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Spiel mir das Lied vom Tod

 

Biopolitik in der Bild-Zeitung. Von Siegfried Jäger.

Erschienen in: Margret Jäger / Siegfried Jäger / Ina Ruth / Ernst Schulte-Holtey / Frank Wichert (Hg.) Biomacht und Medien. Wege in die Bio-Gesellschaft, Duisburg, 62-99

 

»Wer das Volk erreichen will, muß in Bild schreiben.« (Helmut Schmidt 1993)1

»Die Bildzeitung stülpt […] der gesamten Gesellschaft ihre Normalisierungsgeschichten über den Kopf, sie schafft mit ihren Narrationen ihre ›normale‹ Welt, die – als reine Fiktion betrachtet – die wirksamste aller ›Unendlichen Geschichten‹ zu nennen nicht unpassend wäre, schafft sie […] als Realität.« (Jürgen Link 1986)2

»Die Botschaft von Bild lautet […], daß es keine denkbare Botschaft mehr gibt; sein einziger Inhalt ist die Liquidierung aller Inhalte.« (Hans Magnus Enzensberger 1983)

Großregulator Bild: Eine knappe Einleitung

Die populistische und gelegentlich die Grenze zum Rechtsextremismus streifende Boulevard-Zeitung Bild erreicht 15-20 Millionen Leser täglich, also etwa ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland. Trotzdem wird dieses »Monster aus dem Hause Springer«, wie Hans Magnus Enzensberger die »Erfolgszeitung« tituliert, politisch vielfach unterschätzt – trotz der Proteste der Studentenbewegung, trotz Günter Wallraffs spektakulären Enthüllungen.3 Dabei ist Bild eine Diskursmaschine, eine Art »Großregulator«4 der nicht unerheblich dazu beiträgt, derzeit hegemonialen rechts-konservativen Diskursen breite Akzeptanz zu verschaffen oder anders: Sachverhalten zur Normalität zu verhelfen, die eigentlich unnormal, grausam, unmenschlich und abschreckend sind.5

Zwar manipuliert Bild auch Fakten. Das hat etwa Günter Wallraff immer wieder aufzeigen können. Aber darin liegt m.E. nicht die primäre Gefahr, die von diesem Blatt ausgeht. Ich sehe diese sehr viel stärker in ihrem spezifischen Regulationspotential, in ihrer Fähigkeit, völkisch-nationalistisch geprägte Akzeptanzdiskurse zu installieren und vital zu halten. Das gilt auch für den biopolitischen Diskurs.6

Der biopolitische Diskurs in Bild im Jahr 1994

1994 hat Bild in rund 220 von mir aufgefundenen und analysierten Artikeln und Meldungen etwa die Hälfte der biopolitischen (Unter-)Themen angesprochen, die wir im Mediendiskurs dieses Jahres insgesamt ausfindig gemacht haben.7

Die gefundenen Artikel lassen sich den folgenden Hauptthemen zuordnen, womit sich weitere thematische Schwerpunkte zu erkennen geben:8

  • Krankheit/Gesundheit9
  • Tod/Sterben10
  • Ethik11
  • Geburt/Leben12
  • Sex/Gender13
  • Ernährung14
  • Ökonomie15

Eine Auflistung ergibt, daß das Thema Gesundheit/Krankheit absolut dominiert (89); es folgt Tod/Sterben mit 65, Ethik/Menschenbild mit 27, Geburt/Leben mit 21, Sex/Gender mit 15, Ernährung mit nur 8 Artikeln und am Ende Ökonomie mit nur 1 Artikel. Auffällig ist die geringe Beachtung der Ernährung; das ist einigermaßen erstaunlich, denn, wie Umfragen ergaben, ist die Genmanipulation von Lebensmitteln für die Deutschen das Thema, das ihnen am meisten Angst macht. Man vergleiche dazu auch die folgende FOCUS-Grafik vom 31.10.1994.16 Entsprechend kann die Dominanz des Themas Gesundheit/Krankheit in Bild so interpretiert werden, daß in diesem Bereich (Gentherapie, Anti-Krebs-Mittel) am ehesten Akzeptanz in der Bevölkerung zu erwarten ist, weil es hier (angeblich) um lebensverlängernde und gesundmachende Techniken geht. Dazu korrespondiert die relativ häufige Besetzung von Tod/Sterben in der Weise, daß der Schöne Tod propagiert wird (und die Sterbehilfe).

1994 10 31 Focus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interessant ist, daß Bild Themen wie Sterben geradezu verklärt und als positives Ereignis in den Vordergrund rückt. Sterben müssen wir alle, letztlich. Das stützt einerseits Themen wie Euthanasie (= schöner Tod). Sie erscheint nicht so schlimm, wenn der Tod schön ist bzw. das Erleben des Vorgangs im letzten Stadium und auch nach dem Tod. Zugleich wird das Leben in den Tod hinein verlängert – man stirbt nach Bild nicht wirklich, der Tod wird als eine Art Orgasmus vorgestellt.

Freilich wird auch der Unfalltod, der Tod von Prominenten, von bekannten Sportlern groß herausgestellt. Es gibt also auch den schrecklichen Tod, daneben Übergänge zwischen beiden, etwa wenn der Tod einer berühmten Schriftstellerinals schöner Tod inszeniert wird. Diesem Themenspektrum werde ich mich in einer ausführlichen Analyse später zuwenden, auch weil es in dieser Form in keiner anderen der von uns analysierten Zeitungen zu finden war.

Das Thema Ethik/Menschenbild ist in Bild gut besetzt, aber durchweg auf schlichte Weise. In nur drei kurzen Artikeln wendet man sich gegen die Bioethik-Konvention, so etwa in einem Leserkommentar vom 9.10.1994. Torsten Klitsch, Service-Techniker aus Lahr, schließt sich der Ablehnung der Bischöfe an. Zudem verweist er auf die Euthanasie im Dritten Reich und auf den behinderten genialen Mathematiker Stephen Hawking. Dieser Leser-Kommentar hat die Funktion, auf die Bedenken in der Bevölkerung aufmerksam zu machen. Bild selbst bezieht hier nicht Position, von einem Leser kann Bild sich auch leicht wieder distanzieren.

Wenige Tage vor diesem Kommentar gab es eine knappe Meldung (am 4.10.), die sich ebenfalls gegen die Konvention richtete. Am 2./3. hatte Bild den Vorsitzenden der katholischen deutschen Bischofskonferenz zu Wort kommen lassen und seine Stellungnahme gegen die Bioethik-Konvention ausführlich zitiert. Bild selbst hält sich in dieser Hinsicht äußerst zurück.

Das Thema Geburt/Leben behandelt die spektakulären und spekulativen Aspekte dieses Zusammenhangs, etwa Designerbabies, ein Thema, das für den Alltag der Menschen ja nun wirklich keine größere Rolle spielt; aber auch die Notwendigkeit der Bevölkerungskontrolle wird unterstrichen, wodurch ein Anschluß an den Diskurs der Einwanderung vorgenommen wird, der in Bild durchweg rassistisch aufgeladen ist.17

Die Sex/Gender-Thematik wird in Bild täglich auf soft-pornographische Weise angesprochen, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll. Daneben interessieren ›Abweichungen‹ wie Homosexualität und Sex als Praxis, auf die man sich offen und geschwätzig mit Tips und Ratschlägen bezieht.18

Unmittelbar ökonomische Probleme und Möglichkeiten, die sich in Verbindung mit der Genmanipulation, aber auch anderen biopolitischen Themen ergeben, werden von Bild ebenfalls nicht oder nur ganz am Rande angesprochen. Die vielfach ins Feld geführte Standort-Argumentation, mit der die Akzeptanz der Deutschen sozusagen erpreßt werden soll, taucht nur in einem einzigen Artikel und nur als knappe Nachricht auf: Es wird davor gewarnt, daß Deutschland »den Anschluß verpasse« an die weltweite Entwicklung der Gentechnik. Weshalb diese Zurückhaltung geübt wird, kann nur vermutet werden. Es dürfte wohl kaum zum ideologischen Repertoire einer tendenziell rechts-konservativen Zeitung gehören, der Bevölkerung mit einer Schwächung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit zu drohen. Hier zeigt sich die Zwickmühle zwischen nationalen Interessen und der Internationalität des Kapitals.19

Bild geht auf andere Weise mit den Bedenken der Deutschen, die ihrer Diskursposition nicht entsprechen, um: Sie macht sich darüber lustig:

Bild bringt am 5.10.1994 eine Statistik, nach der jeder 5. Deutsche Angst vor »der Gen-Technik« hat. Es handele sich um eine Studie des Düsseldorfer Instituts für Sozialpsychologie. Interessant ist dabei die Reihenfolge: Jeder 2. Deutsche hat Angst vor einem Unfall in einem Kernkraftwerk, 40% ängstigen sich vor giftiger Chemie, jeder 3. ängstigt sich vor dem Treib-hauseffekt, 10 von 100 glauben, daß Hochspannungsleitungen und Mobilfunk krank machen. Und: »Jeden 5. ängstigt die Gentechnik.« Wie in der Struktur von Witzen, erscheint in abnehmender Reihenfolge die Gentechnik auf dem letzten Platz der Angst-Hitliste, nach der irrationalen Angst vor Mobilfunk. Die Botschaft von Bild lautet: So Blöd ist die Angst vor der Gentechnik, noch dümmer als die Angst vor dem Mobilfunk. Diese Lesart wird dadurch erhärtet, daß auf der gleichen Seite ein Kommentar von Paul C. Martin zu finden ist, der sich über die Technik-Angst der Deutschen belustigt und empört (»Bangemachen gilt nicht!«). Die Düsseldorfer Wissenschaftler hätten Angst mit Befürchtung, Besorgnis, Antipathie verwechselt.

Betrachtet man die Verteilung der Artikel übers Jahr, so läßt sich feststellen, daß die biopolitische Thematik kontinuierlich angesprochen wird, allerdings mit einer deutlichen Steigerung in der zweiten Jahreshälfte. Das geht einher mit der Neuaufnahme von Themen wie AIDS, Behinderte, Krankheit, Gentechnik (über die vorher nur einmal berichtet worden war), Organhandel, modernste Medizin, Sexualität (Serie). Manche Themen verschwinden völlig wie etwa Gentherapie. Genetisch verfahrende Therapie war in der ersten Jahreshälfte durch das Vorpreschen einiger schneller Mediziner in die Schlagzeilen geraten, die ihre Versprechen aber alsbald wieder stark relativieren mußten.20

Bild hat knapp die Hälfte der Themen aus unserer Stichwort-Liste21, die die Themen aller Zeitungen umfaßt, nicht aufgenommen. Dies gibt Aufschluß darüber, wo dieses Blatt Schwerpunkte setzt und welche Themen evtl. als zu heikel oder zu schwierig für die Klientel angesehen werden.Interessant ist z.B., daß Bild die Bioethik-Debatte, die während des Jahres 1994 im In- und Ausland teilweise vehement geführt wurde, fast völlig ausgespart hat. Es fehlen ferner z.B. Themen wie Embryonen, Freilandversuche, Genpatente, Gentechnik-Organisationen, Keimbahneingriffe, Mißbildungen, Nord-Süd-Konflikt, Psychiatrie, psychische und soziale Faktoren bei Krankheiten, Samenbanken, transgene Experimente und Tierrechte. Es sind also besonders die heiklen, problematischen Themen, die Bild ausläßt. Es ist zu vermuten und soll im weiteren Verlauf genauer überprüft werden, daß Bild einen massiven Pro-Biopolitik-Kurs steuert, indem sie die üblen Seiten der biopolitischen Medaille unterschlägt, von ihr positiv gesehene, an denen eine um Akzeptanz bemühte Berichterstattung ansetzen möchte, aber groß herausstellt.

Auffällig ist, wie in den anderen Zeitungen auch, daß die Artikel und ihre jeweiligen Unterthemen kaum den oben dargestellten Oberthemen und schon gar nicht einem einzigen (tendenziell) einheitlichen Diskursstrang zugeordnet werden. Das hat zur Folge, daß in Teilbereichen der Thematik Geländegewinne hinsichtlich der Akzeptanz möglich sind, während andere Bereiche vorerst vernachlässigt werden können. Ist aber Akzeptanz in einem größeren Bereich erzielt worden, lassen sich auf dem Hintergrund dieses ›Polsters‹ weitere Themen im Sinne der Akzeptanzgewinnung bearbeiten. Ein Musterbeispiel für diese Vorgehensweise ist es etwa, wenn eine systematische Trennung des humangenetischen Bereichs vom agrarischen vorgenommen wird.22

Die biopolitischen Themen werden in Bild in der Regel in Gestalt von Berichten und Reportagen abgehandelt;23 auch kurze faktenbezogene Meldungen, die die Funktion von Exempla haben, sind relativ häufig zu beobachten.24 Nur ganz selten werden biopolitische Themen kommentiert.25 Ferner tauchen weitere Berichte meist mittlerer Länge im Rahmen von Serien auf.26 Das Thema wird also nicht vorwiegend reflektierend und kommentierend, sondern eher konkret in Gestalt von Faktenberichterstattung abgehandelt, wie es auch sonst dem journalistischen Duktus von Bild entspricht. Gerade das scheint mir aber typisch für eine Regulationstechnik zu sein, die ›Fakten‹ scheinbar für sich selber sprechen lassen will.

Es kann nach diesem Überblick bereits gesagt werden, daß Bild im biopolitischen Themenkomplex die heiklen Themen weitgehend ausspart; daß sie das Gesamtthema aber durchgängig wachhält. Sie schafft eher diffuse Hintergründe, als daß sie rational argumentiert oder eindeutig Position bezieht. Sie hält die Dinge in der Schwebe und legt sich kaum einmal fest, füttert und stabilisiert aber auf diese Weise letzten Endes einen Akzeptanz-Diskurs gegenüber biopolitischen Sachverhalten. Die folgenden Analysen sollen diese Behauptung weiter ausdifferenzieren.

Bild lesen – und dann in Ruhe sterben! Der Tod in der Bild-Zeitung

Bild und Tod und Teufel27

Das Thema Tod/Sterben beschäftigt Bild über alle Maßen. Sehr regelmäßig und in den verschiedensten Variationen, oft verschränkt mit anderen Unterthemen des biopolitischen Diskursstrangs, hält es immer wieder dazu her, unterschiedlichste konkrete Fälle miteinander zu verbinden. Insbesondere ist auffällig, daß und wie sich das Thema Tod/Sterben mit anderen Themen verschränkt. Einige Beispiele zur Illustration:

  • »Ich sterbe jeden Tag« (13.3.94): schleichender Tod nach verpfuschter Operation; Verschränkung mit dem medizinischen Diskurs.
  • »Nixon im Todesschlaf. Sein letzter Wunsch: Stellt die Maschinen ab«, (23.4.94): Verschränkung mit Prominenz und Sterbehilfe.
  • »Oswalt Kolle und die Todesspritze« (13.8.94): Der Sex-Berater denkt darüber nach, sich der Euthanasie zu unterziehen; Verschränkung mit dem NS-Diskurs (Euthanasie) und Sexualität, sexuelle Freiheit.
  • »Herr Kolle, ich will sterben, helfen sie mir!« (18.8.94): Der Sex-Berater wird auch in Sachen Sterben/Tod um Rat gebeten; Verschränkung von Tod und Sex.
  • »Friedlich gestorben. Ein Junge, der nicht mehr leiden wollte…« (22.8.94): Verschränkung mit dem medizinischen und dem Euthanasiediskurs.
  • »Ich habe ein totes Kind geboren – damit andere überleben« (2./3.10.94): Organspende.
  • »Totes Kind schenkte 5 Menschen das Leben« (4.10.94): Organspende.
  • »Braut schenkte Bräutigam Niere« (13.10.94)

Ab 21.10.94 folgt eine längere Serie zum Herztod.

  • »Hinrichtung in China: Danach kommt der Organhändler« (27.10.94)
  • »Arztfehler? Ich pflege mein Kind bis es sterben muß« (31.10.94)
  • »Eltern zeugten 2. Kind, um ihr erstes zu retten« (2.11.94)
  • »Der Tod ist so nah, und ich lebe« (5.11.94): Organspende.
  • »Bitte, kleine Natalie, lebe weiter« (6.11.94): Herztransplantation.
  • »Das Baby der schwangeren Toten« (in Erlangen) (10.11.94): Filmbesprechung.
  • »Kunstleber – und so funktioniert sie« (15.11.94)
  • »Im Auftrag der Organ-Mafia: Chirurgen nehmen Kranke aus« (21.12.94): die Kranken läßt man danach sterben.
  • Nach zwei Monaten im Koma »Bericht aus dem Jenseits« (30.12.94)

Das Thema Sterben wird auf den ersten Blick in Bild durchaus unterschiedlich behandelt: als Unfallfolge, Schöner Tod, Selbstmord, Sterbehilfe etc. Der Grundtenor aber ist in nahezu allen Fällen die Verklärung bzw. eine Art romantischer »Sympathie mit dem Tod« (Thomas Mann), wie sie in der Serie vom schönen Sterben zum Ausdruck kommt, die ich im später noch genauer analysieren werde.

Der Effekt dieser Verklärung ist, daß die herrschende Angst vor dem Tod relativiert bzw. abgemildert wird, das Tabu, das über dem Tod liegt, wird, wenn nötig, gebrochen. Das auch von Bild gewünschte positive Verhältnis zum Leben soll nicht durch die Angst vor dem Tod gestört werden, die durch Ereignisse wie Sportler- oder Prominententod in den Alltag eindringt. Der Tod darf deshalb nicht das Ende sein. Er ist ein neuer Anfang… So wird der Tod selbst ins Leben geholt. Man lebt weiter, ewig. Das ist ganz im Sinne der Biopolitik:

Biopolitik ist eine »auf das Leben gerichtete Machttechnologie« (Foucault 1983, S. 172, meine Hervorhebung, S.J.), die durch den Tod, verstanden als Ende, wie auch immer er verursacht wird, konterkariert wird. Dem Tod soll also seine negative Bedeutung genommen werden, er soll als etwas ganz Normales oder gar Schönes relativiert werden. Weshalb dies geschieht, das soll im weiteren genauer herausgearbeitet werden.

Enttabuisierung durch Verklärung ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Verklärung bedeutet zugleich, daß es auch nicht so schlimm sein kann, wenn in dieser Gesellschaft (andere) Menschen in den Tod gestoßen werden, freiwillig aus dem Leben scheiden, bei ›nicht zu vermeidenden‹ Unfällen ums Leben kommen. Die Enttabuisierung des Todes durch Relativierung erscheint so als eine Voraussetzung dazu, barbarische und kalte Ereignisse zu normalisieren und uns daran zu gewöhnen, sterben zu lassen und zu sterben, um ungestört »Leben machen«, Leben regulieren zu können.28

Die »Bild-Serie über die Rätsel des Todes: Ist Sterben schön?«

Sehr dicht wird das Thema Tod/Sterben in einer Serie mit dem provozierenden Titel »Ist Sterben schön?« abgehandelt, die Bild in 11 Tagen hintereinander Anfang 1994 gefahren hat.

Autor der Serie ist Heinz Sünder. Da es um Sterben/Tod und auch um religiöse Vorstellungen etc. geht, könnte der Name ein sinnfälliges Pseudonym sein (für ›Jedermann‹?). Wie dem auch sei, der Autor Sünder lädt die armen Sünder zur Identifikation ein. Der Name Sünder taucht sonst in Bild nicht auf.29

Die Serie mit dem Titel »Ist Sterben schön?« läuft (mit einer Ausnahme am 6.2.) täglich zwischen dem 31.1.1994 und dem 10.2.1994. Nach sechs Vorgaben durch den (angeblichen) Autor Heinz Sünder, und begleitet von ständigen Aufforderungen an die Leser, eigene entsprechende Erlebnisse zu berichten, folgt eine Vielzahl solcher Kurzberichte zwischen dem 7. und 10.2. in Gestalt von Leserbriefen.30 Die Serie wird – außer durch grafische Entsprechungen – durch ständige Verweise auf die nächste Folge und Aufrufe an die LeserInnen zusammengehalten. Da heißt es etwa provokant: »Waren Sie schon mal im Jenseits? Haben Sie ähnliches erlebt wie die Hauswirtschafterin Cornelia Schreiber? Dann schreiben Sie uns ausführlich …« Oder: »Waren Sie schon mal drüben …? Waren Sie in der Grauzone, im Grenzbereich zwischen Leben und Tod? Haben Sie das Jenseits berührt? Lieber Bild-Leser, dann schreiben Sie uns ausführlich, was Sie gesehen, gehört, gespürt haben! Bild-Zeitung, Kennwort Jenseits, 20640 Hamburg.«

Die erzählten Geschichten, die den Charakter von Anekdoten haben, enthalten fast alle Elemente der Erfahrungen, die ein Raymond A. Moody in seinem international verbreiteten und auch auf Deutsch erschienenen Buch »Leben nach dem Tod« (Moody 1977) in 150 Gesprächen mit Menschen, die Nah-Todeserfahrungen gemacht haben, aufgezeichnet hat. Es handelt sich etwa um die Erfahrung des Tunnels, durch den man hindurch muß, um die Begegnung mit Lichtwesen, mit gestorbenen Verwandten, um das Schweben über dem eigenen Körper etc. etc., Motive, die allesamt in der Bild-Serie ebenfalls auftauchen.

Interessant daran ist nicht, ob Heinz Sünder, der Autor, abgeschrieben hat; auch nicht, ob Menschen in der Stunde des Todes möglicherweise die gleichen Erfahrungen machen, sondern, wann und wie Sünder solche Stories in den biopolitischen Diskurs der Bundesrepublik Deutschland einzubringen versucht und welche Effekte die Serie auslöst.31

Tod im Sport: Ulrike Maier

Die Serie beginnt an dem Tag, an dem Bild auf S. 1 über den Tod der österreichischen Skiläuferin Ulrike Maier berichtet (31.1.1994). Der schreckliche Unfall, bei der sich die junge Frau das Genick brach, wurde von Millionen Zuschauern am Fernsehgerät mitverfolgt.

Bild geht das Problem offensiv an: Ulrike Meier mit Kind wird auf der Titelseite groß ins Bild gesetzt; es wird berichtet, daß die kleine vierjährige Tochter den Tod der Mutter auf der Piste mitanschauen mußte. Die Schlagzeile auf der Titelseite lautet: »Melanie (4), die Tochter der toten Skiläuferin: SIE SAH MAMA STERBEN«. Der Artikel läuft mit der Zeile an: »Der Tod, der uns alle entsetzt hat.« Die »Sekunde des Todes« wird auf dem Bild-Titel in 6 großen Phasenbildern wie auf einem Filmband rekonstruiert.

Rechts neben der Berichterstattung über den Tod Ulrike Maiers steht der Artikel: »Streik. Reißt er uns alle in den Abgrund.« Dieser profitiert vom grausigen Sturz der Frau in den Abgrund. Unterhalb der Aufmacherstory ist von einem anderen Unfall die Rede: »Glorias Unfall. Warum schweigt der Hof?« Auch hier handelt es sich um einen Ski-Unfall, der schwerer ist als zuerst angenommen. Zum Tod der Skiläuferin Maier gibt es auf der zweiten Seite zudem einen Kommentar (von Alfred Draxler): Dieser Tod zwinge uns jetzt alle zum Nachdenken. Man müsse sich des Risikos bewußt sein. Die komponierte Botschaft ist: Wir sind von Tod und Abgründen umgeben. Die Kommentierung lehnt sich an verbreitete Alltagsvorstellungen an: »Spannender – gefährlicher und tödlich. Ist das der Sport von heute?« Im Sportteil dominiert dieses ›Ereignis‹ eine ganze Seite mit 6 Artikeln, die unterschiedliche Aspekte des Unfallgeschehens und seiner Folgen herausstellen.

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Nur einige Sportmeldungen haben daneben Platz: so die Ankündigung der olympischen Winterspiele 1994: »Noch 12 Tage bis Olympia«. The show must go on! Mit einem Artikel mit der Überschrift »Melanie (4) sah den Tod ihrer Mutter im Fernsehen. ›Ich will nicht, daß Mama am Kopf blutet‹« und mit großen Buntfotos (Mutter Ulrike mit Kind und grünem Stoffelefanten, trauernder Lebensgefährte), einer Grafik über den Streckenverlauf und den genauen Ort des Unfalls, Stimmen zum Unfall, einem Überblick über tödliche Unfälle beim alpinen Skisport (20 seit 1959) und einem abschließenden Artikel mit dem Titel: »Millionenklage der Familie: ›Es war Mord!‹« wird das Ereignis diskursiv ausgebaut.

Mit dieser Reportage und durch die direkte Art und Weise der Berichterstattung bricht Bild das Tabu, das über dem Tod liegt und fragt: Was ist der Tod? Welchen Sinn hat er? Bild muß diese Frage um so eher stellen, als dieser sinnlose Tod ausgerechnet beim Sport passierte.32 Denn der Sport wird von Bild täglich als der Glücksbringer verkauft. Dieser Sport-Diskursstrang berührt sich eng mit dem hier untersuchten biopolitischen bzw. kann als Teil davon aufgefaßt werden und verdiente eine eigene Untersuchung. Die Vermutung, die Serie zum schönen Sterben als Reaktion auf den Unfalltod der Skiläuferin Ulrike Maier aufzufassen, scheint denn auch nicht als zu weit hergeholt. Der »Schöne Tod« scheint aber auch sonst eine Art Standardthema von Bild zu sein.33

In der Zeitungsmitte beginnt dann auf S. 5b die Serie »Ist Sterben schön?« Vermutlich soll das auf der Titelseite und im Sportteil berichtete Grausen wieder integriert und harmonisiert werden. Das läge im Trend einer Normalisierungstechnik.

 

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Die Folgen der Serie im einzelnen

Ritualisierte Einleitungen

Die ersten sechs Folgen der Serie laufen mit einer Einleitung an, die Varianten, Kürzungen, Wiederaufnahmen der Einleitung der ersten Folge darstellen:

1.Folge:

»5 Milliarden Menschen | leben auf der Erde. Alle | fürchten sich vor einem | Feind |– vor dem Tod. | Er ist die letzte Brücke. | Er ist der Weg ins | Nichts. | Er ist Schmerz. | Er ist Leere. | Oder? | *** | Der Tod ist nicht | das Ende. Der | Tod ist ein neuer | Anfang in einer anderen | Welt … | Das behaupten Zeugen. | Es sind Menschen, die | im Jenseits waren – und | zurückkehrten. | Ihre Botschaft: ›Fürchtet Euch nicht …!‹ | BILD dokumentiert das Unglaubliche. Ist Sterben schön?«

2. Folge:

»Jeden Tag sterben | 2496 Deutsche. | Herzen stehen still. | Blut fließt. | Arterien platzen. | Aber auch sanft schließen sich Augenlider über brechende Pupillen. | Der Tod holt jeden. | Der Tod ist unsere Urangst. Die Angst vor Schmerz und Leere – vor dem Nichts. | Aber der Tod ist nicht das Ende! Der Tod ist die Brücke in eine andere Welt … | Das behaupten Zeugen. | Es sind Menschen, die dem Tod ins Auge blickten – und es leuchtete. Sie sahen das Jenseits, und sie berichten. | Ihre Botschaft: ›Fürchtet Euch nicht …‹ | Bild dokumentiert das Unglaubliche. | Ist Sterben schön?«

3. Folge:

»Fünf Milliarden Menschen fürchten sich vor einem Feind – vor dem Tod. Er ist der Weg ins Nichts. Er ist Schmerz. Oder« (Weiter wie im ersten Teil)

Die vierte Folge beginnt:

»2496 Deutsche sind heute nicht aufgewacht. | Ihre Augen sind gebrochen. | Vater Tod hat sie gemäht. | Der Tod ist unsere Ur-Angst. | Er ist die letzte Brücke…« (Weiter wie im ersten Teil)

Die fünfte Folge wagt sich weit vor und titelt in großen Lettern: »Das Jenseits ist wie 1000 Orgasmen …«

In der Einleitung werden zwei Dichter zitiert. Darauf folgen Varianten der vorangegangenen Einleitungen.

In der sechsten Folge wird die Hölle geschildert. Die Einleitung variiert die der ersten Folge nur knapp: »Der Tod wirft Schatten … Die letzte Brücke führt auch nach unten … In die Hölle. Es gibt Zeugen, die im Jenseits waren und in den Schlund der Hölle geblickt haben.«

In der 7.-10. Folge werden (angeblich) eingeschickte Berichte von Leser-Innen abgedruckt. In der Einleitung wird jeweils darauf verwiesen.

Diese stereotypen Einleitungen erinnern an Rituale, was durch die religiösen Anspielungen und Teilzitate weiter verstärkt wird. Herr Sünder-Jedermann verkündet etwas.

Die Rätsel des Todes: Knappe Inhaltsangaben zu den einzelnen Folgen

Im folgenden will ich die Serie im Überblick darstellen, da erst auf diesem Hintergrund die Analyse einer der Folgen, der ersten, voll verstanden werden kann.

1. Folge:

Cornelia Schreiber (28) berichtet von ihren Jenseitserfahrungen.34 Nach einer schweren Operation fühlte sie sich über dem Operationstisch schweben und sieht sie ihrer eigenem Operation zu. Ihre gestorbene Mutter holt sie aus dem Jenseits ab, und Cornelia fühlt sich geborgen und geliebt. Danach werden weitere Fälle aus der Sammlung des Arztes Michael Schröter-Kunhardt (36) berichtet, in denen parallele Erfahrungen auftauchen. Anschließend wird das Erlebnis der Cornelia wieder aufgenommen. Weitere Details über das Jenseits als amöne Landschaft werden geliefert. Cornelia war seit der ersten Reise mehrfach drüben, aber sie weiß, daß sie noch nicht bleiben darf. Trotz dieser merkwürdigen Erfahrungen ist Cornelia eine ganz normale junge Frau, mit Freund und kleiner hübscher Wohnung. Fazit ist: Angst vor dem Tod hat Cornelia nach diesen wundersamen Erlebnissen und Erfahrungen nicht mehr. Die Botschaft (so wörtlich zu Beginn des Artikels): »Fürchtet Euch nicht …«

2. Folge:

Bericht einer reichen Frau (Ursula Laufs, 44), die einen Herzanfall hatte, nach dem sich Jenseitserfahrungen einstellten, bei denen sie sich als inaktives »unbeschriebenes Blatt« erlebte und darauf ihr Leben änderte (Scheidung, aktive Arbeit im Umweltschutz etc.) Sie weiß: »›Natürlich gibt es ein Leben nach dem Tod. Nur – das muß man sich erst einmal verdienen …‹« Der in der ersten Folge genannte Arzt Schröter-Kuhnhardt, der eine Fallsammlung besitzt, wird wieder zitiert und kommentiert diese Story. Botschaft: Seid im Diesseits aktiv und tut was, verdient Euch das Jenseits!

3. Folge:

Ein Autounfall (Helge-Heinz Götzel, 45). Nach seiner Rückkehr wird er eine Art Wahrsager, und neben normalen Träumen hat er weitere Jenseitserfahrungen. Die Hölle hat er nicht gesehen. Er sagt: »Ich glaube, die Hölle gibt es für uns nicht. Ich glaube, unsere Hölle ist hier auf Erden!« Und wieder wird der Arzt bemüht: »natürlich bekommen wir Botschaften aus dem Jenseits. Ob diese Botschaften aber immer richtig sind – das bleibt ein Geheimnis.« Botschaft: Habt keine Angst vor dem Tod, die Hölle gibt es nicht, im Diesseits ist es viel schlimmer, der Tod ist Erlösung!

4. Folge:

Eine Krankenschwester (Marianne Kern, 50) ahnt den Tod eines Mädchens und kann es retten. Solche Fähigkeit besitzt sie seit einer Jenseitserfahrung nach einer Zahnextraktion. Sie kann Schicksale auch in Gesichtern lesen, z.B. den Tod von Petra Kelly. Sie hat Krebs. Doch sie klagt nicht, denn sie weiß ja, was sie erwartet: »Und das ist etwas Schönes.« Botschaft: Ertragt nur Eure hiesigen Leiden, das Jenseits wird Euch belohnen!

5. Folge:

Der Deutsch-Lehrer Jochen B. (46) meint, das Jenseits sei schöner als 1000 Orgasmen auf einmal. Er hat ins Paradies geschaut und kann seitdem Todgeweihte erkennen (= »dunkle Gabe«). Seine Doppel-Botschaft heißt: 1. Das Jenseits ist wunderbar. 2. Es gibt noch große Aufgaben für die Menschen. Ich weiß, daß es auch in 10000 Jahren noch Menschen gibt. »Die müssen wir formen. … Wir sind noch nicht der Gipfel. Die Schöpfung ist noch nicht fertig. Unser Körper vergeht. Aber wir gehen ins Geistige ein.« Die Hoffnung auf das herrliche Jenseits wird flankiert durch Verantwortung für das Diesseits. Abschließend kommentiert wieder der Experte.

6. Folge:

Jetzt steht die Hölle im Mittelpunkt. Die Serienüberschrift erscheint zwar. Aber der grelle Haupttitel lautet: »Ich war am Schlund der Hölle …« Nach einem Autounfall in stark alkoholisiertem Zustand versuchte ein Holzarbeiter (ohne Namen) Selbstmord durch Erhängen zu begehen. Dieser mißglückt, bringt ihn aber in eine vertrackte Lage. Der Mann befindet sich plötzlich außerhalb seines Körpers. Er hat dabei ein Höllenfahrtserlebnis: große schwarze Vögel wollen ihn in die Hölle ziehen. Die Hölle liegt zwischen Himmel und Erde. Er rettet sich, indem er in seine Frau fährt, die ihn vom Strick abschneidet. – Die Story wird mit einer Himmelfahrtsstory konfrontiert. Die Ärztin Dr. Melanie Schwiebert (51) fährt auf der Autobahn in ein schwarzes Loch. Ihr R4 wird Zentimeter vor einem Laster von einer fremden Macht gebremst. Sie realisiert dies und bekommt einen Schock. Sie erlebt das schönste Gefühl ihres Lebens in hellem, strahlendem Licht: Glück. Botschaft: Es gibt die Hölle, es gibt den Himmel. Fürchtet Euch und fürchtet Euch nicht.

7. Folge:

Es folgen mehrere Berichte, die (angeblich) von LeserInnen eingeschickt worden sind (»Hunderte Bild-Leser schrieben, wie sie das Jenseits berührten … – Erlebnisse im Grenzbereich zwischen Leben und Tod.«). Die Überschrift lautet diesmal: »Ich trug ein Kleid aus warmem Licht.« Es folgen mehrere Kurzberichte: 1. Ein Kind stirbt und sieht Engel. – 2. Jemand wäre bei einer Unterleibsoperation fast gestorben. Er hatte den Körper schon verlassen und kam an der Hölle vorbei. Er kam dann zu einem mit Gold und Diamanten blitzenden Tor. Dann erfolgt die Reise zurück. – 3. Bei einer Nierentransplantation schützen zwei leuchtende Wesen den Patienten und nehmen ihn in ihre Mitte. Sie bringen ihn in eine Lichthalle, in ein schloßähnliches Haus. Die verstorbene Großmutter kommentiert: ›Wenn du gut zu den Menschen auf Erden bist, wird es dir auf ewig hier gutgehen.‹ Er wurde dann von den Lichtwesen ins Diesseits zurückgebracht. – 4. Ein Unfall: danach trug die Fahrerin ein Kleid aus warmen Licht. – 5. Jemand hat bei ähnlichem Erleben die Angst vor dem Tod nicht verloren. Der Tod macht nicht glücklich (!). Bekenntnis zum Leben. etc. Botschaft: Nichts Genaues weiß man nicht, die einen erleben dies, die anderen anderes. Keine(r) soll sich in Sicherheit wiegen.

Obwohl hier sechs Leserinnen zu Wort kommen, zeichnet Sünder auch hier als Autor.

8. Folge:

Fortsetzung solcher LeserInnen-Kurzberichte ohne neue Akzente unter dem Titel: »Die Toten lachten so laut, daß es dröhnte …«

9. Folge:

Für den folgenden Tag ist eine weitere Folge angekündigt: der Erlebnisbericht einer Historikerin (Dr. Magdalen Bless): »Ich spazierte durch den Weltraum. Alle Rätsel des Universum (sic!) lösen sich …« Doch dieser Bericht erscheint nicht. Stattdessen werden weitere Kurzberichte abgedruckt unter der Überschrift: »Im goldenen Nebel winkte mir mein Papa zu…« Interessant ist wegen der naiven Schwarz-Weiß-Konfrontation folgende Passage: »Weiße Lichtgestalten kämpften gegen schwarze Schatten. Ich drohte zwischen die Fronten zu geraten.«

Am gleichen Tag wird über den mysteriösen Sex-Tod eines englischen homosexuellen Politikers berichtet, wohl auch als schöner Tod gedacht und halbwegs zur Serie passend.

10. Folge:

Für diesen Tag war wieder ein Bericht angekündigt, der ebenfalls nicht erschien: »Kann man im Jenseits Lebenskraft tanken?« Stattdessen folgt wieder eine Sammlung von Kurzerzählungen, mit der die Serie etwas abrupt beendet wird.

Die Serie »Ist Sterben schön?« verflacht nach der siebten Folge und gerät ins Schlingern. Angekündigte Berichte kommen nicht. Am Ende gibt es nur noch eine Vielzahl knapper Erzählungen, die keine neuen Akzente setzen. Während man sich zu Beginn große Mühe mit Überschriften, Fotos und Collagen machte, bleiben solche Verzierungen gegen Ende aus. Sie werden allenfalls durch dramatische Kopfzeilen ersetzt, während der Serientitel optisch fast völlig in den Hintergrund rückt. Die Serie ›verschwindet‹ sozusagen, sie ›normalisiert‹ sich, indem sie in den Fluß der allgemeinen Berichterstattung zurückgenommen wird.

Zusammenfassende Einschätzung

In der gesamten Serie geht es um die Wanderung zwischen Diesseits und Jenseits, wobei das Jenseits meist als Ort der Glückseligkeit dargestellt, einige Male aber auch die Hölle angesprochen wird. Eingestreut sind Lebensregeln wie: Der Tod ist die Belohnung fürs Leben, gutes Leben zahlt sich im Jenseits aus, das Diesseits ist die Hölle, das Jenseits das Paradies. In einem einzigen Kurzbericht wird das Leben gelobt. Das verschwindet aber eher in der Masse der Artikel, die insgesamt vorzüglich die Schönheit des Jenseits preisen.

Insgesamt handelt es sich um Nah-Todeserfahrungen, die man als Träume in der Bewußtlosigkeit bzw. im Koma bezeichnen kann. Aber Bild verschiebt die Grenze leicht in Richtung: ›Es gibt ein Jenseits, alles weist darauf hin, alles spricht dafür.‹ Dabei geht sie nicht so weit, dies als Tatsache zu behaupten, sie suggeriert das geschilderte Geschehen immer nur als sehr wahrscheinliche Möglichkeit.

Der Gesamttenor ist: Der Tod ist gar nicht so schlimm. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das bereitet den Boden für eine biopolitische Todesdiskussion, etwa in Verbindung mit Hirntod-Herztod. Das paßt zu sonst ebenfalls zu beobachtenden Techniken in Bild. Während andere Zeitungen solche Themen diskutierend aufgreifen, arbeitet Bild mit gefühligen Background­skizzen. Bild diskutiert nicht, argumentiert nicht. Bild suggeriert, bereitet den Boden, operiert mit Nahelegungen.

Waren Sie schon mal im Jenseits? Analyse des Start-Artikels aus der Serie »Ist Sterben schön?«

 

Bild3

Zur Gestaltung des Artikels

Der erste groß aufgemachte Artikel der Serie »Ist Sterben schön?« steht auf einer ansonsten tristen Seite und dominiert diese restlos. Die untere Hälfte besteht aus Werbung für Auto-Bild und Werbung für Schlecker. Rechts neben dem Artikel befindet sich ein Kreuzworträtsel.

In dem grafisch aufwendig gestalteten Artikel selbst bilden die Serienüberschriften und die beiden Fotos, die die beiden Hälften des ausgewogen quadratischen Artikels voneinander trennen, ein Kreuz, das in einen schwarzen Kasten eingebettet ist. Das obere kleine Foto zeigt verschwommen das Bild der verstorbenen Mutter der Erzählerin Cornelia. Die mattgraue Kreisfläche um das Gesicht der Verstorbenen, die die Entrücktheit der Frau symbolisiert, sprengt den schwarzen Rahmen und wirkt wie ein Heilgenschein. Sie verbindet zugleich die vertikale mit der horizontalen Kreuzachse.35 Die Frau lächelt, sie trägt streng nach hinten gekämmtes Haar und wirkt eher altmodisch. Sie erinnert an Totenbildchen, die anläßlich von Beerdigungen an die Trauernden verschickt werden.

Darunter befindet sich das Foto der Cornelia Schreiber, der Mittelpunktfigur dieses Artikels. Sie trägt einen gemusterten Kurzmantel, Jeans, Hängetasche und Turnschuhe, ist also salopp modern angezogen. Der moderne Name und die sonstige Aufmachung signalisieren: Sie ist eine moderne Frau mitten im Leben. Sie blickt ernst. Sie ist diesseitig, während die Mutter auf jenseitig und entrückt stilisiert ist. Dieser Gegensatz erhöht die Glaubwürdigkeit der Erzählerin Cornelia und läßt das Jenseitige vom Realismus des Diesseitigen profitieren.

Aus der Bildunterschrift geht hervor, daß Cornelia »auf dem Weg zu ihrer Mutter auf dem Friedhof« ist. Die Fortsetzung der Bildunterschrift nimmt Bezug auf die verstorbene Mutter: »Das weiche, süße Licht, das sie bei ihrer Operation sah, das Bild der toten Mutter (kleines Foto), das ihr dabei wie durch einen Schleier zulächelte, lassen sie nicht mehr los.« Hier ist spannend, daß Bild geradezu so tut, als wäre sie bei der Operation Cornelias dabeigewesen und hätte deren Visionen direkt auf den Film gebannt. Erstaunlich, mit welch dreist-schlichten Mitteln Bild hier Illusionen zu erzeugen versucht. Das kann Bild nur wagen, weil sie hier souverän auf der Klaviatur verinnerlichter religiöser Symbolik und gelernter Klischees zu spielen vermag (Heiligenschein, Totenbildchen).

In den Artikel sind links in der Mitte und rechts unten zwei grau unterlegte Kästen einmontiert. Der linke fordert die Leser dazu auf, entsprechende Erlebnisse zu schildern und einzuschicken (»Waren Sie schon mal im Jenseits? Haben Sie ähnliches erlebt …« etc.); der rechte Kasten am Ende des Artikels kündigt »für Morgen« den nächsten Artikel der Serie an: »Morgen lesen Sie – Ursula Laufs war eine reiche, verwöhnte Frau, bis sie das Jenseits kennenlernte, den Seelen sammelnden Tod …« Die Leser sollen eingebunden werden, einmal durch Beteiligung, zum andern durch Neugier auf weitere Folgen.

Eine provozierende Überschrift

Ist Sterben schön?

Neue Bild-Serie über die Rätsel des Todes

5 Milliarden Menschen
leben auf der Erde. Alle
fürchten sich vor einem
Feind – vor dem Tod.
Er ist die letzte Brücke.
Er ist der Weg ins
Nichts.
Er ist Schmerz.
Er ist Leere.
Oder?

***

Der Tod ist nicht
das Ende. Der
Tod ist ein neuer
Anfang in einer anderen
Welt …

Das behaupten Zeu-
gen.

Es sind Menschen, die
im Jenseits waren – und
zurückkehrten.
Ihre Botschaft: “Fürch-
tet euch nicht …!”

Bild dokumentiert das
Unglaubliche.
Ist Sterben schön?

***

“Ich schwebte über
dem Operations-
Tisch …

Ich sah mich liegen,
zugedeckt, nur ein Stück
Bauch war frei. Ein Arzt
schlug mir leicht ins Ge-
sicht, eine Frau mit einer
Brille zwickte mich in die
Füße.

Ich schwebte und
spürte nichts.

Um mich herum war
Frieden. Dann schwebte
meine Mutter auf mich zu
– und nahm mich in die
Arme. Sie war wie ein
Schatten, aber ich habe
sie gespürt. Alles war
auf einmal voller Liebe
und Geborgenheit. Sie
hat zu mir gesprochen –
nicht mit Worten, son-
dern mit Gedanken:
Bleib bei mir. Denn hier
ist es gut.”

***

Das sagt Cornelia
Schreiber (28). Das ist ihr
Bericht aus dem Jenseits.
Bezeugt von den Ärzten.
Cornelia Schreiber ist ge-
lernte Hauswirtschafte-
rin.

Von Heinz Sünder

Sie war 1988 während
einer Unterleibsoperati-
on (ein gutartiger Tumor)
“hinübergegangen”. Sie
war durch die Mauer
vom Leben in den Tod
geschlüpft. Und hatte
dort ihre vor 22 Jahren
gestorbene Mutter ge-
troffen.

Reisen ins Jenseits.
Begegnungen mit Toten.
Erkundungsfahrten in
den Himmel und in die
Hölle – gibt es das wirk-
lich?

***

Michael Schrö-
ter-Kunhardt
(36), Arzt am
Landeskrankenhaus
Weinsberg (Baden-Würt-
temberg), sammelt seit
Jahren solche Fälle. Er
sagt: “Wir müssen das
ernst nehmen! Es gibt
Menschen, die dort wa-
ren und berichten kön-
nen.”

Cornelia Schreiber be-
kam damals den Befehl:
“Gehe zurück! Deine
Zeit ist noch nicht da.”
Sie erwachte aus ihrem
klinischen Tod. Aber das
Jenseits läßt sie seitdem
nicht mehr los.

Vor allem aber die
Mutter.

Sie war seitdem
mehrmals “drü-
ben” bei ihr. Im-
mer auf die gleiche Wei-
se: “Ich schlafe. Auf ein-
mal wird es hell. Ich
weiß, ich bin wirklich
drüben …

Alles ist so friedlich.
Herrliche, unbeschreib-
liche Pflanzen, Blumen
in allen Farben. Die Ma-
ma wartet auf mich. Wir
spazieren durch das
Licht. Also, wir laufen
nicht. Das geht dort
nicht. Ich kann ihr alles
sagen. Sie tröstet mich.
Aber dann muß ich im-
mer wieder zurück.”
Der Blick ins andere Le-
ben macht süchtig. Das
Jenseits zieht Cornelia
Schreiber an. Ein Todes-
Sog. Sie geht immer öfter
auf den Friedhof.

***

Cornelia hat einen
Freund, eine nette Woh-
nung, verdient gut. Ihr
geht es nicht schlecht auf
Erden.

***

Manchmal besucht ihre
Seele auf ihren Wande-
rungen in die Schatten-
welt auch andere Men-
schen. Ihren Vater zum
Beispiel – der noch lebt!

“Ich war irgendwie in
seiner Wohnung. Dort
stand ein großes Aquari-
um auf einem Holz-
gestell. Und in einer Ecke
ein Käfig mit einem klei-
nen “gelben Vogel
drin …”

Tage später hat sie
den Vater angerufen.
“Was machst du denn?”
Seine Antwort: “Ich habe
mir ein Gestell für ein
großes Aquarium gebaut
und einen Kanarienvogel
gekauft.” Sie hat betrof-
fen aufgelegt. Also war
ihre Seele wirklich bei
ihm gewesen!

***

Bei ihren letzten Jen-
seits-Ausflügen zur Mutter
sah sie hinter dem gol-
denen Licht graue Schlei-
er. Stimmen, die zi-
schelnd drängelten: “Du
mußt dich entscheiden!
Bleib – oder komme nie
wieder.”

Sie weiß: Von einer ih-
rer Reisen, hinüber in
das wunderbare Licht,
zur Mutter, wird sie nicht
mehr zurückkehren.

Cornelia Schreiber sitzt
in ihrer Wohnung in Neu-
stadt an der Weinstraße,
an der Wand hängt das
Bild ihrer Mutter. Sie
nimmt es oft ab, hält es
in beiden Händen,
schaut es lange an.

Angst vor dem
Tod? “Nein. Ich
weiß doch, daß
es dort drüben schön ist.
Irgendwie ist der Tod die
Belohnung fürs Leben!”

Nah-Todes-Erfahrun-
gen – es hat sie immer
schon gegeben. Papst
Gregor stellte im 5. Jahr-
hundert die erste
Fallsammlung zusam-
men. Geheimwissen der
Kirche, in den ver-
schwiegenen Bibliothe-
ken des Vatikans bis
heute geborgen.

Morgen lesen Sie
Ursula Laufs war eine reiche, verwöhnte
Frau, bis sie das Jenseits kennenlernte, den
Seelen sammelnden Tod …
© 1994 Bild Hamburg und Autor
Waren Sie schon
mal im Jenseits?

Haben Sie ähnliches erlebt wie die Haus-
wirtschafterin Cornelia Schreiber? Dann
schreiben Sie uns ausführlich, was Sie ge-
sehen, gehört, gespürt haben. Die interes-
santesten Beiträge werden veröffentlicht.

Adresse: Bild-Zeitung
Kennwort “Jenseits”, 20640 Hamburg.
Quelle: bild 31.01.94, S. 5b

Die Hauptüberschrift ist in einer modernen steilen Schrift gesetzt. Der Inhalt spielt auf Euthanasie an bzw. er verwendet die wörtliche Übersetzung von Euthanasie (= »Schönes Sterben«, »leichter Tod«, »Schöner Tod«). Das Wort hat laut Duden zwei Bedeutungen: »1. a. Erleichterung des Sterbens, bes. durch Schmerzlinderung mit Narkotika, b. Absichtliche Herbeiführung des Todes bei unheilbar Kranken durch Medikamente od. Abbruch der Behandlung. 2. (ns. verhüll.) Vernichtung von für unwert erachtetem menschlichem Leben.« (Duden 1989, S. 468)

Damit hat die Überschrift, die ja auch in den folgenden Artikeln der Serie ständig wiederholt wird, durchaus Anspielungscharakter (s.u.) an die im Diskurs auftretenden Unterthemen Sterbehilfe, Erlösung von Krankheit, Vernichtung unwerten Lebens. Auf den ersten Blick scheint diese Praxis zugunsten des Menschen, der stirbt, ausgerichtet zu sein. Aber vielleicht ist folgendes besonders wichtig: Zumindest bei älteren Menschen ist die Vorstellung vom unnützen Leben (Kranker, Alter, Behinderter) fest verankert und prägt auch derzeitige Vorstellungen von der gewünschten Art und Weise fremden und auch eigenen Sterbens: leicht soll es sein und auch nützlich. Keiner soll dem anderen zur Last fallen, man selbst auch nicht. Der Singer-Diskurs,36 der seit Ende der 80er Jahre in konjunkturellen Wellen durch die deutschen Medien wabert, und der darum bemüht ist, Diskurse über Leben und Sterben präferenz-utilitaristisch zu beeinflussen, ist insofern nicht ›weltfremd‹; er trifft auf verbreitete Vorstellungen, sonst fände er nicht solchen Rückhalt. Er ist zudem mit dem Kapital-Dispositiv eng verknotet: Der Einsatz muß sich lohnen, sich rechnen. Bild spielt dabei den Part, solche Ideen im Massenbewußtsein zu verankern.

Ein wohlgegliederter Text

Der Text läßt sich in die folgenden Sinneinheiten aufgliedern:

1-11: Einleitung: Das Szenario wird entfaltet: Diesseits und Jenseits werden konfrontiert.
Alle 5 Milliarden Menschen stehen vor dem Problem:
Wie kommen wir vom Leben ins Jenseits, ins Leere? ins Nichts? Ist dieser Weg mit Schmerzen verbunden? Gibt es eine Alternative.

13-28: Ein Gegenszenario wird eröffnet: Der Tod ist nicht das Ende, dieser Welt steht eine andere gegenüber, eine schöne. Dafür gibt es menschliche Zeugen. Eine Gegenrichtung ist vorhanden. Und auch die Religion (Bibelzitat) sagt: Fürchtet Euch nicht! Und Bild will die Richtigkeit dieser Behauptungen weiter untermauern. Das Gegenszenario endet mit der Frage, ob Sterben nicht doch schön sei.

29-57: Es folgt die Geschichte einer realen Erfahrung der Cornelia Schreiber, zunächst im grobem Überblick.
Es geht um Verwandlung Leben-Tod-Leben-Tod und um den Gegensatz von Diesseits und Jenseits, der überbrückt werden soll: Das Außen (Jenseits) wird als gut dargestellt, das Diesseits als schlecht. Das Diesseits ist der Operationstisch, auf dem Cornelia liegt, umstellt von Arzt und Krankenschwester; operiert wird sie wegen einer schweren Krankheit; der Arzt schlägt Cornelia, die Schwester zwickt sie. Im Jenseits dagegen ist Schweben, Friede, Liebe, die Mutter, Schmerz- und Gefühllosigkeit, Geborgenheit. Hier ist gut sein.

58-64 Überleitung: Der Autor beruft sich auf Autorität, einmal die Cornelias, die immerhin eine ganz normale gebildete Frau ist (»gelernte Hauswirtschafterin«), die dann zudem aber auch von Ärzten abgesichert (»bezeugt«) wird. Diese Hinweise schützen die (ja nicht gerade alltäglichen) Erfahrungen Cornelias vor Entwertung.

66-75: Die Geschichte wird im einzelnen erzählt, sozusagen expandiert, angekündigt mit: Das ist der Bericht aus dem Jenseits. Wieder folgt die Gegenüberstellung von Diesseits und Jenseits. Das Verb »hinübergegangen« verweist darauf, daß man über die Brücke gehen kann. Man kann durch die (scheinbare) Mauer zwischen Leben und Tod »schlüpfen«. Es ist ein leichter Weg, der zur Mutter im Jenseits führt.

76-82: Überleitung: Gibt es das denn wirklich? Erkundungsfahrten in Himmel und Hölle (= Rücknahme der nur positiven Konnotierung des Jenseits!).

83-94: Erneutes Berufen auf ärztliche Autorität und Bekräftigung.

95-104: Cornelia mußte aus dem Jenseits zurück, auf Befehl. Ihre Zeit sei noch nicht reif. Sie erwachte aus ihrem klinischen Tod. Aber das Jenseits läßt sie seitdem nicht mehr los.

105-124: Weiterführung von Cornelias Geschichte, wieder auf der Folie von Diesseits und Jenseits. Eine Art Reisebeschreibung zwischen Diesseits und Jenseits. Das Jenseits ist verlockend, läßt sie nicht los, der Schlaf ist eine Brücke, er ist der Bruder des Todes, das Jenseits ist eine friedliche Idylle, mit Liebe der Mama, es gibt Vertrauen, Trost, keine Erdenschwere. Die Rückkehr ist von Bedauern begleitet.

125-131: Problematisierung: das andere »Leben« übt einen Sog aus, einen Todessog, es macht auch Angst, es stellt sich bei Cornelia so etwas wie ein Todestrieb ein, sie geht immer öfter »nach außen«

132-136: Zurück zum Diesseits der Cornelia. Sie ist eine ganz normale, durchschnittliche Frau. Ihr Diesseits ist so schlecht nicht. Vom Jenseits ist jetzt nicht die Rede.

137-162: Erneute Expansion der Geschichte: Wieder auf der Folie von Diesseits und Jenseits. Cornelia besucht andere Menschen im Jenseits, auch ihren Vater, der aber noch lebt. Die Ebenen werden vermischt. Parapsychologische Versatzstücke werden bemüht: Telepathie etc.

163-176: Weitere Ausflüge ins Jenseits. Die Hölle wird angespielt. Hinter dem goldenen Licht steht ein grauer Schleier, zischelnde Stimmen sind zu hören, die Cornelia zur Entscheidung drängen, im Jenseits zu bleiben oder zurückzugehen und nie wiederzukommen. Das ganze wirkt ziemlich geheimnisvoll. Cornelia weiß nun, daß sie von einer dieser Reisen nicht zurückkommen wird.

177-184: Das Jenseits im Diesseits: Cornelia in ihrer Wohnung, konfrontiert mit dem Bild der Mutter. Es läßt sie nicht los.

185-190: Angst vor dem Tod, so äußert sich Cornelia, hat sie nicht. Sie weiß ja, wie schön das Jenseits ist. Sie begreift den Tod als Belohnung für das Leben. Damit erfolgt wieder der Anschluß an das Jenseits.

191-201: Erneute Wahrheitsbekräftigung, untermauert durch einen historischen Rückblick auf Nah-Todeserfahrungen: Papst Gregor stellt bereits eine Fallsammlung auf. Sie gehört zu den Geheimnissen der Kirche.

202-205: Der Artikel endet mit dem Verweis auf die Fortsetzung der Serie.

Der Artikel ist kleinschrittig stark durchgegliedert. Die äußeren Abschnitte markieren durchaus einheitliche, voneinander abgrenzbare Argumentationschritte.

Die Komposition des Artikels

Die ermittelten Sinnabschnitte lassen sich zu folgendem Bild einer Gesamtkomposition zusammenführen:

Einleitung und Entwicklung der Kernthese: Problemstellung und Behauptung
Beweisführung 1 und erste Bekräftigung durch eine Autorität (1)
Beweisführung 2, Problematisierung 1 und erneute Bekräftigung durch Autorität (2)
Beweisführung 3, Problematisierung 2 und Ausweitung der Beweisführung in zwei Schritten (4 und 5)
Schlußfolgerung: Absicherung durch Berufen auf einen Einzelfall und die Autorität des Papstes und des Vatikan und seine Archive mit Sammlungen von vielen Fällen

Sichtbar wir hier, daß der Artikel um Absicherung und Beweisführung bemüht ist. Er geht im Grunde so vor, daß eine Behauptung zu einem Problem aufgestellt wird und diese Behauptung durch Fallschilderungen und Verweise auf bestätigende Autoritäten abgesichert wird. Das hat der Form nach den Verlauf einer mathematischen Beweisführung. Es fehlt am Schluß nur noch das »Quod erat demonstrandum!«

Diese scheinbare Stringenz und Plausibilität des Artikels wird durch die sensationalistische Aufmachung gestützt. Die Verkettung mit anderen Diskurssträngen dient weiterer Verankerung. Der Bogen der Glaubwürdigkeit wird merkwürdigerweise aber nicht dadurch überspannt, daß auch mit ersichtlich unseriösen Mitteln zwar nicht direkt lügenhaft manipuliert wird, aber tief in die suggestive Trickkiste gegriffen wird (vgl. die lächelnde tote Mutter mit Heiligenschein!). Die Grenze des Zumutbaren scheint für den heutigen Leser ziemlich weit gespannt zu sein.

Art und Form der Argumentation/Argumentationsstrategien

Das Bemühen um Absicherung und stringent wirkende Beweisführung läßt sich auch an der Feinstruktur der Argumentation beobachten. Zunächst fällt auf, daß der Verfasser ständig mit (unzulässigen) Verallgemeinerungen operiert: Alle Menschen fürchten sich vor dem Tod. Die können sich ja wohl nicht alle irren.

Er setzt mit seiner Ausgangsbehauptung ganz hoch an (Der Tod ist der Weg ins Nichts, ins Leere): Das ist strategisch geschickt. Er schürt damit Ängste und bekennt zugleich seine schwierige Beweislage gegenüber allen, die nüchtern an das Problem herangehen. Er kann zwar unterstellen, daß viele Menschen an ein Jenseits glauben und aus Angst sonstigem Aberglauben unterliegen. Insofern verschafft er sich unterschwellig zugleich Verbündete. Er rechnet mit Leserinnen und Lersern, die ihm folgen wollen, weil sie eigentlich nur auf Beweise für ihre oft bezweifelten Hoffnungen warten. Die Rationalen möchte er mindestens verunsichern: bei so vielen Beweisen! Das ist insofern eine Doppelstrategie. Diesen präsentiert er sich allerdings zugleich als Skeptiker: Gegen Ende seines Berichts spricht er von Nah-Todeserfahrungen, die es immer schon gegeben habe. Damit entschärft er seine Behauptungen, daß man ins Jenseits reisen könne. Diejenigen, die er bereits eingefangen hat bzw. die immer schon an das Jenseits glaubten, werden dadurch nicht weiter verunsichert.37

Der aufgestellten Eingangs-These, daß der Tod der Weg ins Nichts sei, antwortet er mit einer Antithese: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das stellt er der Ausgangsthese als schlichte Behauptung gegenüber. Diese Behauptung wird sehr schnell und schlagartig durch Verweis auf Zeugen abgesichert. Der Autor unterfüttert diesen Verweis durch eine weitere Behauptung: Sie waren im Jenseits.

Ihre Glaubwürdigkeit wird weiter abgesichert dadurch, daß er ihre Berichte in eine religiöse Formel kleidet. Er legt ihnen ein Wort des Engels Gabriel in den Mund (»Fürchtet Euch nicht!«), mit dem dieser die Geburt Jesu und die Erlösung der Menschheit ankündigte. Dadurch stattet er sie unterschwellig mit messianischer Glaubwürdigkeit aus.

Bild wird quasiwissenschaftlich als Ort der Dokumentation hochstilisiert. Die Zeitung wird dadurch als glaubhaft hingestellt.

Der Bericht einer ganz ›normalen‹ Frau wird durch Zeugen mit steigender Autorität abgesichert.

Daneben verwendet Sünder die Strategie der Problematisierung als Folie für erneute Beweisführungsmöglichkeiten. Damit erhöht er zugleich die Eindringlichkeit und den Anschein der Seriosität seiner Argumentation.

Auch bedient er sich einer Mystifizierungsstrategie, indem er auf eine Fallsammlung im Vatikan verweist, »Geheimwissen der Kirche, in den verschwiegenen Bibliotheken … geborgen«. Er will damit auf weiteres Belegmaterial verweisen, das es gebe, auch wenn es nicht öffentlich sei. 38

Rhetorische Mittel

Sünder arbeitet mit Nahelegungen und Implikaten. Daß Cornelia gelernte Hauswirtschafterin ist, impliziert, daß sie eigentlich ganz normal ist und ziemlich gebildet, rational, zupackend ist. Daß Cornelia bei einer Operation »hinübergegangen« ist, impliziert, daß sie wirklich im Jenseits war, daß es ein solches Jenseits tatsächlich gibt und daß sie deshalb darüber glaubhaft berichten kann. – Daß ihre Mutter vor 22 Jahren gestorben ist, das impliziert, daß das sehr lange her war, also keine plötzliche Verrücktheit oder Illusion, kein psychisches Fall-out. Der Leser denkt: ›Na, wenn das schon so lange her ist …‹ – Daß Cornelia klinisch tot war, das impliziert, daß es einen klinischen und einen anderen Tod gibt. Tod ist nicht gleich Tod. Gibt es dann auch den Herztod, den Hirntod und den ganz richtigen Tod? Cornelia war ja schlicht und einfach unter Narkose. Möglicherweise hatte sie einen Herzstillstand, aber offensichtlich hat ihr Bewußtsein ja noch funktioniert. Hier wird zumindest nahegelegt zu glauben, daß Cornelia wirklich tot war, obwohl sie nicht tot war. Wäre sie in dieser Situation schon reif für eine Organentnahme gewesen? Ich spekuliere: aber trägt so etwas nicht dazu bei, qualitativ unterschiedliche Formen des Todes in den Diskurs zu implantieren und damit solche Fragen, wie Herztod-Hirntod eigentlich erst diskutierbar, diskursiv bearbeitbar zu machen?

Zudem bemüht der Autor eine Reihe von deutlichen Anspielungen: »Ist Sterben schön?« spielt auf die Euthanasie (den schönen Tod, das schöne Sterben) an. Auch finden sich einige Zitate aus religiösen Schriften: »Fürchtet Euch nicht!«, »Es geht ihr nicht schlecht auf Erden.« Mit den Wanderungen in die Schattenwelt bezieht sich der Autor auf Momente der griechischen Mythologie, die heute mit zum allgemeinen Wissen gehören. Zu erwähnen ist daneben das Bild der Reise, der Weg ins Nichts (als Anspielung auf die negative materialistische Weltanschauung), aber auch auf Himmel, Paradies und Hölle und Tod als Lohn des Lebens als zentrale Bestandteile orthodoxer christlicher Mythenbildung. Insgesamt nutzen die Anspielungen die christlich-mythologische Weltsicht.

Auch die Phraseologismen (Sprichwörter, Redewendungen, feste sprachliche Versatzstücke) entstammen vorwiegend dem religiösen Bereich; das ist etwa von der »Furcht vor dem Tod« die Rede, da wird der Leser getröstet: Der Tod ist nicht das Ende. Da wird die Hoffnung auf einen neuen Anfang genährt und allgemein aufgefordert: »Fürchtet Euch nicht!«. Selbst Zitate aus den letzten Worten des Herrn werden angeführt: »bleib bei mir«; weihevoll und euphemistisch wird das Sterben umschrieben: sie war »hinübergegangen«, »durch die Mauer vom Leben in den Tod«, usw.

Die Topik dieses Textes und die dabei verwendete Kollektivsymbolik ist nicht primär die moderne und industrialistische des Linkschen Schemas.39 Es gibt zwar auch das Hier und das Außen, das Jetzt und die Zukunft etc. Das Innen und Außen ist hier aber vorgestellt als Diesseits und Jenseits bzw. als diesseitiges Leben und paradiesische Idylle ausgemalt oder auch als anderes Leben oder auch als Schattenwelt, als hier und drüben, mit einer Mauer dazwischen, oder auch als Leben und Tod, mit einer Mauer dazwischen, durch die man hindurchschlüpfen kann, oder auch als Diesseits und Leere, Nichts. Der Tod bildet eine Brücke zwischen diesen Welten bzw. einen Weg dorthin. Man kann »hinübergehen«, dorthin Erkundungsfahrten und Ausflüge unternehmen und von dort zurückkehren oder auch nicht, man kann dahin reisen und dort wandern. Das Jenseits übt einen Sog aus. Das Jenseits ist eine Lichtwelt, hinter der, abgetrennt durch einen grauen Schleier, eine Schattenwelt existiert, die Hölle.

Die Seele kann aber auch im Diesseits wandern, in eine andere Wohnung, die in der Zukunft liegt. Das Diesseits kommt als Wohnung vor und als Friedhof, der so etwas wie die Tür zum Jenseits ist (Bildunterschrift).

Das Jenseits ist als Natur, als wunderschöne lebendige amöne leichte Landschaft geschildert, das Diesseits ist eher technisch ausstaffiert (Krankheit (Tumor, wenn auch gutartig), Operationssaal, Käfig, Aquarium, Friedhof, Zimmer, Stadt).

Man möchte vielleicht fragen, ob es sich – sieht man vom letzteren Beispiel ab – bei diesen Bildern überhaupt um Kollektivsymbole im Linkschen Sinne handelt. Hier liegen ja Bildspendebereiche vor, die teilweise stark an traditionelle christliche Vorstellungen erinnern bzw. sich direkt darauf beziehen, eine Art Archiv, das wir (deutsche Christen oder doch irgendwie christlich sozialisierte Menschen) jederzeit realisieren können. Es wird ein mythisches Weltbild aufgerufen, mit dafür recht traditionellen Bildern. Ob damit der Versuch einhergeht, alte Bilder als in der Moderne brauchbare Kollektivsymbole wiederzubeleben, und damit konservative Werte zu retten, bleibt jedoch spekulativ.40 Viel näher liegt die Annahme, daß die verwendete Symbolik zwar auf eine Zukunft verweist, die jedoch außen liegt, nicht von dieser Welt ist, äußerst ambivalent zwischen Glück und Verderben, Himmel und Hölle, Lichtwelt und Chaos angesiedelt ist.41

Ein Blick in die anderen Folgen der Serie zeigt: Das Grundbild von Diesseits und Jenseits bleibt konstant. Es finden jedoch verschiedene Kopplungen statt. Das Jenseits wird mit einer gleichbleibenden Symbolik als amöne Landschaft mit Lichtgestalten gezeichnet, das Diesseits oft unter Verwendung technisch-medizinischer Apparate, unter Schilderung von Verkehrsunfällen, von Körpern als Häusern, in die man zurückkehrt. Der Übergang wird oft als Fähre, Tunnel, Spirale etc. gezeichnet. Interessant ist die Verschränkung von Paradieserfahrung und Orgasmus. Hier wird der Himmel mit dem »höchsten Glücksgefühl« gekoppelt, der Sterben-Tod-Diskurs mit dem sexuellen Diskurs verschränkt. Man kann dies als einen besonders dreisten biopolitischen Zugriff auf den Tod verstehen, durch den dieser zur Klimax des Lebens hochstilisiert wird.

Die Präsentation der Akteure

Der Autor Heinz Sünder tritt selbst nicht offen auf. Zitierte direkte Rede soll suggerieren, daß er Cornelia interviewt hat. Es soll sich um einen objektiv klingenden Bericht einer Frau handeln, die es selbst erlebt hat, abgesichert durch Zeugen.

So ist denn auch dieser Text als Zeugenbericht aufgemacht. Cornelia, ihre Mutter und die Wesen aus dem Jenseits fungieren als Zeugen für die Richtigkeit des Berichts: sie werden zusammen ca. 80mal angeführt, was darauf verweist, wie sehr dem Autor darum zu tun ist, seine Geschichte abzusichern. Nur 19mal werden überhaupt andere Personen oder Gruppen angesprochen.

Cornelia ist allgegenwärtig. Abgesehen von Einleitung und Schluß, tritt sie regelmäßig und in kurzen Zeilenabständen auf. Ihre Gestalt dominiert den gesamten Bericht.

Neben der Ich-Erzählerin Cornelia treten ihre Mutter, ihr Vater und ihr Freund auf. Das charakterisiert den Artikel zugleich als eine Art Familiengeschichte (i.S. von Link 1986a). »Solche Geschichten«, sagt Link, »bilden einen Grundtyp der Narrationen in der B(ild)Z(eitung).« (Link 1986a, S. 211) Oft verwandeln sich die Akteure (ebd.): Cornelia verwandelt sich in eine Jenseitige. Das wird als ganz normal dargestellt: Link spricht von einer Transformation von »normaler Anormalität« in »anormale Normalität«. Das trifft hier aber nicht zu. Cornelia ist ganz normal und zugleich anormal, weil sie ins Jenseits wandern kann. Hier wird also normale Anormalität hergestellt. Das Anormale wird als normal dargestellt. Dazu tragen auch die Verallgemeinerungen bei: Viele Einzelfälle und Dokumentationen werden angeführt. Gerade die besonders herausgestrichene Normalität von Cornelia soll das Anormale, ihre Verwandlung, glaubhaft machen.

In dieser ersten Folge der Serie, die auch als eine Art Pilot-Folge verstanden werden kann, wird eine junge Frau als exemplarischer Fall (»Exemplum«) aufgebaut, als Beweis für die Existenz eines bewohnten Jenseits mit primär Himmel und Paradies, und sekundär auch: Hölle. Dieses Exemplum steht im Zentrum, und es wird durch weitere ›Belege‹ expandiert.

Die Opposition, mit der sich der Autor auseinandersetzt, ist die von normal vs übersinnlich, jenseitig. Cornelia stellt einen Grenzfall dar: sie ist normal und anormal zugleich. Glaubt man ihr ihre Geschichten, muß man ihre Eröffnungen als sensationell empfinden. Dazu gehört auch die Verkehrung (Oxymoron): Die andere, nichtnormale Welt ist die schöne. Der Tod wird zur Belohnung für das Leben. Mit anderen Worten: Der Tod wird ausgeschlossen, indem er als Bestandteil von Leben, Glück oder sogar als Orgasmus imaginiert wird.

Zusammenfassende Interpretation

Die Botschaft der gesamten Serie und des Auftaktartikels lautet: Wir Menschen sind ›der Zukunft zugewandt‹! Der Tod ist nicht das Ende. Er ist die Belohnung für das Leben, denn es gibt ein Paradies, das Euch aufnimmt, wenn ihr gestorben seid. Viel blasser sind demgegenüber die Warnungen vor der Hölle, die einen erwartet, wenn man sich »auf Erden« falsch verhalten hat. So soll die Angst vor dem Tod zugleich geschürt und abgebaut werden.42

Zugleich werden hier Elemente der christlichen Lehre aktualisiert und propagiert, wenn auch in säkularisierter Form, da es nicht die Priester sind, die den Beweis für das Jenseits antreten (obwohl Papst Gregor aus dem 5. Jahrhundert zitiert wird), sondern die ›Götter in Weiß‹, die Ärzte. Man könnte dies als eine Art technische Spiritualität ohne Geist und Gott bezeichnen, denn ohne mystische Unterstellungen kommt der Autor auch nicht aus. Die gezeichneten und herbeizitierten Figuren sind abergläubisch und für parapsychologische Phänomene empfänglich, auch wenn es sich um Wissenschaftler und Kirchenführer handelt. Das Menschenbild ist also anti-aufklärerisch. Es ist eher Resultat einer Simplifizierung und Entspiritualisierung des Menschenbildes, wie es die christliche Kirche des Mittelalters zu zeichnen versuchte und das in mehr oder minder säkularisierter Form bis auf den heutigen Tag die Köpfe der meisten abendländischen Menschen beherrscht.

Insgesamt geht es um Rückbesinnung auf und Revitalisierung von konservativen Werten und Existenzvorstellungen und zugleich um den Abbau von Vorstellungen einer veränderbaren Welt oder gar eines Paradieses auf Erden. Die Welt wird als ziemlich grau und langweilig dargestellt. Das Diesseits wird zwar als Ort angesehen, in dem es einem nicht schlecht geht. Diese Idylle kann jedoch mit der jenseitigen nicht konkurrieren. Daher hat Cornelia auch keine Angst vor dem Tod: »Angst vor dem Tod? ›Nein. Ich weiß doch, daß es dort drüben schön ist. Irgendwie ist der Tod die Belohnung fürs Leben!‹«

Die Botschaft: ›Man möge keine zu hohen Ansprüche stellen, denn der wahre Lohn für die Mühen des Lebens erwartet uns ja erst im Paradies‹, hört man wohl. Und der Blick wird auf eine Zukunft gerichtet, die im Jenseits liegt. Von einer irdischen Zukunft ist nicht die Rede. Bild enttabuisiert die Rede über den Tod. Zumindest ein Stück weit. Sie schafft damit einen Horizont, in den hinein ohne Probleme wieder über den Tod gesprochen werden kann, auch über Praxen, die mit dem Tod zu tun haben, etwa Organtransplantation, Todesdefinition (Hirntod, Herztod).43

Wie bei der Thematik Tod/Sterben argumentiert Bild generell nicht stringent oder gar rational; die Zeitung greift Probleme meist nicht direkt auf, sondern schafft so etwas wie Hintergründe, allgemeine Gefühls- und Denkfolien bzw. nutzt vorhandene Inhalte des Alltagsbewußtseins (populäres Wissen), um darin bestimmte Botschaften zu implantieren. So diskutiert sie etwa in Verbindung mit der Drittstaatenregelung, die nach der faktischen Abschaffung des Asyl-Artikels 16 GG eingeführt worden ist, nicht die Frage, ob Indien als sicherer Staat anzusehen sei, sondern berichtet über die Gefahr, daß aus Indien schwere Krankheiten eingeschleppt werden. So wird von Bild Massenstimmung gegen Einwanderer (nicht nur aus Indien) und für die umstrittene Drittstaatenregelung erzeugt, ohne daß das Blatt sich zu seiner rassistischen Einstellung bekennen müßte. – Ein anderes Beispiel: So diskutiert Bild nicht offen die Rolle der Frau und Probleme der Emanzipation, sondern fragt, ob Frauen Fußball spielen sollen, auch wenn sie dabei evtl. unschöne Narben davontragen. Das ist doch nichts für Frauen, die so auf ihre Rolle als schöne und tüchtige Frau und Mutter eingeschränkt werden. – Beim grausamen Sporttod der Skiläuferin Maier knüpft der Kommentator an der immer wieder zu hörenden Alltagsfrage an: ›Ist das der Sport von heute?‹ So etwas ist diskurstaktisch durchaus geschickt: Bild versucht die Leute dort abzuholen, wo sie diese ideologisch verortet glaubt. Sie schleift Bewußtseins-Blockaden und eröffnet Denkhorizonte, in die, unter Gesichtspunkten demokratischer Perspektive, meist höchst problematische Inhalte eindringen werden können.

Daneben ist in Bild eine Art Schaukelstrategie zu beobachten, mit der sie auf die Diskurse Einfluß zu nehmen versucht: Es wird mal dies, mal das berichtet, scheinbar wie das Leben so spielt. Das erweckt den Anschein von Ausgewogenheit oder auch von ideologischer Beweglichkeit, führt aber trotzdem zu einer Regulation im Sinne der politischen Position von Bild, weil diese letzten Endes dominiert: Es sollen keine Inder nach Deutschland kommen, Frauen sollen sich um Kind und Küche kümmern und den Fußball den Männern überlassen.

Man könnte in der Reproduktion solcher Widersprüchlichkeiten den Versuch sehen, die Widersprüchlichkeiten des Massenbewußtseins zu reproduzieren. Bild geht es jedoch nicht allein um Reproduktion von Bewußtsein, sondern um Regulation in eine bestimmte Richtung.

Dies geschieht selbstverständlich nicht allein durch Beeinflussung des biopolitischen Diskurses, dessen einzelne Unterthemen eng miteinander verwoben sind. Man beachte hierfür etwa die Kopplung des Tod/Sterben-Diskurses mit dem der Sexualität.

Bild bedient daneben alle politisch und kulturell wichtigen Themen. Dabei ist des weiteren zu beachten, daß sich der biopolitische Diskursstrang mit anderen verschränkt, mit teilweise erstaunlichen Effekten, die noch genauerer Analyse bedürften. Bei der Untersuchung des biopolitischen Diskurses in Bild 1994 wurde jedoch bereits erkennbar, daß und teilweise wie er sich mit anderen Diskurssträngen verknotet und verschränkt.

Angesprochen in Verbindung mit dem hier genauer untersuchten biopolitischen Diskurs ist etwa der medizinische (Ärzte, Krankheit, Operation, Sterben), der parapsychologische (Telepathie, Seelenwanderung), der religiöse (Bibelzitat, Himmel-Hölle), der bevölkerungspolitische (5 Milliarden), der familiale (Vater, Mutter, Tochter, Freund), der historische (Vatikansammlung), indirekt der psychoanalytische (Todestrieb) Diskursstrang. Es gibt enge Verschränkungen mit dem Sportdiskurs (Unfalltod), aber auch zum Diskurs der Prominenz (und deren Tod und Selbstmord, etwa in den Artikeln zum glorios inszenierten Selbstmord der Schriftstellerin Sandra Paretti im März 1994). Durch diese Verschränkungen werden die einzelnen Diskursstränge in einen ideologischen Rahmen sozusagen eingedockt, der insgesamt als Diskursposition von Bild aufzufassen ist.

Der biopolitische Diskurs trägt dazu bei, die LeserInnen klein und ohnmächtig zu machen. Gruseln soll man sich und nicht denken. So kann neben dem schönen Tod auch der grausame, der Unfalltod, der Krebstod in aller Härte dargestellt werden. Bild schürt einerseits Ängste, andererseits relativiert sie die Grausamkeit des Todes. So kann Bild den schönen Tod anpreisen, aber zugleich die Organentnahme an Scheintoten als Schrecken an die Wand malen.

Sehr klar angesprochen wird die Organspende z.B. in einem Artikel mit dem Titel »Scheintot: die unheimlichsten Fälle« in Bild vom 23. Juni 1995, S. 6. Dort heißt es: »Was ist der Tod? Ein uralter Streit – der heute wieder aktuell ist. … auch wenn es um die Organentnahme für Transplantationen geht …«44

Dieser Artikel mit x Fallbeispielen wird nach einem konkreten Fall eingeschoben, über den am Tag zuvor (22. Juni 1995) ausführlich berichtet worden ist. Auch hier ging es um den Scheintod nach einem Herzversagen. Die anderen Organe lebten weiter …!!! Am Ende dieses Artikels werden mehrere vergleichbare Fälle kurz aufgelistet.

Wir erinnern uns: In der 7. Folge der Serie erlebt jemand den Himmel während einer Organtransplantation. Er kehrt ebenfalls ins Diesseits zurück. Die Transplantation ist zwar gefährlich. Man kann daran sterben. Aber auch dann erwartet einen ja der Himmel. In jedem Fall, außer man ist ein böser »Sünder«, ist der Tod nicht das Ende. Wenn einem Scheintoten ein Organ entnommen wird und er dabei stirbt – na, was regt ihr euch denn so auf, wo Euch doch ein schöner Tod, das herrliche Jenseits erwartet? Das könnte die Botschaft sein! Im gleichen Artikel heißt es: wenn das der Tod ist, ist es ja gar nicht schlimm zu sterben.

Doch in diesem Artikel erhebt sich auch eine andere Stimme: man solle sich zum Leben bekennen. Also direkt auf kollektiven Selbstmord will Bild auch nicht orientieren!

Mit der Konzentration des Blicks auf das Jenseits und die prächtigen Jenseitserwartungen (das Paradies, die jenseitige Idylle) lenkt der Verfasser, wie dies über Jahrhunderte von den christlichen Kirchen vorexerziert wurde, von den irdischen Problemen ab. Die Hoffnungen werden nicht auf diese Welt und ihre Möglichkeiten der Veränderung gerichtet, sondern fundamentalistisch auf ein Jenseits, inklusive Hölle, in der diejenigen, die sich nicht brav verhalten, schmoren sollen. Das Gesellschaftsbild muß daher als direkt reaktionär bezeichnet werden. Es entspricht exakt den Vorstellungen, wie sie etwa von Wolfgang Schäuble auffällig deutlich in der Tradition der Konservativen Revolution in seinem Buch »Und der Zukunft zugewandt« von 1994 ausformuliert worden sind.45 Dort heißt es etwa:

»Menschliche Existenz ist immer der Zukunft zugewandt. Trotz aller Zweifel, aller Widerstände, aller Veränderungen und aller Anpassungsschwierigkeiten, die ich beschrieben habe: Ohne Hoffnung kann der Mensch nicht leben. Diese schlichte Aussage hat eine irdische und eine transzendentale Dimension. […] Religion, transzendente Gewißheit schafft bei denen, die diese Glaubensüberzeugung teilen, Hoffnung und damit Zukunftsmut. Sich der Zukunft zuzuwenden, sich der Zukunft zu stellen, Mut zur Zukunft zu haben, das erfordert einen klaren Leitfaden. Der kann aber nur außerhalb unserer Alltagswelt liegen. Geistige Orientierung kann man allein durch ethische oder religiöse Grundbindungen gewinnen.« (Schäuble 1994, S. 48f.)

Und für diejenigen, die die christlichen Heilsgewißheiten bezweifeln, fährt Schäuble fort. Für diese

»muß das Element der Hoffnung woanders herkommen. Gerade für sie ist die Gemeinschaft, das Geborgensein in der Gemeinschaft, auch die Abfolge der Generationen, die die Gewißheit enthält: es geht auch nach meinem Tod weiter, von fundamentaler Bedeutung.« (ebd. S. 50)

Und er faßt noch einmal präzisierend und politisch zuspitzend zusammen:

»Hoffnung und Zuversicht als Grundnotwendigkeiten menschlicher Existenz können sich also aus zwei Elementen speisen: Aus der religiösen Zuversicht und aus der Geborgenheit, dem Aufgehobensein in der Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Familie, der Gemeinschaft des Dorfes, des Vereins, auch der Nation.« (ebd. S. 50).

Der (für viele längst im Abseits stehende) liebe Gott wird – pseudo-religiös – durch die Verheißung nationaler Identität ersetzt.

Schäubles Ausführungen wirken wie eine Art Drehbuch zur Darstellung des Themas Tod/Sterben in Bild, auch wenn Bild nicht so scharf wie Schäuble zwischen Gläubigen und Ungläubigen trennt, sondern den Spagat zwischen beiden versucht, indem sie diffuse Ängste aller Menschen vor dem Tod allgemein anspricht. Gleichwohl liefert Bild die Siebengroschenversion dessen, was Schäuble in wohlgesetze Worte kleidet und zwischen zwei Buchdeckel zwingt.46

Zitierte Literatur

Enzensberger, Hans Magnus 1988: Der Triumph der Bild-Zeitung oder Die Katastrophe der Pressefreiheit. In: Enzensberger, Hans Magnus 1988: Mittelmaß und Wahn. Frankfurt, S. 74-88 (erste Veröffentlichung in Merkur 420 (1983))

Hirsch, Joachim 1995: Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus. Berlin

Foucault, Michel 1983: Sexualität und Wahrheit I, Der Wille zum Wissen. Frankfurt

Foucault, Michel 1992: Leben machen und sterben lassen. Die Geburt des Rassismus, Übers. von Hermann Kocyba, überarb. u. hg. von Richard Schwarz u. Sebastian Reinfeldt. In: Biomacht. 2. Aufl. Duisburg, S. 27–50 (= DISS-Texte Nr. 25) (frz. EA 1991)

Gebauer, Gunter 1986: Das Spiel gegen den Tod. Epilog. In: Hortleder, Gerd / Gebauer, Gunter (Hg.) 1986: Sport – Eros – Tod. Frankfurt/M., S. 271-282

Jäger, Margret 1996a: Fatale Effekte. Die Kritik am Patriarchat im Einwanderungsdiskurs. Duisburg

Jäger, Siegfried 1993b: Der Großregulator. Analyse der Bild-Berichterstattung über den rassistisch motivierten Terror und die Fahndung der RAF im Sommer 1993. Duisburg

Jäger, Siegfried 1995: Der Großregulator – oder: wie die ›Bild‹-Zeitung das Bewußtsein der Menschen reguliert. In: Deppe, Frank / Fülberth, Georg / Rilling, Rainer (Hg.) 1996: Antifaschismus. Für Reinhard Kühnl zum 60sten Geburtstag. Heilbronn, S. 478-500

Jäger, Siegfried 1990: Der Singer-Diskurs sowie einige Bemerkungen zu seiner Funktion für die Stärkung rassistischer und rechtsextremer Diskurse. In: Jäger / Paul, S. 8-29

Jäger, Siegfried / Paul, Jobst 1990: Von Menschen und Schweinen. Der Singer-Diskurs und seine Funktion für den Neo-Rassismus. Duisburg

Kellershohn, Helmut 1996: Öffnung nach rechts. Wolfgang Schäubles Beitrag zur Strukturierung des neokonservativen Diskurses. In: Jäger, Margret / Jäger, Siegfried (Hg.) 1996: Baustellen. Beiträge zur Diskursgeschichte deutscher Gegenwart. Duisburg, S. 91-106

Link, Jürgen 1982: Kollektivsymbolik und Mediendiskurse. kultuRRevolution 1 (1982), S. 6-21

Link, Jürgen 1995c: Gewinn der Mitte. Ein Interview mit Jürgen Link von Tom Holfort. In: Texte zur Kunst 5 (1995), S. 43-59

Link, Jürgen 1986a: Elementare narrative Schemata in der Boulevardpresse. In: Kloepfer / Moeller (Hg.), S. 209-230

Moody, Raymond A. 1977: Leben nach dem Tod. Reinbek

Paul, Jobst 1990: Zur Erinnerung: Tier-Metaphern und Ausgrenzung. In: Jäger / Paul 1990, S. 30-43

Quinkert, Andreas / Jäger, Siegfried 1991: »Warum dieser Haß in Hoyerswerda?« Die rassistische Hetze von Bild gegen Flüchtlinge im Herbst 1991. Duisburg

Schäuble, Wolfgang 1994: Und der Zukunft zugewandt. Berlin

Schell, Thomas von / Mohr, Hans (Hg.) 1995: Biotechnologie – Gentechnik – eine Chance für neue Industrien. Berlin/Heidelberg

Schobert, Alfred 1995: Mitte und Normalität. Zur Gleichzeitigkeit moderner Kollektivsymbolik und traditioneller institutionalistischer Symbolik. In: Schulte-Holtey, Ernst (Hg.) 1995: Grenzmarkierungen. Normalisierung und diskursive Ausgrenzung. Duisburg, S. 53-73

Singer, Peter 1984: Praktische Ethik. Stuttgart

Tolmein, Oliver 1990: Geschätztes Leben. Die neue »Euthanasie«-Debatte. Hamburg

Wallraff, Günter 1977: Der Aufmacher. Der Mann, der bei ›Bild‹ Hans Esser war. Köln

Wallraff, Günter 1979: Zeugen der Anklage. Die ›Bild‹-Beschreibung wird fortgesetzt. Köln


 

 

 

 

 

  1. In Bild vom 2.4.1993, in Großlettern und als Kopfleiste der ersten Seite. Hans Magnus Enzensberger ›antwortet‹: »Das Volk hat seine Stimme abgegeben – an Bild.« []
  2. Link 1986a, S. 229. Vgl. auch Jäger 1993b (Einleitung). []
  3. Das gilt auch für die scharfsinnige Analyse von Hans Magnus Enzensberger, der meint: »Jede Aufklärung über die Bild-Zeitung ist vergeblich, weil es nichts über sie zu sagen gibt, was nicht alle schon wüßten.« (Enzensberger 1988, S. 83) Was den biopolitischen Diskursstrang angeht, der hier für Bild analysiert wird, so unterscheidet sich Bild von anderen Zeitungen kaum darin, daß sie ein großes zusammengehöriges Feld beackert, aber zugleich in viele Teile zerstückelt, so daß es als dieses große zusammengehörige Feld überhaupt nicht sichtbar wird. Damit trägt das Blatt erheblich dazu bei, Massenbewußtsein in Richtung Akzeptanz des gesamten Feldes zu regulieren – wie im einzelnen zu zeigen sein wird. Diese Tatsache ist unbekannt, weil sie unbekannt bleiben soll, da der Regulationsmechanismus ansonsten nicht wirklich funktionieren würde. Darüber gilt es aufzuklären! []
  4. Vgl. Jäger 1993b. []
  5. Vgl. zum Verhältnis von Akzeptanz und Normalität Link 1995c, S. 53. Link zeigt, daß durch Schaffung von Akzeptanz bestimmte Praxen als normal suggeriert oder sogar hergestellt werden. So könnte es eines Tages »normal« sein, daß man sich nach »Verbrauch« neue Organe implantieren läßt. []
  6. Vgl. dazu Wallraff 1977, 1979; Jäger 1993b; Link 1986a. []
  7. Genau: 38 von 70 Unterthemen. Solche Zahlenangaben sollten nicht überbewertet werden. Sie können aber grobe Trends und Verteilungen kennzeichnen. Die Fragwürdigkeit solcher Quantifizierungen wird auch daran deutlich, daß die meisten Artikel mehrere Diskursfragmente enthalten, also mehrere Themen ansprechen und auch solche, die außerhalb des biopolitischen Spektrums liegen; ferner, daß Artikel von sehr unterschiedlicher Länge auftreten, daß sie Bestandteil von Serien sein können, in dichterer oder loserer Abfolge auftreten und daher unterschiedliches Gewicht für die Stabilisierung oder gar Erzeugung des biopolitischen Diskursstranges haben können. Wichtig ist hier vor allem, daß sich, wie gezeigt werden wird, ein differenzierter und relativ homogener Diskursstrang ermitteln läßt, der diesen unter Zuhilfenahme bestimmter diskursiv-strategischer Mittel ständig reproduziert. []
  8. Es zeigt sich bereits an den folgenden Themenbenennungen, daß der biopolitische Diskursstrang mit anderen, etwa dem der Kriminalität, eng verflochten ist. Zu den Effekten solcher Verschränkungen generell vgl. M. Jäger 1996a, die die Verschränkung zwischen Einwanderungsdiskurs und Geschlechterdiskurs untersucht hat. Es zeigte sich, daß dabei auftretende rassistische und (oft im demokratischen Gewand auftretende) sexistische Elemente sich gegenseitig verstärken. Eine Analyse der Effekte der Verschränkung des biopolitischen Diskurses mit anderen Diskurssträngen kann hier nicht geleistet werden. So viel kann jedoch bereits vermutet werden, daß wir es auch hier mit erheblichen Verstär­kereffekten  zu tun haben. []
  9. Dazu gehören Apparatemedizin 8, Gentherapie 9, Gesundheit/Krankheit (allgemein thematisiert) 13, AIDS 9, Organhandel 9, Transplantation 24, Alternatives Heilen 1, Menschenversuche 2, Tierversuche 2, Bionik 3, Chromosomenversuche 2, Gentest 1, Gentechnik 5: zusammen 89 Artikel []
  10. Tod/Sterben 60, Sterbehilfe 5: zusammen 65 Artikel []
  11. Bio-Ethik-Konvention 6, Tier-Mensch-Wertigkeiten und -Beziehungen 8, Menschheit 3, Behinderte 6, Kranke 1, Verbrechen mit B-Bezug 3: zusammen 27 Artikel. []
  12. Abtreibung 4, Bevölkerungskontrolle 7, Designerbabies 9, pränatale Diagnostik 1: zusammen 21 Artikel. []
  13. Artikel zu den Stichwörtern Geschlechterdefinition 1, Homosexualität 5, Sex 9: zusammen 15 Artikel. Hier sind nicht alle sexistischen Elemente der Zeitung aufgenommen, etwa Pin ups, Kontaktannoncen etc., sondern nur solche Artikel, die das Geschlechterverhältnis und die Geschlechteridentität speziell thematisieren. []
  14. Stichwort: Genlebensmittel 8 Artikel []
  15. Stichwort Standort Deutschland 1 Artikel []
  16. Umfrage der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung, abgedruckt in FOCUS vom 31.10.94, S. 193. []
  17. Vgl. dazu etwa Jäger 1993b, 1995 oder bereits Quinkert/Jäger 1991. []
  18. Zu diesem Bereich der Biopolitik müssen eigenständige Untersuchungen durchgeführt werden. []
  19. Joachim Hirsch skizziert das Problem wie folgt: »Wenn sich alles […] dem Diktat der ›Standortsicherung‹ , das heißt der Schaffung profitabler Rahmenbedingungen für ein global operierendes Kapital, zu unterwerfen hat, verengen sich die Handlungsspielräume der Regierungen so sehr, daß den liberaldemokratischen Institutionen entscheidende Grundlagen entzogen werden. Gleichzeitig erweisen sich die konkurrierenden Nationalstaaten immer weniger als fähig, mit globalen Bedrohungen, den sozialen Desastern und Umweltkatastrophen fertig zu werden.« (Hirsch 1995, S. 7) []
  20. Zu den gentechnisch-experimentellen Krebstherapien vgl. Artikel z.B. in Bild vom 5.4.1994, S. 1; vom 11.4.1994, S. 1; vom 15.4.1994, S. 1; vom 5.5.1994, S. 1 und S. 13; und vom 7.6.1994, S. 1. Bereits diese Plazierungen zeigen, wie sehr auch Bild diese Nachrichten als sensationell versteht. []
  21. Die Stichwortliste ist im Schlußkapitel dieses Buches wiedergegeben. []
  22. Vgl. etwa die Untersuchungen und Aktivitäten der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg und dazu insbesondere von Schell/Mohr (Hg.) 1995, die die Chancen der Gentechnik für neue Industrien diskutieren – ohne Fragezeichen. Durch Organisation eines, wie sie sagen, »Gesellschaftlichen Diskurses« (= Bürgerforen, auf denen über Pro und Contra dieser Technologien diskutiert werden darf), wollen sie zur Akzeptanzbeschaffung beitragen. []
  23. Kurz: 16, mittel: 57, lang 58. []
  24. Im Nachrichtenkasten: 29, in eigenen Kästen 25. []
  25. Insgesamt finden sich nur fünf Kommentare zum Thema. []
  26. Insgesamt 18 mal. []
  27. Der Teufel ist hier selbstverständlich symbolisch gemeint. []
  28. Vgl. dazu Foucault 1992. []
  29. Das Copyright der Artikel liegt bei Bild Hamburg und bei Sünder. Einmal wird auch (bei den Leserbriefen) das Copyright der »Bild-Dokumentation über das Unglaubliche« zugeordnet (Leserbriefe vom 7.2.) Die Teilung des Copyrights läßt darauf schließen, daß Sünder die Serie von außen, etwa über eine Agentur(?) angeboten und an Bild verkauft hat. Zu verweisen ist auch auf das Buch von Moody 1977 als mögliche Quelle oder doch zumindest Quelle der Inspiration und auf verschiedene andere Publikationen zum Thema Tod/Sterben, auf die sich auch andere Springer-Zeitungen wie »Bild der Frau« (21.9.94), »Welt am Sonntag« (4.9.94) oder »Funk Uhr« (11.9.94) beziehen. []
  30. Zum Jahresende 1994 erscheint ein weiterer kurzer Artikel über eine Jenseitserfahrung, die aber nicht in direktem Zusammenhang zur Serie steht »Nach zwei Monaten im Koma. ›Bericht aus dem Jenseits‹«(vom 30.12.1994) Im gleichen Ton wie die Serie tauchen dann auch später Artikel zum Thema »Schöner Tod« auf, etwa am 25.8.1995: »Vom Blitz getroffen – ›Toter‹ wachte wieder auf. Jetzt schrieb er ein Buch über seine Erlebnisse im Jenseits«; oder am 27.2.1996: »Klinisch tot: Am Ende des Tunnels war ein helles, warmes Licht«. []
  31. Hier macht sich das Faktum des Zugangs zu Massenmedien als Machtfaktor geltend. Sünder mobilisiert einen Teil eines längst verhandenen Diskurses, kann diesen aber als ›Herr über eine ganze Serie‹, die ein Millionenpublikum erreicht, stärker beeinflussen als der Pfarrer auf der Kanzel. Zudem kann er sich dazu eines verdichteten Quasi-Spezialdiskurses bedienen: die wissenschaftlich dokumentierte Anzahl von Fällen bei Moody und anderen. []
  32. Ähnliche Kopplungen finden wir in diesem Jahr 1994 bei der Berichterstattung der Bild über das Liebesleben des Formel-I-Weltmeisters Ayrton Senna, der 1994 tödlich verunglückte. []
  33. Zum Bezug Sport: Tod vgl. Hortleder/Gebauer (Hg.) 1986. Dort heißt es: »Der Einbruch des realen Todes in eine solche Spielwelt (wie der des Sportes, S.J.) zerstört nicht nur die Spielillusion, er zeigt mit schrecklicher Konsequenz, daß in dieser selbst etwas Unverantwortliches liegt. Die Abwehr von Zerstörung, Trauer und Mitgefühl läßt den Sport als moralisch unempfindlich, sogar unzulänglich erscheinen. Das Spiel gegen den Tod macht aus dem realen Tod ein nicht zu bewältigendes Problem. So werden die Toten, Athleten und Zuschauer, nach kurzer Zeit vergessen oder wie Gefallene in ›ehrendem Gedenken‹ behalten.« (Gebauer 1986, S. 280) Biopolitische Aspekte des Sportdiskurses untersucht Becker 1991 und 1993. []
  34. Dieser Artikel wird abschließend einer Feinanalyse unterzogen. Siehe auch das Faksimile dieses Artikels weiter unten. []
  35. Auf die hier verwendete Symbolik ist noch näher einzugehen. []
  36. Vgl. dazu Singer 1984 und die kritische Auseinandersetzung mit seiner »Praktischen Ethik« z.B. bei Paul 1990, Jäger 1990, Tolmein 1990. []
  37. Der hier einmalig verwendete Terminus der Nah-Todeserfahrung kann von ihnen umstandslos mit Jenseitserfahrung gleichgesetzt werden, zumal er in keiner Wiese definitorisch von Jenseitserfahrung abgegrenzt wird. []
  38. Ich habe an die Bild-Zeitung geschrieben und um weiteres Material aus dieser Dokumentation zu erhalten. Außer der hier besprochenen Serie und einigen wenigen in anderen Springer-Zeitungen abgedruckten Artikeln ähnlichen Tenors waren offenbar keine weiteren Belege vorhanden (obwohl es zum Thema reichhaltige Literatur gibt). []
  39. Vgl. dazu etwa Link 1982. []
  40. Vgl. dazu Schobert 1995. []
  41. Die Verkopplung modernster industrialistischer Vehikelsymbole mit eher traditionellen Bildern ist in den Medien gang und gäbe. Sie entspricht auch völlig der Vorstellung, daß es synchrone Systeme Kollektiver Symbolik gibt, die durch Katachresen zusammengefügt werden. []
  42. In der hauseigenen Theorie von Bild heißt es, aufgebaut werde ein »Mechanismus von provozierter und zugleich aufgefangener Angst«, zit. nach Enzensberger 1988, S. 81. []
  43. Angst davor, von Ärzten etwa durch »vorzeitige Organentnahme« zum Tode verurteilt werden zu können, kann so kaum aufkommen: so oder so hat der Tod ja keine Schrecken mehr. Die Bereitschaft, etwa die Hirntoddefinition zu akzeptieren, dürfte sich entsprechend erhöhen. []
  44. Autor ist ein Raimund le Viseur, der auch 1994 bei der Berichterstattung über den Selbstmord der Schriftstellerin Sandra Paretti in Erscheinung trat. []
  45. Vgl. dazu ausführlich Kellershohn 1996. []
  46. Die hier vorgenommene Bestimmung der Diskursposition von BILD, die an sich die Analyse möglichst aller in Bild angesprochenen Diskursstränge/Themen erforderlich machte, dürfte insgesamt aber nicht falsch sein, zumal sie sich auf andere diskursanalytische Erfahrungen stützen kann. Vgl. aber auch die Analysen von Jäger 1993b und Quinkert/Jäger 1991. []

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