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Fukuyama über Identitätspolitik: Sehnsucht nach Anerkennung

Eine Rezension von Wolfgang Kastrup. Erschienen in DISS-Journal 38 (2019)

Francis Fukuyama, US-amerikanischer Politikwissenschaftler, ist durch sein umstrittenes Buch „Das Ende der Geschichte“ von 1992 international bekannt geworden. Die Kritik an seiner damaligen These, dass mit dem Ende des Kommunismus die liberale Demokratie unwiderruflich den Sieg davongetragen habe, diese Kritik, so schreibt er in dem Vorwort zu seinem aktuellem Buch „Identität“ von 2019, beruhe auf einem Missverständnis: Er habe das Wort ‚Geschichte‘ hegelianisch-marxistisch „als langfristige evolutionäre Beschreibung menschlicher Institutionen“ gesehen, und das Wort ‚Ende‘ als „Ziel“ oder „Bestimmungsort“ für einen „liberalen marktwirtschaftlichen Staat“ im Sinne von Hegel. (12f.)
Unabhängig von der Plausibilität des angeblichen Missverständnisses muss er zugeben, den Inhalt seines damaligen Weltbestsellers unter heutigen Verhältnissen umgeschrieben zu haben. (13) Das neue Buch wäre aber von ihm nie geschrieben worden, so bekennt er direkt zu Beginn, wenn nicht Donald Trump 2016 zum USPräsidenten gewählt worden wäre. (9) Seit 1992 habe er sich den Themen „Thymos, Anerkennung, Würde, Identität, Einwanderung, Nationalismus, Religion und Kultur“ zugewandt und dieses Buch handele davon.
Das Buch wird im Feuilleton gefeiert und für Spiegel Online ist es „das wichtigste Buch des Jahres“ (07.02.2019).

Was bedeutet Identität?

Da Identität für die gegenwärtige Politik so wichtig sei, verwendet Fukuyama diesen Begriff in einer spezifischen Bedeutung: „Identität erwächst vor allem aus einer Unterscheidung zwischen dem wahren inneren Selbst und einer Außenwelt mit gesellschaftlichen Regeln und Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennt.“ (26) Die Gesellschaft müsse sich ändern und das „innere Selbst“, die Grundlage der menschlichen Würde, als wertvoll behandeln. Diese Würde als wichtiger psychologischer und universeller Faktor im politischen Handeln dränge nach Anerkennung, und zwar einer gesellschaftlichöffentlichen Anerkennung. Ein Verlust der Würde gefährde die liberale Demokratie: „Da sich Menschen von Natur aus nach Anerkennung sehnen, schlägt das moderne Identitätsgefühl rasch in Identitätspolitik um, die es Individuen ermöglicht, die öffentliche Bestätigung ihres Stellenwerts zu verlangen.“ (27)
Deshalb habe Identitätspolitik so einen großen Stellenwert in der politischen Auseinandersetzung. Philosophisch will sich Fukuyama bezüglich der Kategorie Anerkennung auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel stützen, der ausgeführt habe, dass „der Kampf um Anerkennung die höchste Antriebskraft der Menschheitsgeschichte sei […].“ (27) Anerkennung bildet danach die Grundlage und den Schlüssel für das Verständnis für unsere Welt.

Thymos: Zentrum von Zorn und Stolz

Fukuyama geht anthropologisch von einer Natur des Menschen aus, die unabhängig von Gesellschaften und Kulturen existiere. Es gehe um die Natur der Seele, abgeleitet aus dem Griechischen psyche, die sich dreifach gliedere, erstens in den begehrenden, unvernünftigen Teil, zweitens in den überlegenden und vernünftigen Teil und drittens in jenen Teil der Seele, der das Zentrum von Zorn und Stolz (griechisch thymos) bilde. (33ff.) Diesen Thymos bezeichnet Fukuyama als „Kern der heutigen Identitätspolitik“, denn es gehe dabei um das von außen kommende Urteil über Wert oder Würde, also um Anerkennung. (36)
Unter den Folgen der weltweiten Finanzkrise 2008 seien Arbeitsplätze und Ersparnisse von vielen Millionen Amerikanern zerstört worden. Diese Konsequenzen hätten, so Fukuyama, an sich eine Renaissance der Linken nach sich ziehen müssen. Doch das Gegenteil sei eingetreten: „Statt den linken Kräften wuchs der Einfluss rechtspopulistischer nationalistischer Bewegungen in vielen Gebieten der westlichen Welt. Das galt vor allem für die Vereinigten Staaten und Großbritannien, wo sich die Deindustrialisierung verheerend auf die alte Arbeiterschaft ausgewirkt hatte.“ (102f.) Die linke Occupy-Bewegung sei verpufft, die rechte Tea Party habe dagegen große Teile der Republikanischen Partei als auch des Kongresses unter ihre Kontrolle gebracht. Die Linken hätten seit über hundert Jahren immer wieder den Kürzeren gegenüber den Nationalisten gezogen, trotz der weltweiten sozialen Ungleichheit. Und zwar gerade in den Armen- und Arbeitervierteln, die doch ihre stärksten Bollwerke hätten sein müssen. (Vgl. 103) Fukuyama kommt zu dem Schluss, dass sich hier „wirtschaftliche Motive im menschlichen Verhalten mit Identitätsfragen verflechten“. (104)

Antriebskraft des neuen Nationalismus

Immer wieder weist er darauf hin, dass der Status bzw. die Würde eine anthropologische Konstante sei. (Vgl. 109) Das „Gefühl, unsichtbar zu sein“, sei eine „maßgebliche Antriebskraft des neuen Nationalismus“, der zur Wahl Donald Trumps und zum Brexit in Großbritannien geführt habe. Der Autor beruft sich auf zwei neuere Untersuchungen in den USA, die auf solche „Unmutsgefühle“ von Wählern in überwiegend ländlichen Gegenden verweisen. Das Entscheidende sei deren Gefühl, dass ihre Würde nicht nur nicht anerkannt, sondern sogar verurteilt werde. Kurz: Es geht nach Francis Fukuyama um einen Identitätsverlust der weißen US-Amerikaner. Diese Wählerschaft fühle sich fremd im eigenen Land und meine von Afroamerikanern, Einwanderern und Frauen verdrängt zu werden. Letztere würden von den Eliten sogar noch aufgefordert, sich nach vorne zu drängen (vgl. 113) und erhielten „ungebührliche Vorteile“. (114) Die Eliten in den großen Städten hätten kein Verständnis für die daraus resultierenden Sorgen und schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit.
Die Nationalisten dagegen deuten „den Verlust eines relativen wirtschaftlichen Ranges in den Verlust von Identität und Status um: Du bist immer ein wichtiges Mitglied unserer großen Nation gewesen, doch Ausländer, Einwanderer und deine eigenen elitären Landsleute haben sich verschworen, um dich niederzudrücken. Dein Land gehört dir nicht mehr, und du wirst in ihm nicht mehr respektiert.“ (Ebd.) Das Problem der Linken sei, dass sie sich nicht mit den breiten Bevölkerungsschichten solidarisierten, den Arbeitern und Ausgebeuteten, sondern sie konzentrierten sich auf marginalisierte, einzelne kleine Gruppen, um ihnen Anerkennung zuteilwerden zu lassen.

Positive wie negative Seiten der Identitätspolitik

Für Fukuyama habe die Identitätspolitik positive wie problematische Seiten. Als „eine natürliche und unvermeidliche Reaktion auf Ungerechtigkeiten“ habe z.B. die Black-Lives-Matter-Bewegung dafür gesorgt, dass Polizeibehörden in den USA vorsichtiger geworden seien bezüglich des Umgangs mit Minderheiten, auch wenn es weiterhin Gewalt durch die Polizei gebe. Die #MeToo-Bewegung habe das Bewusstsein in der Gesellschaft für sexuelle Gewalt geschärft und den Umgang von Männern und Frauen am Arbeitsplatz verändert. (Vgl. 141)
Allerdings zeigen sich für den Autor auch einige problematische Gesichtspunkte. So hätten manche Linke mit ihrem Eintreten für die Identitätspolitik die ausufernde sozioökonomische Ungleichheit in den liberalen Demokratien aus dem Auge verloren. Problematisch sei ebenfalls, wenn die Identitätspolitik „von den schwerwiegenden Problemen größerer Gruppen“ ablenke, etwa davon, dass ein „beträchtlicher Teil der weißen Arbeiter in den USA (…) in die Unterschicht abgeglitten“ sei, „eine Erfahrung, die sich mit jener der Afroamerikaner in den siebziger und achtziger Jahren vergleichen lässt.“ (142)
Das entscheidendste Problem der von Linken betriebenen Identitätspolitik sei aber darin zu sehen, dass „sie eine entsprechende Politik der Rechten ausgelöst“ habe. „Die linke Identitätspolitik zieht eine politische Korrektheit nach sich, deren Ablehnung zu einer wichtigen Mobilisierungsquelle für die Rechte geworden ist.“ (144) Dieser Begriff habe im US Präsidentschaftswahlkampf 2016 eine zentrale Rolle gespielt. Wenn Fukuyama von den Linken in den USA spricht, meint er im Wesentlichen immer die Demokratische Partei. Neben seiner deutlichen Kritik an der rechten Identitätspolitik von Donald Trump, an dessen Verlogenheit, Bösartigkeit und Scheinheiligkeit als Person, wird die linke Identitätspolitik der Demokratischen Partei zu einem Hauptziel seiner Kritik, da sie die Politik der Rechten erst ermöglicht habe. Linke wie rechte Identitätspolitik würden zu festgelegten Merkmalen wie Rasse, Ethnizität und Religion zurückkehren und seien deshalb so problematisch. (Vgl. 188)

Liberale Demokratie mit patriotischen Bürgern

Fukuyama plädiert für eine inklusive, nationale Identität, die auf „liberalen und demokratischen politischen Werten sowie auf den geteilten Erfahrungen aufbauen, die das Bindegewebe für blühende vielfältige Gemeinschaften darstellen“. (155f.) Gefährlich werde es dann, wenn die nationale Identität mit einem „Ethnonationalismus“ verbunden werde, der zu Intoleranz, Aggression und Verfolgung führe. (Ebd.) Eine erfolgreiche Demokratie, und das ist für ihn immer eine liberale Demokratie, benötige solche Bürger, die patriotisch, aktiv, informiert und sozial eingestellt seien und die bereit sein müssten, ihre eigene Meinung zugunsten des demokratischen Konsenses zurückzustellen. (Vgl. 189)

Nationale Bekenntnisidentitäten

Die liberalen Demokratien stehen nach Meinung des Autors vor großen Herausforderungen, die sich nicht nur auf den schnellen wirtschaftlichen und sozialen Wandel und die Globalisierung beziehen. Der Rückzug der linken wie rechten Identitätspolitik auf „immer enger gefasste Identitäten bedroht die Möglichkeit gesamtgesellschaftlicher Erwägungen und des kollektiven Handelns“. Dies könne zum Scheitern des Staates führen. (194) Er spricht sich für „nationale Bekenntnisidentitäten“ aus, die sich auf die „Gründungsideen der modernen liberalen Demokratie“ beziehen und „Neuankömmlinge mit politischer Hilfe zielstrebig […] assimilieren“. (195)
Er bezieht sich positiv auf den US-Einbürgerungseid und plädiert für eine Leitkultur, die sich auf die Gleichheit der Menschen und demokratische Werte stützt. Eine solche Leitkultur empfiehlt er in besonderer Weise Deutschland. (Vgl. 198f.) Des Weiteren schreibt er in seinem letzten Kapitel „Was tun?“, dass die EU ihre Außengrenzen besser schützen sollte und bezieht sich dabei positiv auf die Grenz- und Küstenwache Frontex, die unterbesetzt und unterfinanziert sei. (Vgl. 205) Frankreich empfiehlt er eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes und für alle liberalen Demokratien schlägt er einen allgemeinen Pflichtdienst vor, der das nationale Gemeinschaftsgefühl stärken und deutlich machen würde, dass „die Staatsbürgerschaft Engagement und Opfer erfordert“. (203)

Fazit

Wenn Fukuyama für liberale und demokratische Werte plädiert, meint er damit immer eine Verbindung von Demokratie und Marktwirtschaft. Zwar beklagt er die wachsende soziale Ungleichheit seit der Finanzkrise von 2007/8, erkennt darin aber nicht ein wesentliches Merkmal kapitalistischer Verhältnisse. Vergleichbar ist seine Darstellung von Arbeitslosigkeit und Armut in den USA und Großbritannien, wo er bei der Deindustrialisierung und dem globalisierten Markt stehen bleibt und Privateigentum an Produktionsmittel, Lohnarbeit, Ausbeutung und Klassenherrschaft als solche Strukturmerkmale in keiner Weise beachtet. Kurios wird es, wenn er neoliberale Reformen als Ursache für eine wachsende soziale Ungleichheit kritisiert, Frankreich aber, vgl. oben, eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes empfiehlt. Seine Analyse wird aber auch dort nicht überzeugender, wo er die „ethnische Vielfalt“ für die Kriege in Afghanistan und Syrien verantwortlich macht (vgl. 155). Zudem läuft sein Plädoyer für die stärkere Sicherung der EU-Außengrenzen durch Frontex auf eine europäische Flüchtlings- und Migrationsabwehrpolitik hinaus.
Fukuyama, der sich politisch als „Mitte-links“ bezeichnet (vgl. Interview in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 03.02.2019) will für eine breite Leserschaft das Zusammenspiel von Nationalismus und Unzufriedenheit aufdecken. Eine klare Absage an nationalistische und rassistische Identitätsangebote wird dabei deutlich. Wenn der Autor von menschlicher Würde spricht, die nach Anerkennung dränge, so erinnert dies etwas an das Lebensthema von Axel Honneth, da wir nach dessen Meinung angewiesen seien auf die Wertschätzung und Achtung anderer. Wem diese Wertschätzung verwehrt werde, wer sich ausgegrenzt und beschämt fühle, der begehre auf und führe einen Kampf um Anerkennung. Zwar beschreibt Honneth auch eine anthropologische Verankerung menschlicher Fähigkeiten, im Unterschied zu Fukuyama verweist er bei den sozialen Pathologien aber auf Entfremdungs- und Verdinglichungsphänomene, auf die Fukuyama überhaupt nicht eingeht.
Gerade weil Fukuyama die kapitalistischbürgerliche Gesellschaft mit ihren vielfältigen Widersprüchen nicht in Frage stellt und somit Lohnarbeit, Ausbeutung und Klasse nicht in ihrer Gesamtheit sieht, wird sein neues Buch wohl wieder ein Bestseller werden.