DISS-JOURNAL 7(2000)

 

 

Lob und Hudel

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Rezensionen

Johannes Klotz/Gerd Wiegel (Hg.):
Geistige Brandstiftung.
Die neue Sprache der Berliner Republik,
Berlin 2001, Aufbau, 16,90 DM

Ein Buch gegen die Schlußstrichpolitik, wie sie neuestens massiv wieder im SPIEGEL niederkommt. Anhand der Friedenspreisrede Martin Walsers und der Reaktionen darauf und der Aussagen und Auslassungen Rudolf Augsteins zu den Juden wird der Versuch gemacht, den „Normalisierern“ argumentativ Paroli zu bieten. Wie schwer das inzwischen ist, zeigen ausgewählte Zitate im Vorspann:

Klaus von Dohnanyi am 26. Mai 2000: „...12 Jahre NaziTerror, so tragisch und verbrecherisch sie waren, sind nicht die zentrale Achse der deutschen Geschichte.“

Gerhard Schröder am 4. Februar 2000: „Uns steht das Argument ›Wegen der deutschen Geschichte geht es nicht‹ nicht mehr zur Verfügung.“

Und man könnte aus dem SPIEGEL vom 7.5.01 hinzufügen: Bernhard Schlink, Professor für Öffentliches Recht und Romanautor: „Was beim Wunsch der jungen Generation, stolz darauf zu sein, deutsch zu sein, stimmt, ist das Bedürfnis nach einer Biographie, die ein stimmiges Selbstbewußtsein und ein stimmiges Verhältnis zu den anderen trägt. Für die junge Generation kann die Vergangenheit des Dritten Reiches und des Holocaust nicht mehr die Gegenwart sein, die sie für meine Generation ist, und wenn die Vergangenheit von ihr nicht abgetan werden soll, muß sie für sie in der Geschichte aufgehoben werden.“ Da wird sich Lorenz Meyer aber freuen und erst recht die jungen Nazis, deren KernParole zum Schlagwort der Mitte avanciert ist. Klotz, Wiegel und ihren CoAutoren Kai Köhler, Wulf D. Hund und Thomas Gondermann (und nicht nur diesen) steht also noch viel Arbeit bevor.

S.J.

 

Christoph Deutschmann
Die Verheißung des absoluten Reichtums.
Zur religiösen Natur des Kapitalismus
Frankfurt / New York 1999, Campus Verlag, 42,- DM

Dass das Geld „nervus rerum“ (Jean Bodin) sei, ist eine Erkenntnis des 16. Jahrhunderts, als der europäische Frühkapitalismus sich anschickte, die Welt zu erobern und zu verändern. Heutzutage, in Zeiten des sog. Casino-Kapitalismus, in denen das Geld nun wirklich universelles, alle Poren des Lebens durchdringendes Element geworden ist, handelt es sich um eine Einsicht mit luxuriösem Charakter, die diejenigen pflegen, die die (Wahl-)Möglichkeiten ihres Geldvermögens zu schätzen wissen. Da Wissenschaftler meistens knapp bei Kasse sind, ergibt sich das seltsame Phänomen, wie Christoph Deutschmann am Beispiel der jüngeren Soziologiegeschichte aufzeigt, daß sie die Bedeutung des Geldes eher herunterspielen und in Teilbereiche der Gesellschaft verweisen -eine Technik der Verkleinerung, derzufolge dann das Geld keine allzu große theoretische Unruhe verursacht. Das Buch des Tübinger Soziologie- Professors ist aber in seinem eigentlichen Anliegen nicht weniger interessant, versucht Deutschmann doch, den Zusammenhang von Kapitalismus und Religion theoretisch aufs engste zu knüpfen. Weder die Analogiebildungen („Fetischcharakter“) oder ironischen Anspielungen bei Marx, noch Religion als ethische Triebkraft wie bei Max Weber reichen nach Deutschmann aus, um die „religiöse Natur des Kapitalismus“ angemessen darzustellen. Im Gegensatz zur klassischen Religionskritik, die sich die Entthronung des Religiösen zum Ziel setzte, ist für ihn die Religion zu etwas Diesseitigem geworden, implementiert in die Strukturen des Kapitalismus, deren utopische Überhöhungen und Imaginationen nicht von außen, als reine Bewußtseinsformen herangetragen werden, sondern ihnen immanent sind. Das Geldvermögen (Geld als Kapital) - so Deutschmann - ist zum Träger einer Utopie geworden, und zwar der höchsten aller Utopien, denn es verpricht den individuellen Zugriff auf die Totalität menschlicher Möglichkeiten. Das Geld in seiner entwickelsten Form transportiert gewissermaßen einen Verweis auf ein höchstes vollkommenes Sein, der die gegenwärtigen „Seinsformen“ als beschränkte Realisierungsweisen über sich hinaustrei- ben läßt. Deutschmann erweist sich hier als Kenner des vierten Gottesbeweises Thomas v. Aquins von der Stufung des Seins, die die Vollkommenheit Gottes zur Voraussetzung hat. Was freilich den Mangel der Gottesbeweise ausmacht, nämlich, daß die Existenz dessen vorausgesetzt wird, das bewiesen werden soll, ist tatsächlich ihre vorzüglichste Eigenschaft, sobald ihr Anliegen als imaginäre (und zugleich materiell verankerte) Verweisstruktur des Kapitalismus begriffen wird. Das mag manchem Leser als metaphysischer Quark erscheinen. Liest man jedoch Deutschmanns Nutzanwendung auf aktuelle industriesoziologische Themen, speziell auf die Rolle der modernen Manager als „Priester“ und „Prediger“ des industriellen Fortschritts, könnte man eines Besseren belehrt werden.

H.K.

 

Uwe Johnson:
Jahrestage
Suhrkamp, Taschenbuch Nr. 3220, 58 DM, gebunden 75 DM

Im November 2000 strahlte die ARD die vierteilige Fernsehverfilmung der „Jahrestage“ von Uwe Johnson aus, die von Margarete von Trotta ins Bild gesetzt wurde. Ob diese Verfilmung gelungen war oder nicht, war in der Kritik umstritten. Margarete von Trotta äußerte sich in einem Interview dazu, dass die Jahrestage eigentlich nicht verfilmbar seien und dass sie deshalb ein völlig neues Drehbuch geschrieben habe, in dem Episoden aus den Jahrestagen verarbeitet wurden.

Wie dem auch sei – die Verfilmung hat mich neugierig auf die 4 Bände von Uwe Johnson gemacht. Also machte ich mich sofort daran, diese zu lesen. Damit begann für mich ein ganz besonderes Lektüreerlebnis. Nach einer gewissen Einlese- Phase öffneten sich für mich neue Perspektiven. Einen solchen Blick auf den deutschen Faschismus und die Nachkriegszeit – vor allem in der sowjetisch besetzten Zone und späteren DDR – war mir in noch keinem anderen Roman begegnet. Die gleichzeitige Thematisierung von VietnamKrieg, BlackPanther- Bewegung – auch Studentenrevolte in Deutschland – und Prager Frühling und der Familiengeschichte von Gesine Cresspahl ist in heutiger Zeit, also nach dem Niedergang des Sozialismus, zwar irritierend, aber nicht weniger spannend und anregend. Es ist eine schonungslose Abrechnung mit jeglicher ideologischen Dogmatisierung und zeigt, auf welche Weise diejenigen, die solchen Dogmatisierungen ausgesetzt sind, mit ihnen umgehen und sie zu einem Teil ihres Lebens machen. Nicht Verständnis oder Gutheißen solcher Auseinandersetzungen ist dabei leitend, sondern der Versuch, sich die jeweils besonderen Verstrickungen zu erklären. Übrigens: Der Fernsehfilm soll im Herbst in zwei ArteThemenAbenden wiederholt werden.

M.J.

 

Kathrin Braun (Hg.)
„Life“ is a battlefield

Offizin, Hannover 1999, 194 S., DM 18,80, ISBN 3-930345-17-X

Die sieben Beiträge in diesem Band setzen sich auf unterschiedliche Weise – sehr erfrischend und quer denkend – mit Praktiken und Diskursen der modernen Lebensmacht-Technologien – in Anbindung an Foucaults Bio-Macht-These – auseinander, mit dem Ziel, dem Verschwindenlassen des Körpers im Denken entgegenzutreten. Hendrik Plewka weist darauf hin, dass die Folter in der Weiterentwicklung der Foucault’schen Machttheorie dem nichtdiskursiven Raum zugewiesen wird, wodurch Machtausübung durch Folter aus dem Theorierahmen zur Erklärung moderner Gesellschaften herausfällt. Isabella Jordan diskutiert, ob der Vergleich zwischen der heutigen „Euthanasie“- Diskussion, wie sie vor allem von Peter Singer angefacht wurde, und der „Euthanasie“- Praxis der NS-Zeit berechtigt ist. Sie zeigt unübersehbare Analogien auf und hinterfragt die Unterschiede, wie etwa die „Selbstbestimmtheit“ in der heutigen EuthanasieDebatte. Svea Luise Hermann zeichnet unter Verfolgung des Nützlichkeitsdiskurses über das Leben in Unterrichtsmaterialien für medizinisches Fachpersonal den Stellenwert der Bioethics Education als Teil einer biopolitischen Gesamtstrategie nach, die sie ‘Qualifizierung der Sprecher’ nennt. Sie sieht eine Tendenz im bioethischen Diskurs Skrupel und Empfindsamkeiten zu überwinden, um das Leben zur Sache zu machen und einer neuen Ethik für eine neue Biologie den Boden zu bereiten. Volker Macke zeigt in seiner Diskursanalyse der Berichterstattung des „Spiegel“ der letzten 50 Jahre im Hinblick auf das Thema Organtransplantationen auf, wie über eine Mensch-Maschinen- Bildlichkeit, getragen von „Experten“ eine Bedürfniskonstruktion in bezug auf Organtransplantationen erfolgt, welche dem Menschen eine endgültige Trennung vom Tod vorgaukelt. Helen Kohlen stellt den Stellenwert der Hospizbewegung dar, welche durch einen fürsorglichen Umgang mit dem sterbenden Menschen - ein Reden mit dem Sterbenden, nicht über ihn - dem sich beschleunigenden Euthanasie-Diskurs – wenn auch in Deutschland viel weniger öffentlich wahrnehmbar artikuliert als in den USA - entgegenwirkt. Silke Merzhäuser fragt nach Konzepten weiblicher Selbstbestimmung im Hinblick auf reproduktive Freiheit im Kontext pränataler Diagnostik. Sie kommt zu dem Schluss, dass eine reproduktive Selbstbestimmung notwendigerweise an politische Selbstbestimmung der Frau gekoppelt ist und mit jeder Form patriarchaler Unterdrückung unvereinbar. Die gute Lesbarkeit und die klar argumentierenden Beiträge machen das Buch zu einem spannenden Fundus kritischer Gedanken zum Thema Leben und Sterben und dem Umgang damit in der heutigen Gesellschaft.

I.B.

 

Mark Terkessidis:
Migranten
Rotbuch 3000, 98 Seiten, 14,90 DM, Hamburg 2000

Endlich gibt es eine wirklich gute Einführung in das Thema Migration. Mark Terkessidis, Journalist und Diplompsychologe an der Uni Köln, ist es gelungen, alle wichtigen Aspekte in kurzen, aber präzisen Kapiteln abzuhandeln. Von der Definition (Was ist Migration?) über die Migrationsgeschichte in Deutschland, die wirtschaftliche Situation der Migrantinnen und Migranten, die rechtlichen Bestimmungen bis zur Kultur.

Und nicht nur der Text stimmt und ist leicht zu lesen. Das Buch ist voller interessanter Bilder und Karikaturen und eröffnet überraschende Sichtweisen vor allem der Migrationsgeschichte. So forderte noch 1975 DGB Vorstandsmitglied Edmund Duda die Abschiebung der „nicht benötigten ausländischen Arbeiter“, um „die deutschen Arbeitnehmer zu schützen“. Ein paar Jahre später „warb“ die IG Metall um Verständnis für die ausländischen Kollegen, sie seien „weder Rauschgifthändler noch Zuhälter noch vorbestraft.“

All das ist in ein 100-SeitenBändchen gepackt mit einem sehr schönen und übersichtlichen Layout. So wünscht man sich lesbare Taschenbücher.

H.U.

 

Thomas Quehl (Hg.):
Schule ist keine Insel. Britische Perspektiven antirassistischer Pädagogik
304 Seiten, 38 DM, Münster 2000 (Waxmann)

Siegfried Jäger:
Anti-rassistische Pädagogik in einer Schule, die keine Insel ist

Daß es sich bei Rassismus um ein Wissen handelt, das Handeln anleitet und schlimme Folgen hat, ist deutschen Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten und auch Lehrern noch keineswegs zur selbstverständlichen Denkweise geworden. Erst seit Anfang der 90er Jahre ist in Deutschland überhaupt zur Kenntnis genommen worden, und das auch nur in eingeweihten Kreisen, daß Rassismus ein gesellschaftliches Problem darstellt. Die Welle der Anschläge und Überfälle auf Einwanderer, die Deutschland seit dieser Zeit „heimsuchte“ und viele Einwanderer das Leben kostete, traf unsere Gesellschaft daher auch ziemlich unvorbereitet. Wissenschaftliche Forschungen und präventive pädagogische Arbeit fehlten nahezu völlig. Erst mit dem großen internationalen Hamburger Kongreß zu „Rassismus und Migration in Europa“ von 1990, von Nora Räthzel und Annita Kalpaka organisiert, dessen Ergebnisse 1992 im Argument-Verlag veröffentlicht wurden, bahnte sich eine erste Wende an. Erste Untersuchungen wurden durchgeführt, es entwickelte sich eine breitere Diskussion über politische und pädagogische Gegenmaßnahmen, die sich allerdings nur langsam im öffentlichen Diskurs zur Geltung bringen konnte, weil hier – auch als Ergebnis der öffentlichen Tabuisierung von Antisemitismus und Rassismus – ein virulentes gesellschaftliches Problem geleugnet wurde und im wahrsten Sinne des Wortes unsäglich gemacht werden sollte: im übrigen ein früher Beitrag zum Versuch einer Normalisierung postfaschistischer Befindlichkeiten. Im Unterschied dazu stand das Thema Rassismus in England bereits seit den 70er Jahren auf der Tagesordnung, und ein wohldefinierter Rassismusbegriff diente bereits seit dieser Zeit als Werkzeug zur Analyse gesellschaftlicher Wirklichkeit. Diese Tatsache verdankte sich größtenteils den politischen Kämpfen der Migranten und Migrantinnen gegen Marginalisierung und Rassismus in England, das sich als „Commonwealth“ und ehemalige Kolonialmacht bereits als Einwanderungsland er- und bekennen und daher, anders als Deutschland und aus anderen Gründen, die damit einhergehenden Probleme bearbeiten mußte. Diese unterschiedliche Ausgangssituation erklärt wenigstens teilweise, daß die Rassismusforschung und sich daraus ableitende Praxen in Großbritannien erheblich weiter gediehen sind als in Deutschland.

Mit dem Macpherson-Report in der Sache Stephen Lawrence, der 1996 ermordet wurde, wurde auch der Begriff des Institutionellen Rassismus zu einem Schlüsselbegriff nicht nur der Rassismusforschung, sondern auch der Debatte um die Einwanderungspolitik generell.( Zum Macpherson-Report und seinen Auswirkungen in Großbritannien vgl. Jobst Paul Artikel „Von >Einzeltätern< zum >institutionellen Rassismus< in DISS-Journal 5 (2000), S. 14-15)

In Verbindung mit einem längeren Forschungsaufenthalt hat Thomas Quehl nun in einem ausgezeichneten Reader, dessen Beiträge durch längere aktuelle Interviews angereichert sind, zentrale Aufsätze aus der englischen Debatte ins Deutsche gebracht, ergänzt durch eine differenzierte und die Unterschiede zwischen beiden Ländern berücksichtigende Einleitung. Die differenzierte Vorgehensweise Quehls wird bereits daran deutlich, daß er das englische Wort race nicht übersetzt, weil es im Unterschied zu Rasse bereits den Charakter einer gesellschaftlichen Konstruktion konnotiert hat. Thomas Quehl möchte mit diesem Band dazu ermutigen, sich intensiver mit dem anstehenden Problem zu beschäftigen und er verspricht sich solche Ermutigung dadurch, daß die hier versammelten Beiträge, wie er schreibt, „verdeutlichen, wie die Erfahrungen der beteiligten Lehrer/ innen, Erzieher/innen und Schüler/ innen als Ausgangspunkt für Formen antirassistischer Pädagogik dienen können und wie es möglich wird, ohne in ein statisches Kultur- und Identitätsverständnis zu verfallen bzw. in eine Haltung, die den in der Gesellschaft vorhandenen Rassismus ignoriert, auf vielfältige Weise gemeinsam mit den Schülern und Schülerinnen Erfahrungen von Identität, von Gleichberechtigung, von Benachteiligung und Rassismus zu erkunden.“ (S. 7)

Es ist der enge Bezug von Theorie und Praxis, der alle Beiträge dieses Bandes kennzeichnet und den Quehl besonders betont: „Unter Rückgriff auf poststrukturalistische und postkoloniale Theoriebildung und die Erkenntnismöglichkeiten, die auch die britischen Cultural Studies boten, konnte man so darangehen, soziologische Erkenntnisse und Theorien des postmodernen Subjekts auf den Boden des `wirklichen Lebens´... und auf die Füße im Klassenzimmer zu stellen.“ (S. 10) Durch diese Verzahnung kommt auch der in unserem Land häufig noch bestrittene oder geleugnete Institutionelle Rassismus, der nicht nur dem schulischem Dispositiv inhärent ist, sehr klar und überzeugend in den Blick. Dies gilt in besonderer Weise für die Beiträge von Debbie Epstein und David Gilborn, die hier hervorgehoben werden sollen, ohne daß die Beiträge der anderen Autorinnen (Chris Gaine, Cecile Wright, Richard Hatcher und Barry Troyna, Iram Siraj-Blatchford, Alison Sealey, Clare Crown, Jacqui Barnfield, Mary Stone, Marietta Harrow) dadurch geschmälert werden.

Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß dieses Buch die bundesrepublikanische Diskussion erheblich voranbringen wird, sowohl bezüglich der pädagogischen Praxis wie auch für die Theoriebildung im Rahmen der Rassismusforschung.

 

Joachim Krause (Hg.):
Kosovo. Humanitäre Intervention und kooperative Sicherheit in Europa
227 Seiten, Opladen 2000 (Leske + Budrich), 44 DM

Siegfried Jäger:
Ohne Verantwortung
Ein Verriß

Eigentlich genügte ein einziger Satz, wollte man den Stellenwert dieses Machwerks auf den Punkt bringen: Eine reine Apologie des NATO-Krieges auf dem Kosovo einschließlich der grundgesetzwidrigen Beteiligung deutscher Streitkräfte. Doch es sollen zumindest einige Zitate angeführt werden, die möglicherweise dazu geeignet sind, den Kritikern am Krieg ein paar Argumentationshilfen zu liefern. Da heißt es etwa:

„Mit ihrem Engagement auf dem Balkan übernahm die Bundesrepublik erstmalig gemeinsam und auf derselben Stufe wie die Amerikaner, Briten, Franzosen und andere Partner militärische und politische Verantwortung im Rahmen eines friedensschaffenden Einsatzes der NATO in Europa. Ihr militärischer Beitrag zur Konfliktlösung und Friedensimplementierung umfasste: ...“ Es folgen sechs Bereiche, in denen die Deutschen hilfreich waren. Kein Wort zu Grundgesetz und Völkerrecht, nicht der geringste Zweifel an der Richtigkeit und Humanität dieses verheerenden Krieges. Kein Wort über etwaige geopolitische Ziele der NATO und Deutschlands, außer der Parole von der „humanitären“ Intervention.

Und weil´s uns besonders interessiert, auch noch eine offizielle Einschätzung der Medienberichterstattung zum Krieg:

„Betrachtet man – über den Verlauf des Konflikts besehen – das Meinungsbild der Bevölkerung in den westlichen Staaten, kann man der Medienarbeit der jeweiligen Staaten und Organisationen nur Erfolg zusprechen. Niemals in der jüngeren Geschichte war die Zustimmung zu Konfliktbewältigungsmaßnahmen so groß.“

Doch die Medienarbeit hätte auch noch besser sein können:

„Es fehlten NATO-›Feindsender‹ für den Versuch, eine geschlossene innere Opposition zum Entstehen zu bringen oder zu stärken.“

Beklagt wird zudem, „dass die Verzahnung von >Operation< und ›Informationspolitik‹ nicht eng genug war. Es ist zu prüfen, ob man nicht durch eine ›proaktive‹ Abstimmung von geplanten – politischen wie militärischen – Maßnahmen und beabsichtigten Verlautbarungen unterschiedliche Informationsweitergaben hätte vermeiden und wesentlich größere Zeitvorteile und Gestaltungsmöglichkeiten erzielen können.“

Auch die optischen Anreize waren den Militärs offenbar zu flau:

„Auch die – in unserer von der riesigen Medienlandschaft verwöhnten Gesellschaft – so wichtige ›Visualisierung‹ von Informationen ist durchaus noch zu verbessern.“

Zum guten Schluß heißt es:

„Als Fazit gilt: Eine gezieltere, abgestimmtere und proaktive Medienpolitik hätte das Vorgehen der westlichen Staatengemeinschaft wesentlich besser als der gewählte Massenansatz unterstützt.“

(Alle Zitate aus dem Beitrag von Rieks/Weigold, ebd. S. 13ff. Die beiden Herren arbeiten im Planungsstab des Bundesministeriums der Verteidigung Berlin)

Der von Joachim Krause herausgegebene Text ist keineswegs, wie man aufgrund der vorgetragenen Position und des sprachlichen Duktus vermuten könnte, interner Verständigungstext, sondern bewußt an eine (wissenschaftliche) Öffentlichkeit gerichtet. Joachim Krause ist Stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Berlin. Dieser Gesellschaft gehören z.B. auch an: Otto Wolff von Amerongen, Eberhard Diepgen, Klaus von Dohnanyi, Hans Dietrich Genscher, Hans-Olaf Henkel, Roman Herzog, Walter Leisler Kiep, Kohl, Scharping, Waigel, Antje Vollmer, Richard von Weizsäcker, Peter Prinz Wittgenstein.

 

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Copyright © 2000 Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
Stand: 10. August 2006