DISS-JOURNAL 6(2000)
Kontinuitäten und Brüche im
politischen Diskurs
Rechtsextremismus- Rechtspopulismus- Rassismus
Ein Veranstaltungsbericht von Martin Krol und Reinhard Pastoor
Mitte Dezember fand im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn das 11. Colloquium des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) in Verbindung mit der Friedrich-Ebert-Stiftung statt. Mit der Themenwahl führte es seine Tradition fort, sich vor allem solchen Fragen zuzuwenden, die im bundesrepublikanischen Wissenschaftsbetrieb eher vernachlässigt werden. Das Programm umfasste zwölf Vorträge, die in die Themenblöcke „Rechtsextremismus/Faschismus", „Rassismus/Ausgrenzung" sowie „Der Krieg um Kosovo" unterteilt waren.
In seinem Einleitungsvortrag „Ideologische Kontinuitäten und gesellschaftlicher Wandel" spannte Kurt Lenk, Emeritus der politischen Wissenschaften aus Erlangen, zunächst das Dach auf, unter dem alle anderen Vorträge ihren Stellenwert erhielten.
Kurt Lenk versuchte eine Antwort auf die Frage zu finden, was eigentlich Beherrschte so gehorsam mache. Mit Bezug auf den ‚Habitus‘- Begriff bei Bourdieu isolierte er einige Aspekte ideologischer Kontinuität in der Bundesrepublik wie etwa den krampfhaften Versuch, die Bedeutung und Tragweite historischer Ereignisse zu relativieren oder die Ereignisse selber als ungeschehen zu tradieren. Die Mechanismen dieser „Alltagsreligion" (Lenk) sah er zum einen in einer verstärkten sozialgesellschaftlichen Indifferenz, zum anderen in der Tendenz zur Derealisierung der Ereignisse. In diesem Zusammenhang fiel in Anlehnung an Hannah Arendt das Schlagwort des ‚nihilistischen Relativismus‘. Lenk bemerkte, daß das ‚Zappen‘ durch die empfangbaren Fernsehprogramme durchaus als technische Einlösung dieses ‚nihilistischen Relativismus‘ verstanden werden könne. Als ideologische Konstante falle hierbei der ‚Spaß‘- Faktor ins Auge. Diesen allgegenwärtigen ‚Spaß‘- Faktor brachte er auch mit der zeitgenössischen Ideologiekritik in Zusammenhang: Ideologiekritik müsse heute vor allem zu einem ‚guten feeling‘ beitragen – darin werde jedoch der Verzicht erkennbar, theoretisch durchdringen zu wollen, was sich als sozialgesellschaftliche Realität zeige.
Der Berliner Kriminologe Bernd Wagner gab einen bedrückend realistischen Einblick in die aktuellen politischen Verhältnisse in Teilen der ehemaligen DDR, in der rechtsextreme Deutungsmuster bei einem Teil der Jugendlichen bereits zur Alltagskultur gehören.
Prof. Dr. Wolfgang Wippermann äußerte Bedenken in seinem pointierten Vortrag „Faschismus statt Extremismus" gegen eine Dichotomisierung des Extremismusbegriffs. Er plädierte für einen wissenschaftlich abgesicherten, differenzierten Faschismusbegriff und eine entsprechende Faschismusforschung anstelle einer neuerlichen ‚Totalitarismus‘- Forschung. Eher als der Extremismusbegriff könne ein realtypisch verstandener Faschismusbegriff den heutigen Aufklärungsbedürfnissen extremistischer Tendenzen in Politik und Gesellschaft förderlich sein, so Wippermann. Im Zentrum eines Faschismusbegriffs positionierte er einen ausgeprägten Rassismus.
Die folgenden, sehr detailreichen Vorträge von Helmut Kellershohn und Othmar Plöckinger über die deutsche Gildenschaft bzw. über Hitler als Rhetor veranschaulichten beeindruckend die Relevanz der Äußerungen und Thesen von Wolfgang Wippermann für die Bewertung des Gestern im Selbstverständnis des Heute.
Lars Rensmann aus Berlin referierte zum Thema „Die ‚Befreiung‘ der Nation von ihrer Vergangenheit. Zur Gegenwart von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland und zur Kritik der zeitgenössischen Anitsemitismusforschung" . Nicht mit Blick auf die aktuelle Walser- bzw. Sloterdijkkontroverse vertrat Rensmann vehement die These, daß es im gesellschaftlichen und politischen Diskurs der Bundesrepublik eine deutliche Tendenz zur ‚Normalisierung‘ und zur Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen, ja zu einer angestrebten Befreiung des deutschen Volkes von seiner Geschichte‘ gebe. Auf diese Weise solle eine neue nationale Identität hergestellt werden. Dabei werde auch vor einer Verzerrung der Täter-Opfer-Relation nicht haltgemacht. Mit Bezug auf Adorno bezeichnete Rensmann dies als ‚sekundären Antisemitismus‘. Selbst die offizielle deutsche Antisemitismusforschung beteilige sich an diesem unwürdigen Ringen um ein neues nationales Selbstverständnis und zeige sich ziemlich unreflektiert gegenüber den eigenen Ressentiments.
Die Vorträge im Block „Rassismus und Ausgrenzung" befaßten sich mit rassistisch unterfütterten Bedeutungszuweisungen, die ihren Weg sogar bis in diverse Schulbücher finden. Letzteres wurde durch die Ergebnisse eines Forschungsprojektes, an dem Thomas Höhne und Thomas Kunz aus Frankfurt/M. mitgearbeitet haben, deutlich. Ihr Vortrag beschäftigte sich dabei im Kontext Interkultureller Pädagogik auch mit der Metapher ‚Zwischen zwei Stühlen sitzen‘, wobei sie die Karriere dieser Redewendung in Schulbüchern nachzeichneten: Ständig wiederkehrende Bilder eines zwischen zwei Stühlen sitzenden Kindes lasse erstens Rückschlüsse auf eine zu Grunde liegende Kulturdifferenzthese in der Interkulturellen Pädagogik zu; zweitens ergebe sich daraus auch ein Identitätskonflikt für diese Kinder, die quasi von Kindesalter an eine qualitative Fremdheit zugewiesen bekämen. Prof. Dr. Klaus Geiger und Margret Spohn (Universität Kassel) referierten über methodische und inhaltliche Ergebnisse ihrer Untersuchung „Diskurse des Ein- und Ausschlusses. Unterschiedliche Konstruktionen des Verhältnisses ‚Nation – Einwanderungsminderheiten- Europa‘ in Frankreich und Deutschland".
Mit dem „Krieg um Kosovo" setzten sich die Vorträge von Michael Schwab-Trapp und Srdan Petkovic auseinander. Der Siegener Michael Schwab-Trapp thematisierte die „Vorbereitung des Kosovo-Krieges auf der politischen Bühne", bevor Srdan Petkovic über sein in Arbeit befindliches Projekt „Der Kosovo-Krieg und die Medien" referierte. Zunächst aber gliederte Schwab-Trapp in seinem methodisch wie inhaltlich sehr dichten Referat die auffälligsten Argumentationsschemata wie etwa ‚Auschwitz‘ oder ‚Menschenrechte‘, mit denen erfolgreich Akzeptanz unter der deutschen Bevölkerung zum Kosovo-Krieg geschaffen und aufrechterhalten wurde. Anschließend erläuterte er einige Aspekte der diskursiven Schnittstellen, die unterstützend auf die hohen Akzeptanzquoten wirkten. Schwab-Trapp deutete auch die Modifikationen an, die der ‚Kriegs‘diskurs durch die Verschränkung mit dem ‚Globalisierungs‘diskurs erfahre. Dadurch bekämen die Argumente ‚Zukunft Europas‘, ‚Menschenrechte des Weltbürgers‘ und ‚Standort/ Märkte‘ eine Eigendynamik, die auch als Paradigma zukünftiger Konflikte verstanden werden können. Petkovic kritisierte die journalistische Berichterstattung zum Kosovo- Krieg, die sich ganz in der stereotypischen Tradition des Golfkriegs gezeigt habe. Die JournalistInnen seien dabei vielfach verantwortungslos vorgegangen, sie seien aber niemals zur Begleichung des Schadens herangezogen worden, den sie mit der tendenziösen oder falschen Berichterstattung angerichtet hätten.
Die Beiträge des Colloquiums werden – wie in den vergangenen Jahren auch – in einem Reader veröffentlicht, in dem auch weitere Aufsätze aufgenommen werden. Er wird spätestens beim 12. Colloquium, das vom 24. bis 26.11.2000 in Bergneustadt stattfinden wird, vorliegen.
(Zurück zum Inhaltsverzeichnis)