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Rechte Wörter – Von Abendland bis Zigeunerschnitzel

Rezension von Lenard Suermann. Erschienen in DISS-Journal (39) 2020

Mit dem Ziel, das sich rasant nach rechts erweiternde Sagbarkeitsfeld auszuleuchten und zugänglich zu machen, sind in den letzten fünf Jahren mehrere Wörterbücher zu rechten (Kampf-)Begriffen erschienen. Den Ausgangspunkt bildete das 2016 erschienene „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“ (HRK), ein Kooperationsprojekt des DISS mit dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus und Neonazismus der Hochschule Düsseldorf (FORENA).1 Fünfundzwanzig strukturanalytische ‚Tiefenbohrungen‘ sollten die teils heterogenen Verwendungen und ideologischen Verbindungen innerhalb unterschiedlicher rechter Strömungen bergen. Dem folgte im selben Jahr das „Wörterbuch des besorgten Bürgers“, in dem sich insgesamt 150 Begriffserläuterungen finden, selbstredend einem anderen Ziel folgend. Auf eine durchaus polemische Weise wird hier der „Besorgtensprech“ seziert, den man in Kommentarspalten oder auf Pegida-Demonstrationen wiederfindet. Freilich sind die jeweiligen Einträge nicht für eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung gedacht.

Von Bernstorffs ausdrücklicher Anspruch ist es nun, eine Balance zwischen beiden Ansätzen zu finden. Achtundsiebzig „rechte Wörter“ nimmt sich der Autor vor, wobei er einen kritischen, aber eher feuilletonistischen Zugang wählt. Dieser Ansatz hat seine Berechtigung dort, wo selbst engagierte Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen und Journalist*innen kaum Zeit zum Lesen finden, aber sprechfähig bleiben wollen. Die verständlich geschriebenen Einträge bieten auf je etwa eineinhalb Seiten einen ersten Einstieg zu rechtem Denken und Sprechen. So arbeitet der Autor geradezu en passant den Unterschied zwischen den Naturmetaphern „Flüchtlingsflut, -lawine“ etc. und der „gaulandschen ‚Überflutung‘“ heraus. Letzteres unterstelle „ein politisches Manöver (…): Jemand macht die Schotten auf.“ Ohne den Umweg über die Theorie der Kollektivsymbolik zu nehmen, werden diskursive Strategien somit greifbar.

Durch die zahlreichen Querverweise auf andere Einträge im Buch sowie die Kursivschreibung weiterer ideologisch belasteter Wörter und Redewendungen vermittelt der Autor einen plastischen Eindruck der ebenso kreativen wie gewaltvollen Wortschöpfungen. Zumeist hilfreich für Verständnis und Lesefluss ist dabei die assoziative Weise, mit der von Bernstorff sich den „rechten Wörtern“ nähert. Zuweilen sind seine Gedanken allerdings etwas sprunghaft. So erschließt sich nicht unmittelbar, warum im Eintrag „Abendland“ den Ausführungen zur Konfessionslosigkeit der Rechten unvermittelt ein Absatz zu von Pegida-Aktivist*innen ausgegangenen Straftaten folgt.

Diese im besten Sinne populärwissenschaftliche Herangehensweise hat allerdings zufolge, dass die lexikalischen Einträge theoretisch kaum unterfüttert werden. Von Bernstorff bleibt begrifflich unscharf, wenn er etwa die Neue Rechte mit der FPÖ und dann wieder mit der Identitären Bewegung gleichsetzt. Gerade angesichts einer sich aktuell wieder ausdifferenzierenden Rechten hätte die Unterscheidung der sich teils bekämpfenden, teils ergänzenden rechten Strömungen, ihrer Traditionen und Strategien geholfen.2

Dass ein theoretischer Überbau auch in sprachwissenschaftlicher Hinsicht wichtig gewesen wäre, zeigt sich in von Bernstorffs problematischer Verteidigung des ‚Zigeuner‘-Begriffs. Dieser sei eine „offensive Übernahme eines Schimpfnamens als positive Selbstbezeichnung“. Die deutliche Mehrheit der Rom*nya, Sinti*zze und Jenischen lehnen den Begriff allerdings als verletzend ab.3 In einem sprachkritischen Werk wie diesem wäre zu erwarten gewesen, dass diskursive Kämpfe um sprachliche Repräsentation nicht als Sprachpflege verkannt würden, oder wie von Bernstorff es ausdrückt: „politisch korrekte Sprachregulierung“.

Insgesamt ist das Wörterbuch dennoch lesenswert. Von Bernstorffs zeigt, dass auch ein nichtakademisches Publikum Zugang zum komplexen Feld rechter Sprache und Ideologie finden kann. Zudem liefert er wichtige Impulse für zukünftige ‚Tiefenbohrungen‘: Mit „Faschismus“, „System“ oder etwa „Widerstand“ seien hier nur drei Begriffe genannt, die im HRK ebenfalls einen Eintrag verdient hätten.

Literatur

Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) 2011: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Kerben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast. Münster.

Feustel, Robert et al. (Hg.) 2018: Wörterbuch des besorgten Bürgers. Zweite, erweiterte Auflage, Mainz: Ventil.

Gießelmann, Bente et al.( Hg.) 2019: Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe. Zweite, komplett überarbeitete und erweiterte Auflage, Frankfurt/Main: Wochenschau.

Hufer, Klaus-Peter 2018: Neue Rechte, altes Denken. Ideologie, Kernbegriffe und Vordenker, Weinheim: Beltz Juventa.

Klein, Michael 2011: Auswertung von quantitativen Daten zur Erhebung, in: Strauß, Daniel (Hg.): Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma. Dokumentation und Forschungsbericht, Marburg: I-Verb.de.

Klemperer, Victor 2010: LTI. Notizbuch eines Philologen [zuerst 1947], Leipzig: Reclam.

 

Andreas von Bernstorff
Rechte Wörter
Von Abendland bis Zigeunerschnitzel
Heidelberg2020: Carl Auer
170 Seiten, 19,00 Euro
ISBN 978-3-8497-0340-0

Lenard Suermann arbeitet als Mobiler Berater gegen Rechtsextremismus und ist Mitglied im Arbeitskreis Rechts des DISS.

 

 

  1. Selbstverständlich ist die Auseinandersetzung mit rechter Sprache Bestandteil kritischer Rechtsextremismus-Forschung. Eine lexikalische Zusammenführung in dieser Form gab es bis dato jedoch nur bezüglich nationalsozialistischer Begriffe, beginnend mit Victor Klemperers „Lingua Tertii Imperii“ von 1947. Erwähnenswert, wenn auch mit anderem Fokus, ist das von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard herausgegebene Werk „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ von 2011. []
  2. Klaus-Peter Hufers „Neue Rechte, altes Denken“ von 2018 zielt wie von Bernstorff auf ein breiteres Publikum und behandelt fünfundzwanzig „Kernbegriffe“ ebenfalls auf je etwa zwei Seiten. Hufer schickt dem jedoch ein Theoriekapitel voraus und schließt ein Glossar zu Zeitschriften und Verlagen an. []
  3. Dies belegen zum einen Kampagnen zur Vermeidung von Fremdbezeichnung von Selbstorganisationen, in Deutschland wie auch auf internationaler Ebene. Zum anderen lässt sich dies auch empirisch belegen. Einer Studie aus dem Jahre 2011 zufolge lehnen 57,7% der Betroffenen den Begriff ‚Zigeuner‘ als verletzend ab, während nur 6,9% ihn für sich selbst verwenden (Klein 2011). []