mit Foto und der Phrase: "Ethnisierung sozialer Konflikte". Für diejenigen, denen die wissenschaftlichen Weihen für die kontrafaktischen Phantasmen des immer nationalistischer argumentierenden Magazins bis dato noch gefehlt haben.

 

 

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