DISS-JOURNAL 6(2000)

 

 

Edzard Obendiek

Der lange Schatten des babylonischen Turmes. Das Fremde und der Fremde in der Literatur
Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2000,
268 Seiten, 49 DM

Wer weiß schon, mit welchen wunderbaren Fähigkeiten Odysseus ausgestattet gewesen sein mußte, um sich mit Äthiopiern, Phäakern, Thrakern, vielleicht auch Türken so gut unterhalten zu können, daß er, wenn auch erst nach zehn Jahren, wieder nach Ithaka zurückfand? Doch vielleicht hat es ja auch deshalb so lange gedauert, vielleicht hat er auch deshalb all seine Gefährten verloren, der Listenreiche, weil er ein „Barbar" war in den Augen der Fremden, denen er begegnete, ein Sprachloser, der deren Sprache nicht und immer nur Bahnhof verstand, wenn ihm gesagt wurde: Dort geht es längs nach Ithaka!

Begegnen sich in der Welt-Literatur Fremde, wird selten deutlich, wie sie es denn schaffen, sich miteinander zu verständigen – wenn auch nicht immer. Edzard Obendiek, Literatur-Kenner und -professor in Dortmund – wohlausgerüstet mit den Theorien über den Fremden und das Fremde – hat die Passagen in der Literatur aufgesucht, in denen die Handelnden zur Fremdsprache griffen oder – aus mancherlei Gründen – in die fremde Sprache wechselten. Er hat ein Buch verfaßt, auf dem Umschlag natürlich der Babylonische Turm, in dem erzählend und niemals langweilig dieses Thema des Verschweigens des Fremden in seinen vielen Facetten und Begründungen aufgenommen und zu erklären versucht wird. Wer das Verschweigen des Fremden und die Möglichkeit, dieses Verschweigen zu durchbrechen, begreifen möchte, dem sei dieses Buch zur Lektüre empfohlen. Er wird es so schnell nicht aus der Hand legen!

S.J.

 

Hannelore Bublitz

Foucaults Archäologie des kulturellen Unbewußten. Zum Wissensarchiv und Wissensbegehren moderner Gesellschaften
Campus, Frankfurt/M./New York 1999
327 Seiten, 58 DM

Hannelore Bublitz treibt die Diskussion – nach Vorlage mehrerer größerer Arbeiten zum Thema - um Foucaults Diskursanalyse voran. Sie versteht Diskursanalyse konsequent als Gesellschaftsanalyse und faßt Gesellschaft als kulturelles Dispositv auf. Dispositiv wird dabei – im Anschluß an Foucaults Definition aus „Dispositive der Macht" - verstanden als „Zusammenhang von Diskursen als strukturalen Normalisierungs-Logiken gesellschaftlicher Praktiken und der ‚Einkörperung von Gewohnheiten’ als Habitualisierung kultureller Praktiken." (S. 9f.) Bzw. als ‚Gesamtkunstwerk’, als Körper von Diskursen in Dispositionen, körperlichen Haltungen, Techniken und Gewohnheiten, und man möchte hinzufügen, als Architekturen, Dingen allgemein oder auch als ’Sichtbarkeiten’. Es geht um das (jeweils gültige) „Wissen", das in den Diskursen nistet, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und auch in die Zukunft hineinwirkt. Es ist dieses „Wissen", das die Konstitution der Subjekte und die Gestaltung der Wirklichkeit (der Gesellschaften) bestimmt. Es wäre völlig verfehlt, dieses „Wissen" mit Wahrheit oder objektiver Erkenntnis gleichzusetzen.

Die Lektüre des Buches setzt gute Kenntnisse des Werkes von Michel Foucault voraus; auch sollte man sich etwas Zeit nehmen, wenn man es durcharbeiten will. Die Mühe aber wird sich lohnen! Und vielleicht ist auch noch eine kleine Nachbemerkung erlaubt: Wie steht es denn eigentlich mit dem „Wissen", das den Naturwissenschaften zu Grunde liegt? An diese Frage haben sich die Diskursanalytiker bisher kaum herangetraut. Die Antwort könnte überraschen: Was wäre, wenn deren Wahrheits- und Objektivitätsanspruch ebenso brüchig wäre wie der Wahrheitsanspruch der Sozialwissenschaften? Vielleicht ahnen dies bereits einige Naturwissenschaftler. Vielleicht wettern sie deshalb so lauthals gegen Foucaults Ansatz, den sie mit der Absicht, ihn lächerlich zu machen, als „postmodern" bezeichnen.

S.J.

 

Paula-Irene Villa:

Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper
Leske und Budrich, Opladen 2000
275 Seiten, 29 DM
ISBN 3-8100-2452-X

Aus sozialkonstruktivistischer Perspektive will die Autorin zeigen, "daß das, was der Körper ist, sich nur in seinen vielfältigen Bedeutungen und Konstruktionsmodi erschließt". Sie unterscheidet dabei zwischen "Geschlechterbeziehung" (= soziale Beziehungen, die Frauen und Männer eingehen, sowohl persönlich als auch sachlich), "Geschlechterdifferenz" (= die biologisch legitimierte Zweigeschlechtlichkeit) und "Geschlechterverhältnis" (= gesamtgesellschaftliche Organisationsprinzipien, die das Verhältnis zwischen Männern und Frauen determinieren). Letzteres sei historisch gewachsen, diskursiv hervorgebracht und keineswegs natürlich. Der Geschlechtskörper wird zunächst als Ergebnis von Interaktionen der Subjekte im Alltag dargestellt. (Kapitel 2) Hier geht es im wesentlichen um nicht-diskursive Praxen und/oder Vergegenständlichungen. Anschließend kommt die Ebene des Diskursiven ins Spiel (Kapitel 3): Der Körper wird auch und vor allem konstituiert durch die Sprache, durch Bedeutungszuweisungen: Scheinbar ontologische Kategorien (z.B. "Mann und Frau") sind das Ergebnis von Diskursen. In diesem Zusammenhang setzt sich Paula-Irene Villa auch kritisch mit Judith Butler und Pierre Bourdieu auseinander und thematisiert die Frage der „Definitions-)Macht.

Sie untersucht, wie sich die Diskurse über die Geschlechterdifferenz im Körper materialisieren, was also die Subjekte tatsächlich (körperlich) empfinden. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, daß auch ‚natürlich‘ empfundene körperliche Phänomene - wie etwa der weibliche Regelschmerz – letztendlich Effekte sozialen Wissens sind. An dieser Stelle schließe sich der Kreis des Geschlechterdispositivs, denn die Naturalisierung der Geschlechterdifferenz fußt auf drei verschiedenen Ebenen: 1. Interaktionen der Subjekte (oder nicht-diskursive Praxen), 2. epistemologische Macht der Diskurse (diskursive Praxen), 3. leibliche Verinnerlichung (nicht-diskursive Praxen, aber auch Sichtbarkeiten).

Die Frage der Handlungsfähigkeit der Subjekte wird von Paula-Irene Villa nur indirekt beantwortet: "Die Analyse der symbolischen Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit bedarf der Einbettung in einer Analyse des Herrschaftssystems und der ungleichheitsrelevanten Interaktionen."

Dieses Buch ist für das Fachpublikum sehr interessant und aufschlussreich, wenn auch an manchen Stellen zu fragen bleibt, warum das von Paula-Irene
Villa angesprochene Sexualitätsdispositiv nach Michel Foucault nicht den Aufbau der Darstellung strukturiert hat. Dennoch: lesenswert!

I.R.

 

Joseph Jurt (Hg.):

Vorn Michel Serres bis Julia Kristeva
Freiburg i.B. (Rombach Litterae) 1999, 226 Seiten, 68 Mark

Französische Denker werden in Deutschland nur unzureichend und oft ablehnend zur Kenntnis genommen. Man denke nur an Habermas´ Generalabrechnung mit dem französischen Neostrukturalismus in seiner polemischen Schrift „Der philosophische Diskurs der Moderne" oder auch an Manfred Franks Votum „Sie sind neokonservativ und irrational." Liest man die einführenden Darstellungen, die hier von Joseph Jurt, Professor für französische Literaturwissenschaft an der Universität Freiburg zusammengetragen und herausgegeben worden sind, dann kann man feststellen, daß sich dieses Denken zwar von der „einen" Rationalität veraschiedet hat und stattdessen von Rationalitäten im Plural spricht. Mit Bernhard Waldenfels zu sagen: „Andersheit und Geteiltheit gehören zur Vernunft selber, sofern diese ihrer eigenen Bedingungen nie Herr wird."

Nach der Vorstellung „Zeitgenössische(r) französischer Denker" (vgl. auch meine knappe Besprechung in DISS-Journal 5 (2000), S. 11, legt Joseph Jurt hier einen zweiten Band zur neueren französischen Philosophie vor, in dem die PhilosophInnen Maurice Merleau-Ponty (Regula Giuliani), Paul Ricoeur (Peter Welsen), René Girard (Lutz Ellrich), Michel Serres (Kurt Röttgers), Julia Kristeva (Dieter Mersch), Paul Virilio (Georg Christoph Tholen), Jean Baudrilliard (Thomas Gil), Cornelius Castoriadis (Gerhard Gamm) sowie Jacques Rancière (Antonia Birnbaum) vorgestellt werden und in dem der bekannte Erforscher totalitärer Sprache, Jean-Pierre Faye, selbst zu Wort kommt.

Ohne auf diese Beiträge hier im einzelnen eingehen zu können, seien im folgenden einige Zitate aus dem Vorwort zitiert, die die Neugier auf weitere Lektüre erwecken dürften: „Bedeutung entsteht nach ihm (René Girard), wenn ein einzelnes Element aus einer diffusen Masse der Sprache herausgegriffen wird und nicht erst durch die differentielle Relation zu anderen Elementen." „Für Ricoeur ist die Psychoanalyse eine Archäologie des Subjekts." „Die gesellschaftlichen Dinge sind das, was sie sind, nur aufgrund von Bedeutungen." (So bei Cornelius Castriadis.) „Texte entstehen aus einem Dialog mit Texten." „Die alternativen Ordnungsmuster des Poetischen stellen die Prinzipien der traditionellen Logik – der Identität und des Widerspruchs – in Frage. Auch für (den Mathematiker) Michel Serres ist ... die Idee einer sorgfältig geordneten Welt eine ziemlich unwahrscheinliche Annahme; viel wahrscheinlicher ist die Unordnung. Gewimmel und Wolke erscheinen dann als Grundstrukturen." „Aufschub und Umweg (werden) positiv konnotiert." Und es ist die Rede von der „Ambiguität", die „zu ertragen" sei. Es gelte, „die Unbestimmtheit zu denken und auszuhalten." „Der Kampf für die Gleichheit der Frauen ... versteht sich nicht als ein Plädoyer für die Uniformisierung, bedeutet nicht eine abstrakte Identität des Bürgers jenseits der sexuellen Differenz. "Demokratie hingegen sei die Gesellschaft, die Unbestimmtheit in ihre Form aufnehme und auch erhalte."

Zugegeben und auch verteidigt wird, daß die neuere französische Philosophie die Grenzen zwischen Philosophie und Literatur überschreite. Genau dies dürfte der Angelpunkt deutschen „Meisterdenkens" sein, an dem den französischen Denkern Irrationalität bescheinigt wird. Vielleicht haben deutsche Rationalisten aber nur Angst, die Irrationalität des philosophisch-pragmatischen Schmalspurdenkens zugeben zu müssen, die für nahezu die gesamte moderne Naturwissenschaft richtungsweisend ist.

S.J.

 

Ulrich Bär

„Niemand zeugt für den Zeugen" Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah,

Frankfurt/M. 2000, 228 Seiten, 22,80 DM

„Niemand / zeugt für den / Zeugen" so lauten die Schlußzeilen von Paul Celans Gedicht „Aschenglorie". Ein Zeuge, in Celans Gedicht und allgemein, steht ein für etwas anderes: für das Eingedenken des Schicksals anderer und für Geschehen, die sonst dem Vergessen oder Verdrängen preisgegeben sind. Zeugnis ablegen bedeutet, die eigene Person für die Wahrheit der Geschichte einzusetzen und das eigene Wort zum Bezugspunkt einer umstrittenen oder unbekannten Realität zu bestimmen, die man selbst erfahren oder beobachtet hat." (S. 7)

In diesem Band geht es um diese Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen, Verantwortung zu zeigen für eine von anderen bezeugte Wirklichkeit und darum, „für den Zeugen zu zeugen". Dies ist umso nötiger, als solche Verantwortung nach der propagierten und nahezu durchgesetzten Rückkehr zur deutschen Normalität, nach Walsers Wegsehenwollen und nach der deutschen Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien wenn nicht geleugnet, so doch verhöhnt und abgetan wird, als hätten wir Nachgeborenen nichts mehr „damit" zu tun. Dabei ist der historische Diskurs unübersehbar immer noch angefüllt mit Antisemitismus und Rassismus, mit Haß auf andere, die von dieser unserer neuen alten Normalität abweichen.

Ulrich Bär, Literaturprofessor an der New York University hat zwölf namhafte AutorInnen gewinnen können, „sein" Thema zu beleuchten – unter unterschiedlichen Gesichtswinkeln: I. Zugänge zur Zeugenschaft: Geoffrey Hartmann (Yale-University), Lawrence L. Langer (Boston), Dori Laub (Yale), Cathy Caruth (Atlanta): II. Sekundäre Zeugenschaft: Claude Lanzmann (Regisseur und Autor von Shoah), Pierre Vidal-Naquet (Paris), Jared Stark (New York), Robert Cohen (New York), Shoshana Felman (Yale); III. Zeugenschaft und Medien: Lawrence Douglas (Amherst/Mass.), Bernd Hüppauf (New York), Avital Ronell (New York). Die deutsche Krise der Zeugenschaft findet ihren Ausdruck wohl auch darin, daß deutsche Autorinnen (außer den in New York lehrenden Bär und Hüppauf) in diesem Bande fehlen. Doch vielleicht ist dieses Buch geeignet, zum Beginn eines Dialogs zu werden.

S.J.

 

etap – ein Lifestyle-Magazin für „Deutschtürken"

Seit November letzten Jahres gibt es im Magazin-Dschungel eine Zeitschrift für „Deutschtürken", wie etap selbst ihre Zielgruppe nennt: junge türkische MigrantInnen der zweiten und dritten Generation. Der Anspruch des Magazins ist eigentlich lobenswert, die Wünsche, Interessen und Probleme von „Deutschtürken" aufzugreifen, denn speziell für diese Gruppe ist das Medienangebot rar. Das etap–Team, eine bunt gemischte Gruppe von jungen Menschen, hat diesen Missstand erkannt und gehandelt.

Bei der Lektüre des Magazins wird aber schnell klar: nun sind auch türkische Menschen als KonsumentInnen entdeckt worden, die auf Hochglanzpapier umworben werden. Ein Artikel über den „Mythos Mercedes" (Nov/99) ist nicht nur eine all zu offen geratene Schleichwerbung, der deutsche Autor lässt die LeserIn auch wissen, dass türkische Menschen besonders gerne vorm Fernseher sitzen und als Beweis etwas erreicht zu haben, gerne mit dem Mercedes umher kutschieren. Das Klischee des herum protzenden „Türken" wird genährt.

In etap werden zwar auch gesellschaftspolitisch interessante Themen, wie z.B. die höhere Arbeitslosenquote bei türkischen Menschen und die herrschenden Vorurteile über türkische Frauen und Männer angesprochen, aber über eine Darstellung der Probleme gehen sie nicht hinaus. Eine ernst zunehmende Kritik gegen Vorurteile und Rassismus fehlt. Eine positive Ausnahme stellt ein interessanter Artikel über die Schwierigkeit als MigrantInnen türkischer Herkunft, nicht in der deutschen Gesellschaft akzeptiert zu werden, dar (Nov/99).

Zwischen der Welt des Glanz und Glamours wird über das türkische Leben erzählt. In Menschen & Reportagen wird über junge türkische Menschen, auch außerhalb der BRD, berichtet. Eine Gemeinsamkeit dieser Menschen: sie alle sind beruflich erfolgreich

Etwas Positives zum Schluss: In den Kulturtipps werden neu erscheinende Bücher, CD‘s und Filme, die von und mit türkischen Menschen geschaffen wurden, besprochen. Ansonsten bietet etap alles, was von einem Magazin erwartet wird: Mode, Werbung, Cityguide, Ratgeber und Kontaktanzeigen.

Das etap-Magazin füllt eine Marktlücke, in dem es sich an konsum- und erfolgsorientierte junge türkische Menschen richtet. Ansonsten unterscheidet es sich nicht von herkömmlichen Magazinen.

S. Çelik

 

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Copyright © 2000 Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
Stand: 10. August 2006