DISS-JOURNAL 9(2001)

 

Rezensionen

 

 

Kathrin Braun
Menschenwürde und Biomedizin
Zum philosophischen Diskurs der Bioethik
Campus Forschung Band 802, Frankfurt / Main 2000
309 Seiten, DM 68, ISBN 3-593-36503-0

1.      Welchen Anfechtungen ist die Idee der Menschenrechte in der Medizin und Biologie ausgesetzt?

2.      Anhand welchen normativen Maßstabs lassen sich diese Anfechtungen kritisieren?

3.      Schützen die Bioethik-Konvention und die UNESCO-Deklaration zum menschlichen Genom die Menschenrechte gegenüber diesen Anfechtungen?

Diesen Fragen geht Kathrin Braun in ihrer Analyse bioethischer Diskurse nach. In Anknüpfung an die Diskurstheorie Michel Foucaults diskutiert sie zunächst die Dissoziation von Mensch und Person in den wichtigsten theoretischen Ansätzen der Bioethik u.a. bei Peter Singer. Dann setzt sie sich kritisch mit Ronald Dworkins Konzept liberaler Lebensbewertung auseinander. Schließlich analysiert sie die beiden internationalen Instrumente zum Schutz von Menschenrechten: die Bioethik-Konvention und die UNESCO-Deklaration zum menschlichen Genom. Als normativen Maßstab legt sie dabei Kants Begriff der Menschenwürde zugrunde. Braun konstatiert, dass diese bioethischen Grundlagendiskurse und die vermeintlichen Menschenschutzinstrumente das Konzept der Menschenrechte zugunsten einer biomedizinischen Bewirtschaftung des Menschen auflösen. Auf der Basis des Instrumentalisierungsverbots arbeitet sie eine machtkritische Argumentationsgrundlage gegen eine bioethisch legitimierte Einteilung von Menschen in verschiedene Wertekategorien aus. Die von Kathrin Braun in ihrem Forschungsansatz entwickelte Verknüpfung der politischen Theorie Foucaults mit der kantischen Kategorie der Menschenwürde ist innovativ und lohnenswert. Für die Opposition gegen die bioethische und biomedizinische Instrumentalisierung des Menschen ist dies ein unentbehrliches Buch!

D.O.

 

 

Farideh Akashe-Böhme:
Die Burg von Char Barrdi. Von Persien nach Deutschland –
die Geschichte einer Kindheit und Jugend
.
Frankfurt a.M. 2000, Verlag Brandes und Apsel GmbH,
164 Seiten, ISBN 3-86099-193-0

Akashe-Böhme legt mit dieser Erzählung einen sehr subjektiven, biografischen Bericht vor, der in ihre Kindheit in Persien zurückreicht und in ihrem „Exil“ Deutschland endet (159).

Im Dorf Char Barrdi aufgewachsen, erlebt sie ihre erste Schulzeit in der Familie ihrer älteren Schwester. Mit 12 Jahren widersetzt sie sich einer vom Vater arrangierten Verlobung. Erst als sie das Versprechen erhält, weiter zur Schule gehen zu können, willigt sie in eine andere Verlobung ein. Ihr Ehemann, der bereits in Deutschland lebt, holt sie ebenfalls nach Darmstadt, wo sie eine ambivalente Entwicklung erlebt: Auf der einen Seite ist sie mit einem Perser verheiratet, der sie missachtet und misshandelt; auf der anderen Seite gerät sie in die deutsche Studentenbewegung der späten 60er Jahre und beteiligt sich aktiv an verschiedenen Protestaktionen (u.a. auch gegen das Schah-Regime, gegen den Vietnam-Krieg etc.). Ihre Erfahrungen mit Deutschen, die man heute als rassistisch bezeichnen würde, beurteilt sie neutraler: „Ausländer wurden mit Neugierde betrachtet.“ (S. 123)

Ihre erste Ehe scheitert; und sie schafft es ihr Studium der Germanistik, später Soziologie zu finanzieren. Ihre Familie, die weiterhin in Persien lebt, bricht nach der Scheidung zunächst den Kontakt zu ihr ab, der erst Mitte der 70er wieder zustande kommt.

Ihr Misstrauen gegen das neue iranische Regime hält sie davon ab, zu ihrer Familie zurück zu kehren. Ihr „Exil“ Deutschland „...sollte...ein Exil auf Dauer sein (S. 159).

Der Bericht zeigt chronologisch – unterbrochen von eigenen Interpretationen – die Unterschiedlichkeit verschiedener Lebensbereiche im sogenannten Orient und Okzident. Auf deutsche Leserinnen können allerdings Wertungen der „orientalischen“ Lebensweise, die z.T. archaisch erscheinen, negative Effekte erzielen.

Die Sichtweise auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse, die sich ständig gegeneinander setzt, ist aus einer eurozentrierten Perspektive geschrieben, die das gesellschaftliche Leben im Iran, besonders für Frauen, als rückständig begreift. Dabei werden gesellschaftliche Benachteiligungen im Okzident in den Hintergrund gerückt.

G.C.

 

 

Rudolf Leiprecht:
Alltagsrassismus.
Eine Untersuchung bei Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden,
Waxmann, Münster/New York 2001,
472 Seiten, 68 DM

„Wie beziehen sich Jugendliche auf Soziale Repräsentationen, Diskurse und Ideologien, die mit rassistischen, nationalistischen und ethnizistischen, aber auch mit sexistischen Bedeutungsmustern zu tun haben? Wie gehen sie damit um und welche Effekte hat dies?“ Das ist die Ausgangsfrage dieser umfangreichen empirischen Untersuchung des bekannten Rassismusforschers Rudi Leiprecht. Dabei geht es um einen internationalen Vergleich Deutschland – Niederlande, um auch die Besonderheiten der jeweiligen Gesellschaften erfassen zu können. Nach ausführlicher Theorie- und Methodendiskussion (Bereitstellung der „Denkwerkzeuge“) und einer gründlichen Beschäftigung mit dem Forschungsstand, wird im Hauptteil der Arbeit das gewonnene Datenmaterial dargestellt und analysiert und im Kontext anderer Untersuchungen diskutiert, und es werden allgemeine Tendenzen in beiden Ländern herausgearbeitet. Es folgt eine vertiefende Darstellung der niederländischen Situation, wobei auch ein Verglich mit dem Mediendiskurs der Einwanderung vorgenommen wird.

Die Arbeit, die im Zusammenhang des Projekts „Internationales Lernen“ steht, aus dem seit 1991 eine Fülle höchst interessanter und auch pädagogisch relevanter Untersuchungen hervorgegangen ist, kommt zu einer Fülle interessanter Ergebnisse, die hier nicht im einzelnen dargestellt werden können. Spannend dürfte sein – als allgemeine Ländertendenz –, daß die Jugendlichen aus Deutschland ein stärker ´eindimensional-national´ und ein weniger ´multiperspektivisch´ orientiertes Antwortverhalten als die Jugendlichen aus den Niederlanden zeigten. Aus der Perspektive des DISS erfreulich ist die Tatsache, daß sich die Kritische Diskursanalyse auch für diese Untersuchung als offensichtlich sehr brauchbar erwiesen hat. Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, auch wenn man sich für seine Lektüre einige Wochen Zeit nehmen sollte.

S.J.

 

 

Christoph Butterwege / Georg Lohmann (Hg.):
Jugend, Rechtsextremismus und Gewalt.
Analysen und Argumente.
Opladen 2000, Verlag Leske und Budrich,
304 Seiten, ISBN 3-8100-2976-9

In diesem Band setzen sich Pädagoginnen, Sozialwissenschaftlerinnen, Juristen, Journalisten, Lehrerinnen und andere aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Problem des Rechtsextremismus auseinander. Dabei wird allenthalben betont, dass es sich nicht um ein Problem handelt, das ausschließlich Jugendliche betrifft (Butterwegge, 13). In vier verschiedenen Kapiteln (Hintergründe und wissenschaftliche Erklärungen; politisches und gesellschaftliches Problem; Schule und Unterricht; Jugendarbeit und Weiterbildung) werden sowohl Analysen vorgestellt wie auch Handlungsangebote an Multiplikatorinnen gemacht, die in verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen arbeiten.

So stellt z.B. Susanne Utvolden, Abteilungsleiterin im Jugendamt Magdeburg, in ihrem Beitrag “Rechtsradikale Jugendliche – nur ein Problem der Jugend?” anhand eines Modells von vier Erfahrungsebenen (Freiheit, Toleranz, Partizipation, Transparenz) dar, welche Werte v.a. von LehrerInnen vermittelt werden müssten, um rechtsextremen Haltungen demokratische Prinzipien entgegen zu halten. Denn: “Nur durch die Wahrnehmung der Verantwortung, die jeder Einzelne als kleinster Teil der Gesellschaft hat, wird es Veränderungen geben."”(S. 116)

Die vorgelegten Analysen und Ratschläge sind für die Herausgeber keine “Patentrezepte” (10); sie sind jedoch geeignet, um die Diskussion um Rechtsextremismus, Jugend, Gewalt und Gegenmaßnahmen zu erweitern. Die Vielfalt der Beiträge zeigt nicht zuletzt die Vielfalt der möglichen Handlungsoptionen. Deshalb ist dieses Buch jeder/m zu empfehlen, die/der sich mit dem Problem Rechtsextremismus auseinandersetzt und in Bereichen wie Bildung, Jugendarbeit u.ä. tätig ist.

G.C.

 

 

Dirk Scholten:
Sprachverbreitungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands
Peter Lang, Frankfurt/M. 2000
445 Seiten, 128 DM

Im Detail sieht manches, was als herrschende Lehre gilt, meistens anders aus. Die Vorstellung, daß die deutsche Sprachverbreitungspolitik (SVP) der Nationalsozialisten allein darauf aus war, „rassisch“ guten Menschen auch die deutsche Sprache zu gewähren, diese aber „minderwertigen“ vorzuenthalten, ist so ein Teil einer herrschenden Lehre, die in der Dissertation von Dirk Scholten auf differenzierte Wiese widerlegt werden konnte. Scholten beschreibt auf der Grundlage akribischer Archivrecherchen die SVP der Nazis in Luxemburg, Tschechien und Slowakei, Ungarn, Estland, Lettland, Litauen und Weißrußland sowie in Rußland und der Ukraine. Er nennt die Institutionen der SVP, skizziert jeweils den politischen Rahmen in den betreffenden Ländern, bezieht sich besonders auf deutsche Minderheiten, unterscheidet zwischen offen deklarierten und verdeckten SVPs und analysiert die sprachverbreitungspolitischen Maßnahmen, die ergriffen wurden. Er zeigt auf, wie die Verbreitung politisch instrumentalisiert worden ist: außenpolitisch, propagandistisch und ideologisch. Liest man dieses wichtige Buch auf dem Hintergrund der Bemühungen der deutschen Sprachwissenschaft im Nazideutschland, wie sie etwa durch den Tübinger Linguisten Gerd Simon u.a. herausgearbeitet worden sind, und betrachtet man dazu die Entwicklung der germanistischen Sprachwissenschaften bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts und darüber hinaus, erhält man vielleicht eine erste Ahnung davon, weshalb diese – zumindest in weiten Teilen – ein derart kümmerliches Bild abgibt. Entweder ist man über Leo Weisgerbers völkische Sprachbetrachtung nicht hinausgekommen oder man verharrt in einem trockenen Strukturalismus, der sich scheut, das zur Kenntnis zu nehmen, was der Diskurs transportiert: jeweils gültiges Wissen.

S.J.

 

 

Benedict Föger/Klaus Taschwer:
Die andere Seite des Spiegels.
Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus
Czernin-Verlag Wien
254 Seiten, 45,90 DM

Seine Bücher stehen in fast allen deutschen Haushalten. Er ist Nobelpreisträger. Er leugnete, besondere Affinitäten zum Nationalsozialismus gehabt zu haben. In dem neuen Buch von Föger/Taschwer wird dagegen klar belegt, daß Konrad Lorenz  ein glühender Verehrer der Nazis war und ihnen eine Rechtfertigung für das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ lieferte. Dieses Gesetz war die Grundlage für „das >Ausmerzen< - zunächst von Behinderten und >Asozialen<, bald aber auch von Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und politischen Gegnern“, wie die Autoren schreiben. Nach Sichtung neuerer Quellen belegen Föger und Taschwer, wie sehr Lorenz den Nazis verbunden war. Zum Anschluß Österreichs schrieb er in einem Brief: „Wir jubeln alle wie kleine Kinder.“ Und: „Wir Österreicher sind die aufrichtigsten und überzeugtesten Nationalsozialisten überhaupt.“ In seinem Antrag zur Aufnahme in die NSDAP vom 28.6.1938 etwa beteuerte er: „Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist.“ Seine „ganze wissenschaftliche Lebensarbeit“ stehe „im Dienste nationalsozialistischen Denkens.“ Doch das waren nicht nur Lippenbekenntnisse. Er war an einem Projekt beteiligt, das das Ziel verfolgte, Charakter und völkische Blutanteile in Beziehung zu setzen. Kein Wunder, daß er mit solchen Erkenntnissen zum Kronzeugen rechtsextremer Schreiberlinge avancierte – bis heute. Bekannt ist seit langem, daß er seine „Erkenntnisse“, die er bei Tierversuchen gewonnen hatte, ohne weiteres auf den Menschen übertrug. Die Verhaltensforscherin Hanna-Maria Zippelius wies zudem nach, daß bereits die Tierversuche eher von völkischem Grunddenken gesteuert waren als von wissenschaftlicher Redlichkeit. (Die vermessene Theorie. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Instinkttheorie von Konrad Lorenz und verhaltenskundlicher Forschungspraxis, Wiesbaden 1992)

Meine Leseempfehlung lautet denn auch: Alle die ein Buch von Konrad Lorenz im Regal stehen haben, sollten den Text von Föger/Taschwer danebenstellen. Dadurch erhielte dieses wichtige Buch eine Auflage von vielen Millionen.

S.J.

 

 

Norman Dennis, George Erdos, Ahmed Al-Shahi
Racist Murder and Pressure Group Politics:
The Macpherson Report and the Police

Institute for the Study of Civil Society, 2000, 178 S.

Mit diesem Buch reagieren die Autoren, die sich in verschiedenen Publikationen mit dem Race-Class-Gender-Problem - auch in Zusammenhang mit der Problematik wachsender Kriminalität in der britischen Gesellschaft - beschäftigen, auf den sog. Macpherson-Report, eine weiträumig angelegte, von der Labour-Regierung auf Drängen der Eltern des Opfers in Gang gebrachte Studie zum Tod des schwarzen Teenagers Stephen Lawrence 1993. Der Report legt das Vorhandensein eines „institutionellen Rassismus“ - eines Rassismus, der Gesetzen, Verordnungen und institutionellen Praktiken inhärent ist und dem sich die Vertreter der Institutionen nicht bewusst sind oder dem sie aufgrund des allgemeinen Umgangs damit unkritisch gegenüber stehen - in der britischen Gesellschaft offen und fordert umfangreiche Programme, dem entgegenzuwirken.

Das vorliegende Buch enthält eine vernichtende Kritik der Methoden und Schlussfolgerungen der Stephen-Lawrence-Untersuchung, die zu dem Report führte, und vergleicht diese mit den Stalinistischen Schauprozessen der 30er Jahre. Die Schlussfolgerungen werden – leser-beeinflussend - schon in der Einleitung dargestellt, danach erst folgt eine sehr ausführliche Analyse. Beschrieben wird ein Anstieg der Kriminalitätsrate nach der Untersuchung; das Grund-Problem wird als Teufelskreis dargestellt: „Die Infragestellung, dass es sich bei dem Mord an Stephen Lawrence um ein rassistisches Verbrechen gehandelt hat, erbrachte bereits den Beweis für das Vorliegen von Rassismus.“ Die Autoren stellen den Zusammenschluss einer destabilisierten Linken dar, die versucht, nach dem Zerfall ihrer Ideologie, sich nun unter dem Stichwort „Anti-Rassismus“ neu zu formieren. Den Macpherson-Report sehen sie als erste Frucht dieser Bestrebungen, „Pressure Group Politics“. Die Analyse bleibt verhaftet in der Ablehnung, verstehen zu wollen, was das Konzept des „institutionellen Rassismus“ bedeutet. Immer wieder wird herausgestellt, dass die Untersuchung keinem Ermittler Rassismus nachweisen konnte und somit die vorgelagerte Ebene der Bedeutung „institutioneller Rassismus“  übersprungen. Die Autoren sehen den Tod von Stephen Lawrence, den sie der schwarzen Mittelklasse zuordnen, bedingt durch die britische Politik der letzten 40 Jahre und stellen die „Class“-Komponente des Falls in den Vordergrund: Die Mörder, hervorgebracht durch eine marode Sozialpolitik, handelten aus der Situation sozialer Benachteiligung und spielen somit ironischerweise einer Politik zu, die weiter zu ihrer sozialen Benachteiligung führt. Sprachlich und argumentativ auf hohem Niveau wird hier die engagierte Arbeit, Rassismus entgegenzuwirken, zunichte gemacht und als „zur Zeit modern in politisch militanten Kreisen“ abgetan. Inhaltlich verwerflich wird die Problematik heutiger multikultureller Gesellschaften verkannt und Integration als abgeschlossener Prozess den Schlussfolgerungen vorausgesetzt.

I.B.

 

 

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