DISS-JOURNAL 8(2001)
DISS-Intern
![]()
Lebenssituationen sozial ausgegrenzter Zuwanderer – effektive Eingliederungs-maßnahmen unter Selbstbeteiligung der Zuwanderer
Vergleichende Darstellung von Iris Bünger
Der Suche nach Konzepten, mit denen soziale Ausgrenzungen von Einwanderern und Flüchtlingen vermieden werden, hat sich ein Untersuchungsprojekt verschrieben, das sich mit Integrationshemmnissen von Einwanderung in Italien, Griechenland und Deutschland beschäftigte (vgl. dazu auch DISS Journal 6/2000, 20). Die Berichte des Centre for Development Information and Education (CIES), (Italien), des National Youth Foundation Centre of Vocational Training (KEKEIN), (Griechenland) und des DISS im Auftrag von VIA, (jetzt Verband für Interkulturelle Arbeit) liegen nun vor und ermöglichen – trotz der Unterschiede in bezug auf die Voraussetzungen und Auswirkungen von und den Umgang mit Einwanderung in den drei Ländern sowie in bezug auf das methodische Vorgehen – ein vergleichendes Fazit.
Es zeigt sich, dass es unumgänglich ist, eine konstruktive Integrationspolitik zu entwickeln. In Italien und Deutschland gehen die Bevölkerungszahlen zurück und es fehlen Arbeitskräfte in bestimmten Bereichen. Deshalb wird in diesen Ländern Einwanderung propagiert. Auch wenn Griechenland sich immer noch als Transitland betrachtet, wird eine Nutzung preiswerter Arbeitskraft beschrieben, und stellt die neuerliche Entwicklung hin zu steigender Xenophobie das Land vor die Herausforderungen einer konstruktiven Integrationspolitik. Probleme zu erkennen, Vorteile zu nutzen und Herausforderungen anzunehmen, muss das Ziel einer solchen Integrationspolitik sein, die auf die Besonderheiten des Einwanderungslandes und auf die Belange der Einwanderer in diesen Ländern, die – wie die Analysen zeigen – sehr unterschiedlich sind, zugeschnitten sein muss. Die Ergebnisse der griechischen und der deutschen Untersuchung weisen eine wichtige Gemeinsamkeit auf: Sich integriert fühlen und „integriert sein“ ist nicht dasselbe. Auch wenn die Einwanderer sich subjektiv integriert fühlen, werden sie doch als Fremde wahrgenommen, besinnen sich auf Werte ihres Herkunftslandes und leben neue Diskurspositionen – damit sind ihre Selbstverortungen in der Gesellschaft gemeint – die vom Einwanderungsland und vom Herkunftsland geprägt sind. In der italienischen Untersuchung werden diese neuen Diskurspositionen problematisiert; es wird darauf hingewiesen, dass das Aufwachsen der 2. Generation im Einwanderungsland einen Rückzug der Familie in ihr Herkunftsland unmöglich macht, da von den Kindern die Einwanderungskultur angenommen und die Herkunftskultur weitgehend abgelegt wurde. Die griechische Untersuchung zeigt, dass in der 2. Generation kaum ein Unterschied zwischen Einwanderern und Einheimischen besteht. Die deutsche Untersuchung zeigt, wo die Einwanderer im Diskurs positioniert sind, welche Probleme, Vorteile und Herausforderungen sich durch diese neuen Diskurspositionen ergeben. Eine Besonderheit der deutschen Untersuchung bildet die Tatsache, dass trotz der allgemeinen Tendenz, sich als Einwanderer integriert zu fühlen, fremdenfeindliche und rassistische Ausgrenzungen und Diskriminierungen umfassend beschrieben wurden. In allen drei Untersuchungen kommt der große Stellenwert der rechtlichen und sozialen Partizipation von Einwanderern im Einwanderungsland zum Tragen. Die Voraussetzungen dafür sind in allen drei Ländern unterschiedlich, jedoch getragen von der Fähigkeit und Möglichkeit der Kommunikation und des interaktiven Austausches. Konzepte, die im Hinblick auf diese Aspekte greifen können, betreffen vor allem den Bereich des Spracherwerbs, des Bildungssystems einschließlich der Kindergärten, den Umgang mit Behörden, die gesellschaftliche Teilhabe und sozialen Kontakte zwischen Einwanderern und Einheimischen. Besonders in Griechenland und Deutschland kommt dem „institutionellen Rassismus“ ein hoher Stellenwert zu – unabhängig davon wie Ausgrenzungen sich in Gesetzestexten und –vorlagen verbergen oder durch Träger und Mitarbeiter von Institutionen möglicherweise durch Unwissen und/oder mangelnde Sensibilität stattfinden. Hier sind Konzepte gefragt, institutionellen Rassismus erkennen, erfassen und ihm entgegenwirken zu können.
Die vorliegende Studie gilt als Pilotprojekt, das zu Konzepten einer Integrationspolitik beitragen kann, die Integration als einen Prozess erfasst, der über mehrere Generationen stattfindet und wechselseitig ist – also Einwanderer und Einheimische betrifft .
„Mehr als die diskursive ›Verstrikkung‹ ›rassistischer‹ Subjekte selbst und Verweise auf allgemein- gesellschaftliche Praxen in deren Hintergrund, nämlich seine z.B. sozialisatorischen Ursachen und Funktionszusammenhänge, geraten freilich nicht detailliert und auf hinreichend wissenschaftlichmethodisch seriöse Weise in den Blick.“ So Kurt Möller in seiner Studie „Rechte Kids“ (Weinheim und München 2000) auf S. 37f. zu Diskursanalysen des DISS.
Diese auch noch höchst umständlich formulierte Kritik zeigt einmal mehr, wie schwierig es offenbar für WissenschaftlerInnen ist, sich aus dem eigenen Sprachspiel zu lösen und eine der eigenen wissenschaftlichen Position nicht entsprechende Perspektive einzunehmen oder gar zu würdigen. Es ist offenbar leichter, diese Ansätze abzuwehren, indem man sie abwertet.
S.J.
Eine „Neue konservative Revolution“?
Ein Veranstaltungsbericht von Cordula Baldauf und Daniel Kocar
Diese Frage stand im Mittelpunkt des Colloquiums, das das DISS in Zusammenarbeit mit der FriedrichEbert- Stiftung vom 24.-26.11.2000 in Bergneustadt abhielt.
Unter dem Themenkomplex „Der neue Rechtspopulismus“ wurden von Heribert Schiedel (Wien) und Vladimir Wakounig (Klagenfurt) die Entwicklungen in Österreich in Verbindung mit der FPÖ analysiert. Im Mittelpunkt der Betrachtung stand dabei das Verhältnis der etablierten Parteien zur FPÖ und die mangelnde Auseinandersetzung mit ihren programmatischen Eigenheiten. Auch die nur zaghaften Reaktionen der Zivilgesellschaft begünstigten das rasche Emporkommen dieser Partei. Erst mit Eintritt der FPÖ in die Regierung kam es zu einem Erwachen von nichtstaatlichen Organisationen und zu einem Aufleben organisierter Kritik.
Im Themenblock „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ wurde zum einen der Frage nachgegangen, in welchem Verhältnis Antisemitismus und der neu eingebrachte Begriff der „deutschen Leitkultur“ stehen. Das gespaltene Verhältnis der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland zum Judentum wurde durch Jobst Paul (Rottenburg) dargestellt und seine diskursiven Folgen erörtert. So findet sich die Symbolik des Antisemitismus aus der Zeit des Nationalsozialismus teilweise auch heute noch. Dies gilt z.B. für das damals häufig benutzte Schlüsselwort der „Sturmflut“, das heute im Zusammenhang mit den „Fluten von Einwanderern“ gebräuchlich ist. Ute Gerhard (Dortmund) untermauerte dies in ihrem Beitrag, in dem sie herausstellte, dass bereits die Nationalsozialisten moderne Symbole mit traditionellen koppelten - eine Methode, derer sich heute vielfach Rechtspopulisten bedienen. Auch die diskursanalytische Betrachtung des historischen und aktuellen Antisemitismus durch die Beiträge von Siegfried Jäger (Duisburg) und Alfred Schobert (Aachen) förderte durchgängige Diskurslinien zu Tage, die sich in ihren verschie- denen Ausprägungen bis heute äußern.
Im Themenblock „Neoliberalismus und Neue Mitte“ zeichnete Volkmar Wölk (Herzberg) zunächst den dynamischen Prozess der Entwicklung von der alten zur „Neuen Mitte“ in verschiedenen europäischen Ländern nach. Eine von Clemens Knobloch (Siegen) herausgestellte Auffälligkeit dieser Neuen Mitte ist der starke Einfluss moralischer Argumente auf die politische Entscheidungsfindung. Die moralischen Werte der Gesellschaft werden auf diese Weise von den Politikern umgesetzt, so dass die Bevölkerung ihren Willen erfüllt sieht und so auch z.B. Überschreitungen des Rechts mit moralischen Argumenten legitimiert werden können - wie dies beim NATOKrieg in Jugoslawien der Fall war. In diesem Zusammenhang analysierte er die im Sommer 2000 aufgeworfene Diskussion um den Rechtsextremismus in Deutschland. Adi Grewenig (Hannover) verdeutlichte, dass als Forum für eine Moralisierung der Politik in den Medien vielfach das neue Format der politischen Talkshows fungiert. Sabine Kergel (Berlin) thematisierte das etwa seit Mitte der siebziger Jahre existente Problem der Arbeitslosigkeit und seine Bedeutung für die „neue Mitte“. Arbeitslosigkeit wird zunehmend als ein „bedauerlicher Sachzwang“ in Kauf genommen. Soziale Konflikte, die sich insbesondere für Frauen auftun, werden nicht wahrgenommen und nicht bewältigt. Dagegen werden die durch zahlreiche Untersuchungen belegten Bildungsdefizite in Deutschland eher als eine Herausforderung angesehen, die zu bewältigen ist. RolfDieter Hepp (Berlin) beschrieb das „Auseinanderfallen von Humankapital und Bildung“, das in speziellen Bereichen durch eine wegweisende Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft gestoppt werden soll. Sponsoring von Unternehmen im Bildungssektor erweist sich als eine Praxis, mit der der Standort Deutschland gesichert werden soll. Ein abschließender Themenblock widmete sich dem NATOKrieg in Ju- goslawien. Matthias Küntzel (Hamburg) machte deutlich, dass Deutschland keineswegs in diesen Krieg hineingeschlittert ist. Vielmehr haben die Bundesregierung(en) wie auch ihre Bündnispartner aktiv an einer Eskalation der Situation im Kosovo mitgearbeitet. Die postulierte Alternativlosigkeit wurde zudem durch die Medien kaum hinterfragt, wie Daniel Kocar (Duisburg) darstellte. Die PrintMedien folgten in weiten Teilen der durch die Entscheidungsträger vorgegebenen Argumentation. Die durch Margret Jäger (Duisburg) analysierte Kritik am Krieg, wie sie in den Medien geäußert wurde, wies in die gleiche Richtung. Die „humanitäre Katastrophe“, mit der der Krieg legitimiert wurde, ließ offenbar andere Argumente in den Hintergrund geraten. Vor diesem Hintergrund konnte sich Kritik lediglich defensiv, allenfalls problematisierend entfalten.
Das DISS veranstaltet unter Leitung von Siegfried Jäger seit nunmehr 11 Jahren regelmäßig Colloquien und Workshops zu brisanten (gesellchafts-) politischen Themen. Auch in diesem Jahr werden die Beiträge in einem Reader veröffentlicht. Das nächste Colloquium, das Ende 2001 stattfinden wird, wird sich vor allem dem Problem des „Institutionellen Rassismus“ widmen.
![]()
Seit März 2001 ist das DISS unter einer neuen Anschrift zu erreichen: Siegstr. 15 (47051 Duisburg) Das kleine Haus im Hinterhof der Realschulstraße war uns einfach zu eng geworden. In unserem neuen Domizil haben wir mehr Platz und vor allem auch bessere Arbeitsbedingungen. Zwar begleiten uns immer noch ein paar Umzugswehen – das Computernetzwerk will manchmal nicht so wie wir – doch insgesamt fühlt sich das DISS-Team in seinen neuen Räumen pudelwohl und überträgt den Umzugselan nun auf weitere wissenschaftliche Aktivitäten. Übrigens: unsere Telefon- und Faxnummern sowie die email-Adresse haben sich nicht geändert.
![]()
(Zurück zum Inhaltsverzeichnis)