DISS-JOURNAL 6(2000)
Gemeinsame Presseerklärung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung und der Zeitschrift kultuRRevolution
24. März 1999: Tornadobomben auf
Belgrad
- Und die Bilanz?
Vor einem Jahr begann der Krieg, der nicht bloß Brücken, Fabriken, Raffinerien und andere chemische Anlagen Jugoslawiens, sondern gleichzeitig auch alle Hoffnungen der deutschen Friedensbewegungen seit 1945 im Bombenhagel zerstampfte. Und »wir« waren, unterm Eisernen Kreuz und unter rot-grüner Regierung, wieder dabei. Für diesen Krieg gab es nicht einmal eine Ermächtigung des UNO-Sicherheitsrats wie für den Golfkrieg. Er war also vermutlich völkerrechtswidrig, und seine Verantwortlichen wären demnach Kriegsverbrecher. Demgegenüber lautete die einzige, wohlgemerkt einzige Legitimation: Vorgriff auf ein Völkerrecht der Zukunft, das künftig gebieten werde, eine bereits in actu befindliche ethnische Säuberung mit Völkermordcharakter vor Ort zu verhindern.
Nach einem Jahr ist es Zeit, Bilanz zu ziehen
Vor Ort wurde gar nichts verhindert, statt dessen wurde die Bevölkerung eines Landes pauschal als Geisel ihrer Regierung genommen und in die Steinzeit zurückgebombt. Die Hauptangriffe richteten sich nicht gegen militärische Einheiten mit nachgewiesen völkermörderischen Aktivitäten, sondern gegen das Rückgrat der jugoslawischen Volkswirtschaft (W. Clark: »alles, was für ihn = Milosevic einen Wert hat«). Durch das Prinzip »keine eigenen Verluste« mußte aus Höhen über 5000 Meter bombardiert werden, die – bei der Unzahl der Angriffe – hohe »Kollateralschäden« = unschuldige zivile Opfer von vornherein einkalkulierten.Tatsächlich dürften mehr Zivilisten als Militärs getötet worden sein. Durch die pausenlosen Explosionen wurde darüber hinaus eine ganze Generation jugoslawischer Kinder in absolut unmenschlicher Weise für ihr Leben traumatisiert. Die gezielten Angriffe gegen Raffinerien und andere chemische Komplexe haben eine der schlimmsten ökologischen Katastrophen überhaupt bewußt herbeigeführt. Und das alles nicht bloß gegen »Milosevic«, sondern gegen den einhelligen, unmißverständlichen und geradezu inständigen Widerspruch aller jugoslawischen Demokraten und Oppositionellen.
Und nun die ‘positive Seite’: Ethnische Säuberung verhindert?
Dieses millionenfache Leid wird von seinen Verursachern gegen den »Erfolg« aufgerechnet, die albanische Bevölkerung des Kosovo wirksam vor ethnischer Säuberung und Völkermord geschützt zu haben. Die Tatsachen widerlegen auch diese Legende: Nahezu alle Massaker an Kosovoalbanern (Massengräber) fanden nach dem 24. März statt, ebenso wie die eigentlichen Massenvertreibungen. Die NATO begann die Bombardements im Wissen, daß »es total vorauszusehen war, daß der serbische Terror durch unsere Bombardements zunehmen würde« (W. Clark). Auf individueller Ebene würde man von mutwilliger Gefährdung von Geiseln sprechen müssen – und auf völkerrechtlicher? Nach Errichtung des Fünf-Mächte-Militärprotektorats wurde die präsumptive ethnische Säuberung an den Kosovoalbanern durch die tatsächliche ethnische Säuberung von Serben, Roma und anderen Minderheiten unter dem »Schutz« der KFor »verhindert«. Während das »Sich-Entschuldigen« momentan bei deutschen Politikern Mode ist, möchten wir uns gegenüber den Roma des Kosovo ausdrücklich davon distanzieren, daß diese bereits zu Wehrmachtzeiten aufs schlimmste verfolgte Minderheit unter dem »Schutz« auch der Bundeswehr nahezu ganz aus dem Kosovo ethnisch herausgesäubert worden ist. Wir sind der Ansicht, daß Bekundungen gegen Antisemitismus durch Duldung von Antiziganismus stark an Glaubwürdigkeit verlieren.
Aber die „Weiterentwicklung des Völkerrechts"?
Auf der Basis des sog. »Fischerplans« ist die jetzige widersprüchliche und brüchige Situation durch einen Deal zwischen der G7 und Rußland ausgehandelt worden, worüber die UNO dann ein äußerst fadenscheiniges Mäntelchen hängen durfte. Damit wurde der selbsternannte Reichen-Club G7 faktisch an die Stelle des UNO-Sicherheitsrats gesetzt, mit völkerrechtlich unabsehbaren Folgen. Zu den Gegenleistungen an Rußland dürfte außer den Milliardenkrediten auch die Zusicherung gehört haben, »Antiterrormaßnahmen« der russischen Regierung pauschal zu tolerieren. Jedenfalls ist seither deutlich geworden, daß die Westmächte durch ihren exterministischen Bombenkrieg gegen Jugoslawien nicht nur jedes moralische Recht verspielt haben, ethnische Säuberungen und Völkermorde in actu andernorts zu verurteilen, sondern daß sie solche Verbrechen gegen die Menschenrechte sogar ziemlich zynisch »abhaken«.
„Aber trotzdem ist der alleinige Schuldige Milosevic!" (wenn jemand nur bis 1 zählen kann...)
Wir verschweigen nicht, daß wir zu den größten Katastrophen, die dieser Krieg speziell für Deutschland herbeigeführt hat, den fast vollständigen Verlust einer glaubwürdigen friedensrealpolitischen Opposition im Bundestag zählen.Wir glauben aber nicht, daß diese unsere Position auch in der Bevölkerung schwach vertreten ist. Deshalb sind wir sicher, daß wir nicht allein stehen, wenn wir fordern:
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Aufhebung des Embargos gegen Jugoslawien. | |
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Gesicherte Rückkehrmöglichkeit für alle Flüchtlinge, besonders auch der Roma in ihre Heimat. | |
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Verfolgung aller Kriegsverbrechen, sowohl der gegen Kosovoalbaner wie auch der gegen Jugoslawen begangenen, ohne jede Einäugigkeit, durch die UNO. | |
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Einberufung einer UNO-Balkankonferenz mit Beteiligung aller betroffenen Regierungen und Minderheitsvertretungen, die ohne Zeitdruck auf der Basis des Selbstbestimmungs- und Minderheitenschutzrechts ein langfristig haltbares Konzept ausarbeitet. | |
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Ablösung des KFor-Militärprotektorats durch eine ausgewogene UNO-Friedenstruppe ohne Beteiligung der G7. | |
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Entschädigung für alle Kriegsschäden durch ihre jeweiligen Verursacher. | |
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In Deutschland Beginn einer medienöffentlichen Debatte über die Bilanz des Krieges unter ständiger und ausreichender Beteiligung friedensrealpolitischer Positionen. |
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