In Kooperation mit dem Suhrkamp-Verlag und dem hauseigenen Institut für Philosophie lud das Institut für Sozialforschung (IfS) vom 27. bis 29.9.01 in die Hörsäle der Universität Frankfurt am Main ein, um sich disziplinübergreifend über die aktuelle Relevanz des Werkes von Michel Foucault auszutauschen. Es sollte eine ‚Zwischenbilanz’ der Foucault-Rezeption gezogen werden und dazu hatte man sich renommierte Referentinnen und Referenten eingeladen – und die eingeladenen Vortragenden waren es schließlich auch, die für Wirbel und Diskussionsanregungen sorgten.
Der Eröffnungsvortrag war dem Leiter des IfS Axel Honneth vorbehalten. Dem Habermas-Schüler zufolge eröffne Foucault dem Leser ein zwischen ‚Spezifizität’ und ‚Marginalität’ (Gary Gutting) zerklüftetes, disharmonisches und diskontinuierlich aufgebautes Werk, das sich jedem direkten, gradlinigen Interpretationsversuch entziehen müsse. In dem, was Honneth schließlich die ‚materialistische Transformation der Spätphilosophie Wittgensteins’ nennt, liege der theoretische Ertrag von Foucaults Schaffen.
Direkt im Anschluss hingegen bescheinigte der Althistoriker Paul Veyne (Paris) seinem verstorbenen Freund Foucault, einen provokanten Aspekt in den Vordergrund gerückt zu haben: Der Mensch könne allenfalls den Begriff ‚Wahrheit’ bilden, nicht jedoch diese Wahrheit selbst finden. Entsprechend dürfe der „menschliche Bildungsroman (...) auf kein Happyend mehr hoffen.“
Am zweiten und dritten Tag fanden morgens Workshops zu Themen statt, wie etwa ‚Subjektivierung als Kontrollstrategie’, ‚Genealogie als Kritik’ oder ‚Foucault und die Geschichtswissenschaft’. Die Nachmittage waren Vorträgen und Kommentaren in Plenarveranstaltungen gewidmet.
Hier machte Nancy Fraser (New York) zum Thema ‚Analytik der Politik’ den Vorschlag, Foucault als den Theoretiker des Fordismus zu historisieren, da seine Antworten auf Phänomene wie die Globalisierung oder die Deregulierung im aktuellen Postfordismus nicht mehr zureichend seien. Dies wurde von Thomas Lemke (Wuppertal) und Cornelia Vismann (Frankfurt/O) allerdings bestimmt und pointiert zurückgewiesen: Die Rezeption von Foucaults umfassendem Begriff der Regierung, wie dies etwa seit zehn Jahren durch die gouvernemental studies geschehe, zeige die uneingeschränkte Bedeutung des Franzosen für die Rettung von Kritikoptionen, so Lemke. Ins gleiche Horn stieß auch Judith Butler (Berkley), die einige Aspekte des Verhältnisses von Macht und Körper in Foucaults Werk aufzeigte. Foucaults Forderung neue Subjektivitäten hervorzubringen, könne nur eingelöst werden, wenn die kompliziert zu denkende temporäre Symbiose von Macht und Körper nachvollzogen würde: Macht wirke durch den Körper, sei diesem jedoch wesensmäßig äußerlich – demnach wirke Macht auf den Körper und reproduziere diesen gleichzeitig. In der letzten Plenarveranstaltung zum Thema ‚Ästhetik der Existenz’ stellte Richard Shusterman (Philadelphia) seine eigene Lesart bezüglich Foucauts Ethik der Selbstsorge vor, indem er Grundzüge einer Somästhetik vorstellte. Dies wurde von Christoph Menke (Potsdam) und Heidrun Hesse (Tübingen) eher bezweifelt.
Nach drei Tagen, die erfüllt waren von der vielfach kontroversen Diskussion um die aktuelle Bedeutung des Foucaultschen Werkes, konnte der Eindruck entstehen, dass sich in Frankfurt/M im Wesentlichen zwei Gruppen gegenüber standen: Zum einen diejenigen, die Foucaults Bedeutung auf eine historische Größe reduzieren wollen. Tatsächliche Interventionsmöglichkeiten im zeitgenössischen disziplinübergreifenden, wissenschaftlichen Theoriediskurs sprechen sie Foucault ab. Zum anderen die Gruppe derer, die durch ihre Vorträge und Studien den Beweis anzutreten suchten, dass Foucault „Antworten suchte, für die wir erst heute Fragen finden.“ (Lemke).