DISS-JOURNAL 5(2000)

 

 

Stadtteilprojekt abgeschlossen

Auch mit dem im Frühjahr abgeschlossenen von uns so genannten „Stadtteilprojekt", das ebenfalls vom MASSKS finanziert wurde und bei dem es um den öffentlichen Diskurs des Stadtteils Gelsenkirchen Bismarck Schalke-Nord ging, wollen wir den Praxisbezug wissenschaftlicher Arbeit weiter stärken.

In dem Projekt wurden verschiedene Diskursebenen (Experten, Medien, BewohnerInnen) hinsichtlich ihres Bezugs zum Stadtteil analysiert. Es konnte festgestellt werden, daß im Zusammenwirken der verschiedenen Diskursebenen ein Grund dafür liegt, daß das Image des Stadtteiles negativ ist, weil und sofern dieses Bild ständig neu reproduziert wird. Die „Sozialmanager" zeichnen ein kritisches Bild des Stadtteils, sie sehen keine oder kaum Lösungsmöglichkeiten und erwarten auch von politischer Seite keine Hilfen.

Die ‘Aussensicht’ der überregionalen Presse auf den Stadtteil (resp. die Stadt bzw. die Region, das Ruhrgebiet) vermittelt ebenfalls ein negatives, düsteres Bild. Hier steht der Aspekt der verseuchten Industrielandschaft im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die Transformationen dieser Industrielandschaft in eine Kulturlandschaft werden nicht wahrgenommen oder auch mit Blick auf die ansässige Bevölkerung eher ironisiert. Die ‚Innensicht‘ der Lokalpresse steht dazu komplementär; sie verweist zwar auch auf die Probleme, diskutiert aber vor allem positive und konstruktive Lösungen. Die diskursiven Effekte einer solchen Berichterstattung sind somit in ihrer Gesamtheit ambivalent: Eine Steigerung der Motivation, sich an Projekten und Aktivitäten zu beteiligen, kann mit der Beschwichtigung einhergehen, dass alles schon in ‚trockenen Tüchern‘ sei.

Die Wirkung dieses Beschwichtigungsaspekts ließ sich im Alltag bei Gesprächen mit BewohnerInnen deutscher und nichtdeutscher Herkunft dann auch nachzeichnen: Die eigene Handlungskompetenz wird als ziemlich gering angesehen.

Interessant ist besonders, dass Einwanderung keineswegs das einzige Problem ist, mit dem die Menschen zu tun haben. Es scheint so zu sein, dass sich das Stadtteilleben aus einer Gemengelage konstituiert, die von einer Verschränkung von Sozial-, Einwanderungs- und Generationendiskurs hergestellt wird. Unter Berücksichtigung dieser Verschränkungen lassen sich nun erfolgversprechende Lösungen formulieren. So könnten z.B. die Konflikte, die innerhalb des Einwanderungsdiskurses eine Spaltung zwischen Einwanderern und Eingeborenen markieren, durch die Gemeinsamkeiten, die sich innerhalb des Sozialdiskurses artikulieren, ausgeglichen werden. Im Grunde lassen sich alle Probleme im Stadtteil, die einer Lösung zugeführt werden sollen, auch unter dem Gesichtspunkt beleuchten, ob die Einbeziehung weiterer Aspekte und Dimensionen hilfreich ist, das Problem zu entschärfen oder einen anderen Blick darauf zu gewinnen und möglicherweise auch andere Schritte der Bewältigung zu gehen. Ganz konkret könnten z.B. sogenannte Runde Tische Entscheidungskompetenzen erhalten, die dann zu tatsächlichen Veränderungen führen. Das heißt, dass z.B. finanzielle Mittel nicht mehr ‘von oben’ verwaltet, sondern vor Ort, von den BewohnerInnen selber, eingesetzt werden. Die vor Ort arbeitenden SozialarbeiterInnen müssen sich in ihrer Arbeitsperspektive von „Betreuern" zu „Beratern" entwickeln. Es muss sich lohnen, an Projekten, mit denen die Perspektive des Stadtteils gefestigt werden soll, mitzuarbeiten.

Für die weitere Untersuchung solcher sozialen Problemgebiete, das machte dieses Pilot-Projekt deutlich – ist der Einbezug der „Sichtbarkeiten" und „Vergegenständlichungen" der diskursiven Gemengelage in Gestalt von Dispositivanalysen unverzichtbar. MitarbeiterInnen des DISS diskutieren deshalb zur Zeit Möglichkeiten der Entwicklung eines entsprechenden methodischen Instrumentariums.

Auf einem Workshop, für Anfang 2000 geplant, werden wir mit Experten aus der Sozialarbeit und solchen, die sich wissenschaftlich, aber mit anderen methodischen Instrumenten damit befassen, die Ergebnisse unserer Pilotstudie diskutieren. Wir erhoffen uns aus dieser Diskussion wichtige Anregungen für die Ausarbeitung eines Projektes einer europaweiten vergleichenden Analyse politischer und sozialer Konfliktregulierung in sogenannten problembeladenen Stadtteilen.

 

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Copyright © 2000 Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
Stand: 10. August 2006