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Parallelgesellschaften

Diskursanalysen zur Dramatisierung von Migration. Eine Rezension von Siegfried Jäger. Erschienen in DISS-Journal 19 (2010)

Auch Studierende können forschen! Wenn man sie lässt und wenn sie gut beraten und gefordert werden. Dies war der Fall in einem von Werner Köster geleiteten Kompaktseminar an der Universität Duisburg/Essen, dessen Ergebnisse, angereichert durch einige Gastvorträge, in dem hier anzuzeigenden Buch vorgelegt worden sind.

Peter Fuchs unterzieht den Begriff „Integration“ einer systemtheoretischen Reflexion und zeigt, dass das Begriffspaar „Integration“ vs. „Parallelgesellschaft“ der Logik asymmetrischer Gegenbegriffe (im Sinne R. Kosellecks) gehorcht. „Integration“ ist demnach alles andere als eine Pottersche Zauberformel.

Jana Gantenberg u.a. untersuchen die Verwendung von „Parallelgesellschaft“ in ausgewählten Printmedien nach den methodischen Regeln der Kritischen Diskursanalyse. Sie weisen nach, dass der Begriff „Parallelgesellschaft“ zum Schlagwort verkommt und absolut nicht dazu geeignet ist, den Dialog mit Muslimen zu erleichtern, weil er sich in erster Linie auf angeblich integrationsunwillige Einwanderinnen bezieht.

Mehmet Ata und Thomas Neubner untersuchen, ebenfalls auf der Grundlage der KDA, den Karikaturenstreit in einer großen Bandbreite deutscher Medien. Ferda Ataman analysiert die Verschränkung zweier Diskursstränge: den zum EU-Beitritt der Türkei und zur Integration von Türken in Deutschland, und zeigt die negativen Effekte einer solchen Verschränkung auf.

Jessica Breidbach u.a. analysieren kollektivsymbolvermittelte Feindbildkonstruktionen anhand zweier Mohammed- Karikaturen, die in der WAZ abgedruckt worden waren. Tino Minas untersucht die Erstverwendung des Begriffs „Parallelgesellschaft“ in der Studie von W. Heitmeyer, Joachim Muller und Helmut Schröder „Verlockender Fundamentalismus“. Insbesondere arbeitet er heraus, welche Spannungsverhältnisse zwischen dem Gestus des Warnens, als der Funktion der Soziologie als gesellschaftliches Frühwarnsystem einerseits und dem objektivierenden Anspruch eines empirisch-statistischen Verfahrens bestehen. Er stellt die Frage, ob und inwieweit auch Wissenschaft der Dramatisierung dienen kann.

Oliver Schreiber diskutiert den Streit um die Einführung des islamischen Religionsunterrichts und arbeitet dessen diskursive Effekte heraus, die daraus resultieren, dass ethnische und religiöse Kategorien miteinander verschränkt auftreten: Muslime werden auf diese Weise als demokratieuntauglich stigmatisiert. Bei seinen Analysen stützt Schreiber sich auf die Interdiskurstheorie Jürgen Links.

Der an der Fachhochschule Dortmund lehrende Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, der auch Mitglied der Islamkonferenz ist, analysiert Interviews mit jungen, in Deutschland aufgewachsenen türkischen Männern, bei denen es um die Frage geht, wieso diese Männer, insbesondere solche, die einem „ländlichen Erziehungsstil“ unterzogen waren, arrangierten Ehen zustimmen. Diesen jungen Männern mussten Perspektiven in dieser Gesellschaft eröffnet werden, „damit das Leben in der Demokratie und der Respekt dem anderen Geschlecht gegenüber attraktiver erscheint als der Rückzug in die eigenethnische Nische.“

Anne Broden, wie Tobruk Gast in diesem Kompaktseminar, widmet sich in einer rassismuskritischen Perspektive der Islamfeindlichkeit im aktuellen Migrationsdiskurs. Saliha Kubilay befasst sich aus einer weiblich-muslimischen Perspektive mit dem Kopftuchdiskurs. Hervorheben mochte ich, dass mich besonders die diskursanalytisch argumentierenden Beiträge überzeugt haben. Sie bildeten auch den Kern dieses Forschungsseminars, dem man viele Fortsetzungen wünschen möchte.

Werner Köster (Hg.)
Parallelgesellschaften
Diskursanalysen zur Dramatisierung von Migration
Beiträge studentischen Forschens
2008 Essen: Klartext-Verlag
ISBN 978-3-89861-822-9
224 S., 22, 95 €