DISS-JOURNAL 5(2000)

 

 

Lob und Hudel

 

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Doron Kiesel / Astrid Messerschmidt / Albert Scherr (Hg.), :
Die Erfindung der Fremdheit. Zur Kontroverse um Gleichheit und Differenz im Sozialstaat.
Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt a.M., 1999, 248 Seiten, 36 DM.

Die Beiträge des vorliegendes Bandes sind im Kontext zweier Fachtagungen zur Thematik politisch-pädagogischer Aspekte von Multikulturalität entstanden. Die Autoren und Autorinnen beziehen sich u.a. auf Formen struktureller Diskriminierung z.B. in Ausbildung und Beruf (vgl. den Beitrag von Ursula Boos-Nünning), auf Fremdheitskonstruktionen innerhalb der Interkulturellen Pädagogik (Albert Scherr) und auf den Geschlechterdiskurs (Christine Huth-Hildebrandt).

Daneben thematisiert der Band aber auch noch andere wichtige Aspekte. So diskutiert bspw. Micha Brumlik in seinem Aufsatz „Selbstachtung und nationale Kultur. Zur politischen Ethik multikultureller Gesellschaften" (17-36) die Möglichkeiten, die sich einer modernen Einwanderungsgesellschaft Deutschland in Europa bieten könnten. Ihm geht es vor allem um „Prinzipien einer politischen Ethik multikultureller Gesellschaften" (19) sowie um eine „Ethik des guten Lebens" (19), deren Inhalte er dann erläutert und operationalisiert. Dabei rekurriert er auf Werte wie Selbstachtung, körperliche Unversehrtheit, das Recht auf religiöse, sprachliche und sexuelle Selbstbestimmung u.v.m. und zählt auf, wie diese Merkmale einer „Politik der Würde" (21) verletzt werden können. Letztlich konstatiert er ein zur Entscheidung anstehendes Problem von multikultureller Gesellschaft: „Auch die deutsche Einwanderungsgesellschaft wird sich zwischen einem den Individuen freundlichen Multikulturalismus und einem Gruppen und Ethnien bevorteilenden Multiethnizismus, dessen Konflikthaftigkeit wir nur erahnen können, zu entscheiden haben." (36)

Wolf-Dietrich Bukow bezieht sich in seinem Beitrag „Fremdheitskonzepte in der multikulturellen Gesellschaft" (37-48) auf die Konstruiertheit des ‚Fremden‘ und verdeutlicht dies anhand des Alltagsbeispiels Kinobesuch, indem er „thematische Relevanz(en)" anführt, die Fremdes oder Fremdheit in Relation zu dieser Konstruktion herstellen. „Fremd ‚an sich‘ ist danach nichts" (41), sondern kann sich u.U. erst in bestimmten Kontexten herstellen. Fremdheit wird jedoch heutzutage instrumentalisiert, um z.B. „Träger von Ansprüchen, Erwartungen oder Rechten zu diskriminieren" (46). „Der Fremdheitsdiskurs erweist sich als eine neofeudale Lösung, die eine extreme Alternative zu modernen Formen von partizipativer und gerechter Konfliktlösungen bildet." (48)

Die vielen, in diesem Band vorzufindenden Perspektiven, aus denen heraus multikulturelle Gesellschaft durchleuchtet wird, lassen ihn zu einem lesenswerten Beitrag auf dem Felde der Möglichkeiten zur Bekämpfung der damit verbundenen Probleme und Konflikte werden. Die unterschiedlichen Disziplinen bedienen damit ein großes Publikum.

Mit Beiträgen von Ursula Boos-Nünning, Micha Brumlik, Wolf-Dietrich Bukow, Viola Georgi, Christine Huth-Hildebrandt, Doron Kiesel, Christian Klos, Gero Lenhardt, Astrid Messerschmidt, Bernd Ostendorf, Ilka Quindeau, Beate Rössler, Albert Scherr und Mona B. Suhrbier.

G.C.

 

Andreas Hepp / Rainer Winter (Hg.)
Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse,
2., überarbeitete und erweiterte Auflage,
Opladen/Wiesbaden 1999, 384 Seiten, 54 DM

Die aus der Birmingham School hervorgegangenen British Cultural Studies, deren prominentester Vertreter wohl Stuart Hall ist, erfreuen sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmender Popularität, besonders als theoretische Grundlage zur Medienanalyse.

In der vorliegenden zweiten, überarbeiteten und erweiterten Auflage werden die Bereiche Kultur, Medien und Macht miteinander verbunden und sowohl die deutschsprachige als auch die internationale Diskussion über den Stellenwert der Cultural Studies - im Hinblick auf ihre politischen Wirkungen als auch auf ihre Rolle als akademisches Projekt - dokumentiert.

Dieser Band enthält neben den - bis auf einige Korrekturen - unveränderten Beiträgen der ersten Auflage fünf weitere, die sich mit aktuellen Fragen zum Themenspektrum der Cultural Studies beschäftigen, z.B. ihre Rezeption in der Pop-Presse oder ihre Verbindung mit politikwissenschaftlichen Fragestellungen.

Der erste Teil des vorliegenden Bandes versammelt Beiträge zu den Theorien, Begriffen und Perspektiven der Cultural Studies. In diesen neun Aufsätzen werden die Grundlagen der Cultural Studies aufgezeigt, sowie ihre Relevanz und politische Bedeutung diskutiert.

Besonders interessant sind in diesem ersten Teil die Aufsätze von Rainer Winter zu den „Cultural Studies als kritische Medienanalyse", in dem er die Entwicklung der Cultural Studies aufzeigt und anhand einer Analyse von John Fiske mit der Foucaultschen Diskursanalyse zu verbinden versucht, sowie John Fiskes Text „Populäre Texte, Sprache und Alltagskultur". In diesem Text versucht Fiske die Merkmale herauszuarbeiten, die einen Text zu einem Teil der Populärkultur werden lassen.

Der zweite und kürzeste Teil des Bandes enthält drei Beiträge zur Rezeption der Cultural Studies im deutschsprachigen Raum. Der dritte Teil beschäftigt sich eher mit der praktischen Seite der Cultural Studies, nämlich mit Analysen der heutigen Medienkultur. Dabei werden verschiedene Bereiche angesprochen, wie u.a. die Gender-Problematik in Musikvideos (Ute Bechdolf), die Rolle der Werbung bei der Konstituierung von Subjekten (Matthias Marschik), das Internet als neue Kommunikationsform (Johanna Dorer) oder die Frage nach Rassismus als kulturellem Phänomen auf der Basis des Hallschen Identitätskonzeptes (Mark Terkessidis) und der Foucaultschen Diskurstheorie (Siegfried Jäger).

Insgesamt gesehen ist dieses Buch lesenswert und vermittelt dem Leser/der Leserin nicht nur Einblicke in die theoretischen Grundlagen der Cultural Studies, sondern enthält darüber hinaus auch praktische Anwendungsbeispiele und interessante Analysen.

I.R.

 

Gertrud Siller
Rechtsextremismus bei Frauen.
Zusammenhänge zwischen geschlechtsspezifischen Erfahrungen und politischen Orientierungen
Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997, 68 DM, ISBN 3-531-13064-1

„Also ich laß es mir auf jeden Fall nicht gefallen, wenn mir einer sagt, ja, so Frauen gehören an den Herd."

Dieses Statement von Sigrun, die Mitglied einer rechtsextremen Skinheadgruppe ist, scheint auf den ersten Blick nicht in das Frauenschema rechter Ideologien zu passen. Gertrud Siller befragte Sigrun und fünf weitere Berufsschülerinnen zwischen 18 und 25 Jahren. Der Umgang der Schülerinnen mit zentralen Elementen ihrer gesellschaftlichen Lebenssituation als Frau stand im Mittelpunkt der Studie. Bilanz der problemzentrierten Interviews: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Geschlechtsstereotypen und rechtsextremistischen Orientierungen. Siller weist nach, daß Frauen rechtsextremistische Orientierungen besonders dann entwickeln, wenn sie ihre Lebensentwürfe polarisieren. Entweder versuchen sie, sich an Männlichkeitsstereotypen der Härte und Stärke anzugleichen, um darüber Gleichberechtigung und Gleichheit mit Männern zu erreichen, oder sie orientieren sich an traditionellen Weiblichkeitssterotypen und fordern von den Männern Sicherheit und Schutz. Ihr Problem, im Rahmen ihrer Konflikte zwischen „Heimchen am Herd" und „Emanze" eine Identität zu entwickeln, kann zu rechtsextremistischen Orientierungen führen. Siller weist in den Interviews der befragten Schülerinnen nach, daß der Entgegensetzung von Deutschen und Ausländern und von Frauen und Männern das gleiche dichotome Denkschema zugrunde liegt, das anhand der Geschlechtsstereotypen exemplarisch gelernt wird. Problematisch an der ansonsten kritischen Studie ist, daß Gertrud Siller den diskursiven Kontext nicht berücksichtigt. Es ist daher nur schwer nachzuvollziehen, warum polarisierte Lebensentwürfe ausgerechnet zu einer rechtsextremen Orientierung führen sollen. Hilfreich ist, daß Siller endlich mit dem Klischee, der für das vierte Reich häkelnden BDM-Mädchen abschließt. An konkreten Lebensumständen zeigt sie, daß rechtsextremen Gruppierungen Frauen über das traditionelle Frauenbild hinaus aktive und attraktive Handlungsmöglichkeiten bieten können - eine Problematik, die in der bisherigen Rechtsextremismusforschung vernachlässigt wurde.

D.O.

 

Thomas Potthast
Die Evolution und der Naturschutz
Zum Verhältnis von Evolutionsbiologie, Ökologie und Naturethik
Campus Forschung, Bd. 777. 1999. 1. Auflage, 307 Seiten, 68 DM, ISBN 3-593-36251-1

„Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Evolution", welche wissenschaftlichen Theorien, welche Metaphysik, welche Naturbilder sind mit ihm verbunden, wenn er im Naturschutz und in der Ethik verwandt wird."

Dieser Frage geht Thomas Potthast in seiner interdisziplinären, wissenschaftsethischen Analyse nach. Er zeigt auf, daß Naturwissenschaft und Ethik im Kontext des Naturschutzes meist auf verdeckten und nicht reflektierten naturmetaphysischen Grundlagen beruhen. In seiner kritischen Analyse der Gentechnikdebatte weist er nach, wie Argumente, die sich auf „die Evolution" beziehen, unterschiedliche und oftmals antagonistische Positionen stützen sollen. Überzeugend belegt er, wie von BeführworterInnen und GegnerInnen der Verweis auf das vermeintlich „richtige" Verständnis „der Evolution" und „der Natur" genutzt wird, ihre Auffassung zu zentralen Streitpunkten wie beispielsweise zur Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen ethisch zu legitimieren. Potthast entwickelt ein systematisches Raster, das das Verhältnis von (Natur)Wissenschaft und Ethik auch in bezug auf den Naturschutz bestimmt. Der hier verfolgte interdisziplinäre Ansatz ist neuartig und lohnenswert.

D.O.

 

Heinz Fassmann /Helga Matuschek / Elisabeth Menasse (Hg.)
Abgrenzen, ausgrenzen, aufnehmen. Empirische Befunde zu Fremdenfeindlichkeit und Integration,
Klagenfurt/Celovec, Drava-Verlag 1999, 255 Seiten, 52 DM

Das österreichische Ministerium für Wissenschaft und Verkehr hat im Jahre 1993 einen fünfjährigen Forschungsschwerpunkt „Fremdenfeindlichkeit - Erforschung, Erklärung, Gegenstrategien" aufgelegt, durch den insgesamt 30 Projekte, die teilweise außerordentlich detaillierten Fragestellungen nachgegangen sind, gefördert wurden. Flankiert wurde diese Forschungsarbeit durch zahlreiche workshops und Vortragsreihen, zu denen auch Vetreter des DISS eingeladen waren. Beteiligt an diesen Forschungen waren, etwa 70 meist jüngere WissenschaftlerInnen. Erste Ergebnisse dieser Bemühungen sind in diesem Band präsentiert. Zwei weitere Bände sind in Vorbereitung.

Ziel dieses Schwerpunktes war nicht allein, Wissen über das Problem der Fremdenfeindlichkeit zu vermehren, sondern auch, handlungsrelevante politische Gegenstrategien zu entwickeln. In diesem ersten Band stellt sich eine Vielfalt von Projekten unter einem breiten Themenspektrum dar. Dieses reicht von der empirischen Messung und Analyse von Rassismus über die Darstellung der politischen und rechtlichen Instrumente der Integration bis hin zu theoretischen Erörterungen über das Verhältnis von Mehr- und Minderheitsbevölkerungen in den Städten. Die gemeinsame Botschaft lautet: „Wer für den gleichberechtigten Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen in der Gesellschaft sorgt, der entzieht der Fremdenfeindlichkeit weitgehend ihre Basis."

Die neuerlichen Wahlerfolge des Rechtspopulisten Jörg Haider zeigen, wie notwendig es ist, solche Projekte durchzuführen, aber auch, daß sie in konkrete Politik übersetzt werden müssen. Daran scheint es auch in Österreich zu fehlen, ebenso wie in Deutschland. Dem Problem des Institutionellen Rassismus, (vgl. auch den Beitrag von Jobst Paul in diesem Heft), der immerhin den Nährboden für einen militanten Rassismus abgibt, kann nur beigekommen werden, wenn auch die großen Parteien sich seiner annehmen. Das ist weder in Österreich noch in Deutschland bisher in ausreichendem Maße der Fall. Hervorzuheben ist zwar die großzügige Förderung solcher Forschung, die für Deutschland als Vorbild dienen sollte. Sie bleibt allerdings so lange folgenlos, wie sie nicht zu Leitlinien der Poltik führt. Wenn allerdings versucht wird, Haider und Konsorten dadurch beizukommen, daß auch die großen Parteien auf die Ausgrenzung von Ausländern setzen, besteht die Gefahr, daß alles Forschen vergeblich ist und bestenfalls zum Alibi einer im Kern opportunistischen Politik verkommt. Die Wahlen in Österreich haben gezeigt, daß eine Politik, die Ausländer diskriminiert, dazu führt, daß nur der rechte Populismus davon profitiert. Das sollte endlich begriffen werden - auch in Deutschland.

S.J

 

Florianne Koechlin (Hg.)
Das patentierte Leben.
Manipulation, Markt und Macht
Rotbuchverlag Zürich 1998, 30 DM, ISBN 3-85869-145-3

Patente auf Leben? Im Sommer 1997 haben Mitglieder des Europäischen Parlaments die umstrittene Patent-Richtlinie der EU in ihrer ersten Lesung gutgeheißen. Pflanzen und Tiere, aber auch menschliche „Bestandteile" wie Gene und Zellen sollen grundsätzlich patentierbar sein.

Das Buch informiert aus kritischer Sicht über das Patentwesen. In ihren Beiträgen weisen die AutorInnen an konkreten Fallbeispielen nach, daß die Kombination von Gentechnik und Patentierung gefährliche Auswirkungen auf die ethischen Grundlagen unserer Gesellschaft, auf die wissenschaftliche Forschung und auf die Ernährungslagen der Menschen haben wird. Auch das Roslin-Institut, das 1997 die Klonierung des Schafes Dolly durchführte, hat für die dabei verwendete Technik Patente beantragt. Die Patente umfassen die Verwendung dieser Methode bei allen Säugetieren, einschließlich des Menschen.

Mit Patenten auf Leben werden sich die Machtverhältnisse zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen, zwischen Nord und Süd verschieben. Eine Adressenliste von Organisationen, die sich gegen die Patentierung von Lebewesen einsetzen, ermöglicht es den LeserInnen, sich weiter zu informieren und zu engagieren.

D.O.

 

John Irving
Witwe für ein Jahr
Roman, 762 Seiten, geb.
Diogenes-Verlag Zürich 1999, 49.90 DM, ISBN 3-257-06200-1

An drei markanten Punkten ihres Lebens treffen die Leserin und der Leser die Schriftstellerin Ruth Cole, deren Karriere als Autorin viel erfolgreicher ist als ihr Privatleben. Die Schilderungen sowohl der beruflichen wie der privaten Laufbahn lassen beim Lesen viel Tränen vergiessen – vor Lachen und vor Weinen.

Insofern bestätigt sich der Klappentext: Ein Irving-Fan bedauert es, dass das Buch überhaupt ein Ende hat. Das Lesevergnügen ist viel zu schnell vorbei, obwohl es eine Weile dauert, bis die Hauptperson des Romans, die ja bereits im Titel erwähnt wird, in Erscheinung tritt. Und dann dauert es noch, bis sie eben - wie der Titel „verspricht" - zur Witwe wird

G. C.

 

Joseph Jurt (Hg.)
Zeitgenössische Französische Denker: Eine Bilanz
Rombach-Verlag, Freiburg 1998, 273 Seiten, 68 DM

Gemeint sind hier französische Denker nach Sartre: Lévi-Strauss, Althusser, Lacan, Barthes, Foucault, Lévinas, Derrida, Deleuze/Guattari, Lyotard und Bourdieu. Diese Philosophen vollzogen einen radikalen epistemologischen Umbruch von der Bewußtseinsphilosophie des Existenzialismus zu einem „Strukturalismus", der zugleich die gesamten Humanwissenschaften erfaßte. Während die „Generation von Sarte ... von der Leidenschaft für das Leben, die Politik, die Existenz erfüllt [war], [hegte] die neue Generation eine analoge Leidenschaft für das Konzept und das System." (7) Leitwissenschaft war dabei die Sprachwissenschaft und ihr Systemdenken, das zunehmend auf die Ethnologie, die Psychoanalyse, die Wissenschaftsgeschichte, die Semiologie und die Soziologie an Einfluß gewann.

In dem hier vorgelegten Band, der aus einer Vorlesungsreihe des Graduiertenkollegs „Modernität und Tradition" am Frankreich-Zentrum der Universität Freiburg hervorgegangen ist, stellen zwölf AutorInnen, zum größten Teil Literaturwissenschaftler und/oder Philosophen, in ihren Einzelbeiträgen Theorieansätze vor, die auch für diejenigen, die sich bisher nicht in diese Gedankenwelt einarbeiten konnten, lesbar und nachvollziehbar sind. Man sollte jedoch kein in sich geschlossenes Theoriegebäude erwarten, sondern innerhalb dieses Strukturalismus existieren sehr verschiedene Ansätze, die nicht selten das klassische Verständnis des linguistisch geprägten Strukturalismus auch wieder sprengen. Zugleich aber verändern sie das Selbstverständnis traditioneller Einzelwissenschaften wie etwa der Literaturwissenschaft. Ursula Link-Heer (Bayreuth) diskutiert dies unter dem Gesichtspunkt der Wissensvermittlung allgemein – im Sinne von Foucaults Diskursverständnis. Die Literatur, so schreibt sie, „scheint ... gerade in ihren großen Momenten das Wissen einer Epoche ans Ende oder besser an seine äußerste Grenze und Verdichtung zu führen." (130) Wer sich erneut etwa an die Lektüre von Musils „Mann ohne Eigenschaften" oder Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" herangetraut hat, wird hier kaum widersprechen.

Auch die traditionelle Soziologie kommt nicht ungeschoren davon. Friedrich Balke zitiert Deleuze/Guattari mit dem Satz: „DieGesellschaft ist etwas, das leckt, finanziell, ideologisch, es gibt überall Leckstellen." (195) Doch sehen sie dies keineswegs als einen Mangel an, sondern sie betonen gerade die „soziale Produktivität" solcher Leckstellen und Fluchtlinien. Frech behaupten sie: „Noch nie ist jemand an Widersprüchen gestorben. Und je mehr alles aus dem Leim gweht, desto besser läuft es ..." (196) Sie postulieren daher auch im Anschluß an Durkheims „Mikrophysik des Sozialen" eine Mikropolitik und denken weniger in Systemen als in „Strömen", in gemischten Zuständen, aus denen sich die gesellschaftlich relevanten Wirkungen ergeben, die von den Humanwissenschaften mit ihren viel zu klobigen theoretischen Werkzeugen überhaupt nicht erfaßt werden können.

Liest man den Beitrag von Jürgen Link dagegen, stellen sich allerdings auch Zweifel ein, ob diese gemischten Zustände, diese Lecks, nicht von normalisierenden Kräften wieder eingefangen bzw. abgedichtet werden, ob selbstreferentiell (Luhmann) oder durch normalisierende Politik (Medien, Schule, Familie, Gesetze).

Mit diesen viel zu knappen Bemerkungen soll Appetit gemacht werden auf ein spannendes Buch, das ein Denken präsentiert, das auf Umdenken aus ist und vielleicht auch auf eine andere Politik.

S.J.

 

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Copyright © 2000 Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
Stand: 10. August 2006