DISS-JOURNAL
1/98
Lob und Hudel

Buchbesprechungen:
Herbert Schui / Ralf Ptak / Stephanie Blankenburg / Günter
Bachmann / Dirk Kotzur
Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme
Rechte
München 1997, Knaur
336 S., 16,90DM
Dieses Taschenbuch ist eine der wichtigsten Veröffentlichungen
der letzten Jahre zum Rechtsextremismus. Sie geht von einer
Kritik der Forschung aus, insofern lange Zeit das
Gesellschaftsbild und die gesellschaftspolitischen Ziele des
Rechtsextremismus vernachlässigt worden seien. Die Kernthese
lautet, daß sich die wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen
Konzepte der rechtsextremen Parteien durchweg nicht mehr am
Nationalsozialismus, sondern an neoliberalen Konstrukten in der
Tradition Friedrich von Hayeks orientierten. Diese These wird in
mehreren Schritten entwickelt. Zunächst werden die LeserInnen mit
den theoretischen Grundpositionen des Keynesianismus und
Neoliberalismus vertraut gemacht, anschließend werden die
Programme der rechtsextremen Wahlparteien (NPD, DVU, REPs, BFB)
daraufhin untersucht, inwieweit sie durch das neoliberale
Gedankengut geprägt sind. Dabei zeigt sich allerdings, daß von
einer durchgängigen Fixierung des Rechtsextremismus auf den
Neoliberalismus keine Rede sein kann. Ralf Ptak hat dies in einem
Artikel für das "Handbuch des deutschen Rechtsextremismus" meines
Erachtens zu Recht korrigiert: Man muß wohl heute von mindestens
zwei Lagern ausgehen, die sich unter den Positionen "totaler
Markt" oder "sozialer Patriotismus" versammeln. (h.k.)
Daniela Dahn
Westwärts und nicht vergessen: Vom Unbehagen in der
Einheit
Reinbek 1997, Rowohlt
208 S., 12,90 DM
Dies ist mit Sicherheit ein wichtiges Buch in der 'Debatte' um
die deutsche Einheit, das versucht, zu einer grundsätzlicheren
Auseinandersetzung anzuregen, als es den sich selbst als
'Architekten der Einheit' bezeichnenden Herren der CDU usw. lieb
wäre. Die Autorin vermißt jegliche politische Selbstreflexion im
Westen Deutschlands, die die Apotheose der BRD und vor allem des
Kapitalismus hätte verhindern können. Das Gegenstück zur
Vergöttlichung der BRD ist die Dämonisierung der DDR. Auf der
persönlichen Ebene prangert Daniela Dahn eine postwendiale
Schieflage an: Die BürgerInnen der Ex-DDR übten fleißig Reflexion
und Selbstkritik, während die BürgerInnen der Ex-BRD sich in
Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit überträfen. Während Dahn
mit dieser Kritik überzeugt, ist ihre Verteidigung der DDR als
Staat häufig auf Relativierungen angewiesen, die nicht immer
überzeugend sind. Außerdem verleitet sie ihr polemischer Stil
dazu, manch recht schwaches oder gar unlogisches Argument zu
bringen: Aus der Statistik, daß für 51% der Ostmänner die
Partnerschaft der wichtigste Lebensbereich sei, schließt sie
z.B., daß 'im Privatbereich durchaus mit den Frauen geteilt
wird.' (j.c.)
Anne Waldschmidt
Das Subjekt in der Humangenetik. Expertendiskurse zu Programmatik
und Konzeption der genetischen Beratung 1945-1990
Münster 1996,
Westfälisches Dampfboot,
345 S., DM 39,80
Zum Gegenstand ihrer umfangreichen wissenssoziologischen Studie
hat Anne Waldschmidt die Frage nach dem Subjekt der
humangenetischen Beratung gemacht. Im Sinne Foucaults untersucht
sie die historische Konstituierung des 'modernen humangenetischen
Subjekts' am Schnittpunkt normalisierender Wissensproduktion und
Machtbeziehungen. Die Praxis genetischer Beratung und Diagnostik
wird als ein Machtdispositiv rekonstruiert, das in spezifischer
Weise medizinische, juristische und pädagogisch-therapeutische
Wissenspraktiken zusammenschließt und, indem es eine auf
genetische Normalität orientierte Subjektivität produziert, eng
an die Dispositive der Sexualität und Familie gekoppelt ist. Der
historischen Rekonstruktion liegt eine breite Materialbasis
deutschsprachiger 'Expertinnen'-Texte aus dem Zeitraum 1945-1990
zugrunde, die mittels eines aus der Kombination der Ansätze
Qualitativer Inhaltsanalyse und Kritischer Diskursanalyse
entwickelten Instrumentariums analysiert werden. Die Untersuchung
macht deutlich, daß die Ausdifferenzierung und
Institutionalisierung des humangenetisch-medizinischen Diskurses
in der BRD weniger einen Paradigmenwechsel von Eugenik und
Rassenhygiene zu präventiver Medizin bezeichnet. Vielmehr geht
sie einher mit dem von Anne Waldschmidt materialreich und genau
dargestellten Übergang biopolitischer Praxis von
mörderisch-repressiver staatlicher Unterwerfung zu freiwilliger
und autonomer eugenischer Selbstnormalisierung. (esh)
Binjamin Wilkomirski
Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939 - 1949, Frankfurt am Main
1995
Jüdischer Verlag,
142 S., 48 DM
"Du mußt alles vergessen, alles war nur ein böser Traum."
Binjamin Wilkomirski konnte aber nicht vergessen. Als Kind hat er
die Shoa überlebt. Seine Mutter und seine Brüder sind im
Konzentrationslager ums Leben gekommen. Doch erst als 50jähriger
hat er seine Erinnerungen niedergeschrieben. Sie sind 1995 unter
dem Titel ,Bruchstücke" veröffentlicht worden.
Die Bilder seiner Erinnerung hat Binjamin Wilkomirski in kurze
Prosastücke gefaßt. Sie handeln von seiner Ankunft im Lager
Majdanek ebenso wie von der letzten Begegnung mit der Frau, von
der ihm gesagt wird, daß es sich um seine Mutter handele. Die
Großen im KZ erzählen ihm, daß die Welt außerhalb des Zauns
längst untergangen ist. Deshalb kann er den Schritt in die
Freiheit auch nur als einen Schritt ins Nichts begreifen, der ihn
ängstigt. Nach dem Faschismus wird er in eine schweizerische
Pflegefamilie aufgenommen. Doch Elternhaus und Schule sind nicht
in der Lage, den Erinnerungen des Kindes auch nur annähernd
gerecht zu werden. Man begegnete ihm mit der Aufforderung, alles
schnell zu vergessen. Ein zutiefst erschütterndes Buch. (m.j.)
Lore Walb
Ich, die Alte - ich, die Junge.
Konfrontation mit meinen
Tagebüchern 1933 - 1945
Berlin 1997, Aufbau-Verlag
369 S., 48 DM
"'Verstehen' muß nicht bedeuten, einverstanden zu sein." So
lautet der Titel des Nachworts von Thea Bauriedl zu einem
bemerkenswerten Tagebuch. Lore Walb, Jahrgang 1919, hat sich mit
ihren eigenen Tagebüchern konfrontiert, die sie in der Zeit des
Faschismus angefertigt hat. Sie muß entdecken, daß sie eine
engagierte Mitläuferin des Nationalsozialismus gewesen ist. Und
sie muß feststellen, daß sie diese und viele andere aus heutiger
Sicht unangenehme Erlebnisse lange Jahre verdrängt hat. Ehrlich
und beharrlich versucht sie, sich der Geschichte zu stellen. So
nimmt sie nicht nur die Daten aus ihren Tagesbüchern als
Grundlage zur Rekonstruktion, sondern führt ebenso aus, welche
Ereignisse in ihren Aufzeichnungen nicht vorkommen. Dabei
überfallen sie auch Zweifel, ob eine Erklärung überhaupt möglich
ist. ,Aber" - so lautet ihre Schlußfrage, ,werde ich je einer
Jüdin, einem Juden erklären können, warum das Wort Jude in meinem
Tagebuch nicht ein einziges Mal vorkommt?" (m.j.)

Joannah Caborn:
Foucault im Internet
Willkommen in der fortschrittlichsten Ecke der DISS-Zeitung! Hier
wollen wir für weltfremde Forscher Kontakte mit 'state of the
art' Technologie aufbauen, ein paar Berührungsängste abbauen,
aber vor allem Zeit sparen. Wer schon die erste Hürde überwunden
hat und sich mit Netscape und Suchmaschinen vertraut gemacht hat,
merkt bald, daß damit die Suche erst am Anfang steht. Bis ein
produktiver Suchbegriff gefunden ist, bis die angebotenen Seiten
aufgerufen und ausgewertet worden sind, kann es einiges an Zeit,
Geduld und eventuell auch Geld (in Form der Telefonrechnung)
gekostet haben. Also in den folgenden Zeilen etwas
Orientierungshilfe zum Thema Foucault im Netz der Netze. Als
erste Anlaufstelle empfiehlt sich www.synaptic.bc.ca/ejournal/foucault.htm,
eine Seite mit etwa 20
links zu anderen Foucault-Seiten und kurzen Erläuterungen dazu,
die wiederum kurz erläutert werden können. Die ersten 4 Angaben
können alle ernsthaft Forschenden ignorieren, da es sich nur um
Brockhaus-ähnliche Zusammenfassungen handelt. Der Artikel 'M.F.'s
Interpretative Analytics'
www.kaiwan.com/~lucknow/horus/guide/cm108.html basiert auf Dreyfus/Rabinow und ist auch eher einführend, bietet aber gute
Einstiegsmöglichkeiten. Bibliographien gibt es unter 'My
selective bibliography'
www.sir.arizona.edu/lf/student/duncan/foucault.htm und 'A
Geneology of Foucault'
www.csun.edu/~hfspc002/foucault2.html. Die
anderen Foucault Seiten der CSUN sind aber eher enttäuschend. Die
discussion lists (eine Art öffentliche email Adresse, die wie ein
schwarzes Brett funktioniert) könnte man mit einer interessanten
Anfrage wohl selber etwas beleben. Tiefschürfendere
Foucault-Analyse findet man in dieser Liste nur bei 'Foucault's
Subject of Power' mit der ausgefallenen Adresse
gopher://jefferson.village.virginia.edu/00/pubs/listservs/spoons/foucault.archive/papers/patton,
und bei 'Assuming Activism'
www.public.asu.edu/~billjay/foucauldian.html. Eine letzte
Bemerkung wert ist 'Steve Shaviro's Doom Patrols' http://www.dhalgren.com/doom, die
entschieden unter der Rubrik 'bizarr' fällt. Dazu kann man nur
sagen: Foucault wäre es recht!
P.S. Die meisten Seiten im Netz sind auf Englisch. Dies wird sich
nur ändern, wenn Ihr, liebe LeserInnen, Euch mit der Sache
beschäftigt und selber was im Internet erscheinen laßt. Also nix
wie ran!

Am 14.Oktober hat das DISS in der Cubus-Kunsthalle in Duisburg
Geburtstag gefeiert. In einer Rede hat Siegfried
Jäger die
Aktivitäten und Projekte des Instituts in den letzten Jahren
skizziert. Wir dokumentieren Auszüge.
10 Jahre DISS
Als wir 1987 das DISS als freies und unabhängiges Institut auf
die Füße gestellt haben, mit 9 Leuten und ohne Geld, da geschah
dies aus dem Bedürfnis heraus, wissenschaftliche Arbeit zu
organisieren, die für den Alltag, für politische Praxis nützlich
sein sollte.
Bald stellte sich heraus, daß die Studien des DISS, die
Vortragsangebote, die Seminare und Colloquien erstaunlich gute
Resonanz fanden, auch international.
Ich will hier nur einige Highlights nennen. Zunächst waren es
Projektwochen in Schulen zu Rassismus und Rechtsextremismus und
die Organisation größerer Vortragsreihen, etwa mit Arno Klönne,
Wilhelm Heitmeyer, Margret Feit, Marieluise Christadler u.a. Als
in den späten 80er Jahren sichtbar wurde, daß rechtsextreme und
rassistische Kräfte, ermutigt durch konservative Politik,
insbesondere durch Verschärfung der Ausländerpolitik, sich immer
deutlicher zu Wort meldeten und befürchtet werden mußte, daß es
nur eine Frage der Zeit war, daß es auch zu Taten und
Tätlichkeiten kommen würde, beschlossen einige Mitarbeiter des
DISS, ein umfangreiches Forschungsprojekt zum Rassismus im Alltag
durchzuführen.
1988/89 gab es dafür noch keinerlei öffentliches Interesse und
auch keine Forschungsmittel. Man beschied uns seitens
verschiedener Stiftungen und Forschungsgemeinschaften: es gebe
keinen Rassismus, und was es nicht gebe, könne man auch nicht
untersuchen.
Das Projekt "BrandSätze", das wir deshalb zusammen mit 25
ehrenamtlich arbeitenden Studenten dann 1990/91 durchführten,
zeigte, in wie erschreckendem Maße nahezu alle Deutschen in
rassistisches Denken verstrickt waren. Das Buch ist an über 200
Mitarbeiter des Innenministeriums von NRW verteilt worden; das
österreichische Schulministerium bestellte 1500 Exemplare zur
Verteilung an allen Gymnasien und weiterführenden Schulen. Die
seit den frühen 90er Jahren erfolgende Welle der Brandanschläge
und Überfälle, die bis heute nicht wirklich abgeebbt ist, kam für
uns und alle, die "BrandSätze" gelesen hatten, nicht unerwartet.
Die Veröffentlichung der Arbeitsergebnisse führte zu einer Fülle
von Vortragsanforderungen in ganz Europa mit dem Höhepunkt einer
Vortragseinladung an die Hebräische Universität in Israel.
Daneben gab es kaum eine deutsche Großstadt, in der wir nicht
vorgetragen hätten: in Universitäten, Volkshochschulen,
Stadträten, Parteien, in Landtagen und auch im Deutschen
Bundestag, aber auch in vor Ort arbeitenden Gruppen. Ja selbst
eine große Wirtschaftseinheit, das RWE beauftragte das DISS, ein
Jahr lang mit über 1000 Auszubildenden in rund 25
Wochend-Seminaren antirassistische Schulungsarbeit durchzuführen.
Ich denke, daß sich hier bewährt hat, das DISS als zwar
tendenziell linkes, aber parteipolitisch und
organisationspolitisch unabhängiges Institut zu verstehen.
Hinweisen möchte ich auch auf die entstandenen Kooperationen mit
Wissenschaftlern aus der Auschwitz-Stiftung in Belgien, aus
Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und den
Niederlanden. Zu nennen sind neben diesen Aktivitäten mehrere
große Forschungsprojekte, so etwa die Analyse der rechtsextremen
Intellektuellen-Zeitschrift Junge Freiheit, die unter dem Titel:
"Das Plagiat. Der völkische Nationalismus der Jungen Freiheit"
1994 von Helmut Kellershohn herausgegeben worden ist; ferner das
von der Bund-Länder- Kommission und dem Kultusministerium NRW
geförderte Projekt zur Einführung neuer Technologien in
berufsbildenden Schulen, das MAGS-Projekt zu Rechtsextremisten in
Parlamenten und zum Eindringen völkisch nationalistischer
Ideologeme in die Mitte der Gesellschaft.
Zur Zeit führen wir ein Projekt zur Medienberichterstattung über
Straftaten von Einwanderern und Flüchtlingen durch. Das Ziel ist
die Erarbeitung einer Handreichung für Journalisten mit dem
Arbeitstitel: Wie läßt sich bei der
Kriminalitätsberichterstattung vermeiden, daß durch sie
Diskriminierung und Rassismus gegen Einwandere geschürt werden?
Weitere laufende Projekte sind die Erforschung des Völkischen
Nationalismus und des Neo-Konservatismus der Gegenwart (ein
Projekt, das von Helmut Kellershohn geleitet wird) und
Untersuchungen zur neueren Entwicklung der Jungen Freiheit, die
sich seit 1994 einigen neueren Themen zugewandt hat (unter der
Leitung von Alfred Schobert).
Mit einem weiteren Projekt der DISS-Diskurswerkstatt zu
Biopolitik und Medien versuchen wir uns seit einigen Jahren ein
neues Forschungsfeld zu erschließen. Rechtzeitig zu unserem
Zehnjährigen können wir eine erste größere Publikation zu diesem
Thema vorlegen, das Buch "Biomacht und Medien. Wege in die
Biogesellschaft".
Uns war aufgefallen, daß zunehmend gesellschaftliche, also
soziale Probleme auf biologische Ursachen zurückgeführt werden
bzw. daß sie mit biologischen Mitteln gelöst werden sollen. Dies
betrifft nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche von der Medizin
bis zu genetisch veränderten Lebensmitteln, von der Vorstellung
von Geburt und Leben bis hin zu Tod und Sterben, über
Krankheit/Gesundheit bis zur Bio-Ethik- Konvention, die
medizinische Experimente an Menschen zuläßt, die diesen aus
welchen Gründen auch immer nicht zustimmen können.
Zur Zeit denken wir darüber nach, wie dieses Feld, auf dem die
Medien erheblich zur Akzeptanzverbesserung in der Bevölkerung
beitragen, in Zukunft weiter erforscht werden kann. Dazu sind
mehrere Projektanträge in Vorbereitung.
Damit es das DISS auch weitere 10 Jahre geben kann, sind wir auf
regelmäßige Spenden angewiesen. Von unserem Spendenaufkommen
können wir zwar keine Stellen finanzieren, doch hilft es uns, die
Grundkosten zu tragen. So sind wir nicht gezwungen, jeden
Forschungsauftrag anzunehmen und können uns auf wichtige brisante
Themen konzentrieren. Deshalb: Unterstützen Sie unsere Arbeit,
werden sie Mitglied im DISS! Nähere Infos gibt es im DISS, Realschulstr. 51, 47051 Duisburg, Tel. 0203/20249.
Brigitta Huhnke über Botho Strauß, Deutschlands meistgespielten
Theaterautor der Gegenwart
Faschistoide Phantasmen
In der Kultur kündigen restaurative Tendenzen schon lange vorher
an, was viel später erst im politischen Diskurs mündet. Diese
These des amerikanischen Politologen Murray Edelman belegt kein
anderer so umfassend wie Botho Strauß, Deutschlands
meistgespielter Theaterautor.
Dieser begann das patriarchale Raunen nicht erst mit seinem
Traktat "Anschwellender Bocksgesang". Schon seine frühen
ästhetischen Stücke durchziehen misogyne und nationalistische
Deutungsmuster. In Paare, Passanten (1981), seiner wohl
erfolgreichsten Veröffentlichung, schaut der Strauß'sche Erzähler
vom Podest des vereinzelten 'Genies', angewidert von der
"plappernden" Masse. Die Feuilletonisten jubelten, die (deutsche)
wissenschaftliche Literaturkritik schläft bis heute.
In Paare, Passanten, dieser Ansammlung von Alltagsbeobachtungen,
stiften immer wieder Frauen Männer zur Sinnlosigkeit an. Gleich
am Anfang empört sich das alter ego des Autors über eine
(namenlose) Frau, die von "Zeit zu Zeit, wenn ihr eben danach
ist", einen "gutgekleideten, kräftigen Burschen" aufsucht, mit
dem sie sich offensichtlich sexuell vergnügt. Doch das geht der
lebensüberdrüssigen Grundhaltung total gegen den Strich, und
latente Aggression schleicht sich ein:
"Vor dem Haus streichelt sie dem Mann in seinen weißen Hosen zum
Abschied über die Wange. Weich und dankbar sieht es aus,
lebensklug und nicht frivol. Eine umfassende Gebärde gleichwohl
für die lasche Güte und die Auswegsfülle, in der mittlerweile das
Lieben abseits der Liebe verläuft. Wir haben es hier eher zu tun
mit einer liberaldemokratischen Einrichtung, chaoslos und
angstfrei, die Liebe dem Guten untergeordnet, domestiziert und
der Freiheit gewidmet. Die Angst gehört den Atomkraftwerken.
Keiner ist mehr gezwungen, sie an seiner geschlechtlichen Quelle
selbst zu ertragen. (Paare, Passanten 1984, 16). Diese zeitgemäße
Abwandlung der roten Hure ist also Demokratin, demonstriert vor
dem Atomkraftwerk und verschafft sich sexuellen Genuß ohne
Schmerz und Versagung. Das allerdings gefährdet in der Tat die
sexuelle Identität vieler Männer. Und auch das 'Gute', das sich
die Liebe unterordnet (!), wird hier bereits zehn Jahre, bevor
der "Gutmensch" als Schimpfwort in den öffentlichen Diskurs
fließt, negativ konnotiert.
Huren, die ihn nicht bedrohen, findet der Erzähler nur im Kind
weiblichen Geschlechts. Vorsorglich hat Strauß seine pädophilen
Gewaltvorstellungen mit "Dämmern" überschrieben. Doch nicht
einmal notdürftig bleibt der Schein des Somnabulen gewahrt. Das
erste Kind - wie auch die anderen "Beute" genannt - erwartet ihn
vor seinem Auto: "Wir sprachen nicht. Verschlossen sah sie zur
Seite, legte das Kinn auf ihr Knie. Die Schweißperlen des
einsamsten Sich-überlassen- Seins. Dann begnügte sie sich damit,
mein Geschlecht in den Mund zu nehmen. Ich begriff, daß wir einer
Welt der vollkommenen sexuellen Gleichgültigkeit
entgegenschwebten."
Mit der nahenden Ejakulation kommt dann nichts als Verachtung
hoch: "Das nackte Huhn! Ich drückte ihren brustlosen Oberkörper
zwischen meine Beine, preßte beide Hände flach in ihre kleinen
Achselkuhlen und starrte auf ihren schmalen, wundgescheuerten
Babypopo" (Paare, Passanten, 127 ff).
Vom Tatort Kinderstrich flüchtet er in den Mythos: "Die
menschliche Sexualität und ihre Kultur waren das Mythenreservoir
- die stumme Götterwelt dieser untergetauchten, geheimnisvollen
Wesen. Ein müdes Bedürfnis zu lieben und dabei müde zu bleiben,
hob sie dann und wann zu uns empor" (Paare, Passanten, 128).
Auch seine politische Grundhaltung beschreibt Strauß bereits in
diesen halbfiktiven Beobachtungen sehr klar. So erzählt er von
A., "nur ein Mitläufer im Nazi-Regime", der sich im Kino in einer
alten Wochenschau wiedererkennt: "Ja, denkt er und fühlt sich
anonym bis in die Fingerspitzen, ich war dabei, ich habe
geschrien, ich war ein Volk - ein Schrei. Jetzt sitze ich allein
unter vielen Jungen in einem dunklen Kino, lauter kritische
Köpfe, die sich nur wundern können über unseren Schrei, die sogar
in johlendes Gelächter darüber ausbrechen und keinerlei Ehrfurcht
vor dem Bösen empfinden" (Paare, Passanten, 173).
Die Progrome im Deutschland der neunziger Jahre rechtfertigt
Botho Strauß im Anschwellenden Bocksgesang als notwendiges
Ritual: "Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind 'gefallene'
Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen,
ordnungsstiftenden Sinn hatten". Deshalb: "Der Fremde, der
Vorüberziehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in
Aufruhr ist. Der Sündenbock als Opfer der Gründungsgewalt ist
jedoch niemals lediglich ein Objekt des Hasses, sondern ebenso
ein Geschöpf der Verehrung: Er sammelt den einmütigen Haß aller
in sich auf, um die Gemeinschaft davon zu befreien. Er ist ein
metabolisches Gefäß" (Der Spiegel 8.2.93).
Diese politische Alltagsprosa ist aus der Jungen Freiheit
bekannt. Doch Strauß hat seinen Bocksgesang im Spiegel
publiziert, im drittgrößten politischen Wochenblatt der Welt.
Strauß will für die konservative Elite den 'höheren Auftrag',
auch wieder gegen das "Gutgemeinte".
Vagheiten, überbordende Metaphorik, Bildbrüche und einschlägiges
Assoziationsspiel gehören zu seinem ästhetischen Handwerkzeug.
Die Sehnsucht nach einer transzendentalen Autorität, nach der
gewaltvollen Entladung, ist ebenso lange im Werk angelegt wie
seine klischeehaften Alltagsbeobachtungen. Diese Mischung
verkörpert die Leere einer flackernden Depression, gepaart mit
dem kalten Wunsch nach einem autoritären Korsett, um dem
Hedonismus der (beneideten) Anderen im Alltag Einhalt zu
gebieten.
Als Ignatz Bubis mehr als ein Jahr nach dem Bocksgesang Strauß
zum "Phänomen des intellektuellen Rechtsradikalismus" zählte,
kanzelte Ulrich Greiner dies in Die Zeit als "ungeheuerlichen"
Vorwurf ab. Im Spiegel durfte Strauß selbst nachtreten. Im Gestus
rechtsextremistischer Rabulistik empört er sich: Niemand würde
gegen einen Schriftsteller, der für den "demokratischen
Sozialismus" einträte, "den Vorwurf" erheben, er mache "Stimmung
für die Wiederkehr stalinistischer Blutbäder". Und er bekommt den
Dreh zum "pc"-Diskurs: "Es droht von der Linken keinerlei
geistige Anregung mehr; sie wird sich allenfalls beteiligen an
der Organisation des gesellschaftlichen Zerfalls in Form der
politischen Korrektheit" (Der Spiegel 18.4.94).
Dann kam es, wie es kommen mußte, zur umfassenden Hommage an den
Dichter: Die Selbstbewußte Nation. Zum nationalen Raunen finden
sich in diesem Band 27 Autoren zusammen, unterstützt von einer
einzigen Frau, Brigitte Seebacher-Brandt, kein brauner
Schlägertrupp also, sondern vielmehr ordentliche Professoren,
Journalisten, Sachbuchautoren sowie eine ehemalige
Sozialdemokratin. Aber genau diese ehrenwerte Gesellschaft mit
ihren rechtsextremistischen Ansichten ist das eigentliche
Problem.
Unterdessen ist Strauß weiter ästhetisch aktiv. In Ithaka
entwirft er 1996 die erlösende Vision. Mit geschwollenem Pathos
erzählt Strauß die Geschichte der Heimkehr von Odysseus zu seiner
Frau Penelope nach und pointiert auf seine Weise, mit
"Abschweifungen, Nebengedanken, Assoziationen". Geschützt durch
die Göttin Athene mordet Odysseus am Ende wie im Rausch die
verschwendungssüchtigen Freier, die sein Eigentum, das Schloß und
Penelope, belagert haben. In dieser unschwer erkennbaren Metapher
auf die abgelehnte moderne Konsumgesellschaft liberaler Ordnung
kommt es am Schluß zu einer Art völkischem Manifest:
"Da nun wieder vereint ist das Paar, tritt durch sie beide die
heilige Ordnung wieder in Kraft. Odysseus gebietet über die Insel
und alle Städte und Stämme, die um die kluge Penelope warben.
Eide der Treue schwören ihm Festland und Inseln. Wir aber
verfügen, was recht ist: aus dem Gedächtnis des Volkes wird Mord
und Verbrechen des Königs getilgt. Herrscher und Untertanen
lieben einander wie früher. Daraus erwachsen Wohlstand und Fülle
des Friedens den Menschen. Aus göttlichem Spruch entstand der
Vertrag." (Ithaka 1996, 103)
Die Gewalt des Führers ermöglicht auch den 'wahren' Eros. Liebe
heißt Entsagung, wie Strauß am Verhalten Penelopes zeigt. Die
hatte sich nämlich aus Kummer, im masochistischen Warten auf
Odysseus, eine unförmige Körperhülle angefressen, fast bis zur
Bewegungsunfähigkeit. Doch als die Kunde über des Geliebten
richtende Hand zu ihr dringt, erwachen ihre sinnlichen Kräfte. Am
Ende ist sie schön und "seltsam verjüngt": Das martialische
Abschlachten als symbolische, orgiastische Stimulanz.
Damit ist er endlich ausformuliert, der Gegenentwurf zu der
jungen Frau in Paare, Passanten, die "liberal-demokratisch" ihre
Sexualität genießt und gegen den Wahnsinn patriarchaler
Rationalitätskonstruktionen wie Atomkraftwerke demonstriert.
Wahre Liebe bedeutet vor allem für Frauen Qual. Gewalt gehört zu
den geheimen Kräften männlicher Sexualität und verschafft
Führungscharisma. Damit wären wir bei den abgestandensten aller
Männermythen angelangt. Doch so banal kommen faschistoide
Phantasmen meistens daher.