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Kollektivsymboliken der Finanzkrise(n)

Interdiskurstheoretische Überlegungen. Von Rolf Parr. Erschienen in DISS-Journal 18 (2009)

Wirtschaft als ‚wissensintensiver Sektor’

Gibt es einen Punkt, an dem Wirtschaftswissenschaftler, Interdiskursanalytiker und Wirtschaftssoziologen in der Bewertung der ‚großen’ Finanzkrise von 2008 zusammenfinden können? Wenn überhaupt, dann ist es wohl der, dass das Finanzwesen „nicht nur global organisiert“, sondern zudem auch „extrem Wissensintensiv“ ist.1 Wir haben es demnach – interdiskurstheoretisch formuliert – einerseits mit einem sich aus den verschiedensten Spezialdiskursen und ihren Wissensressourcen speisendem und diese wiederum verarbeitendem Integral ‚ökonomisches Wissen’ zu tun, andererseits mit dessen globaler Streuung. Hier hören die Gemeinsamkeiten dann allerdings auch schon wieder auf, denn Wirtschaftswissenschaftler sehen die Wissensintensivität des Finanzgeschehens vor allem im Input von IT-gestützem technisch-mathematischem Wissen, das auf Formeln zur Risikoberechnung abzielt, wie sie – nobelpreisgekrönt – als erste Fischer Black und Myron Scholes entwickelt haben. Den Negativauswirkungen solcher Formeln in Kombination mit gebündelten und dann verbrieften Krediten geht Jakob Arnoldi von der Aarhus School of Business in seinem Essay „Alles Geld verdampft. Finanzkrise in Weltrisikogesellschaft“ erfreulich kritisch nach.

Ein interdiskurstheoretischer Blick auf die Wissensintensität des Finanzgeschehens könnte demgegenüber sehr viel weiter angelegt sein und insbesondere auch jenes elementar-literarische Alltagswissen und die in ihm ausgebildeten Redeformen einbeziehen, die die verschiedenen gesellschaftlichen Praxisbereiche miteinander kurzschließen und auf dem Wege der Analogiebildung, insbesondere durch Metaphorisierung und Symbolisierung, komplexitätsreduzierendes Integralwissen bereitstellt. Solche Symbole, die kollektiv verwendet und verstanden werden können, stellen im modernen Medieninterdiskurs einen kaum wegzudenkenden diskurskonstitutiven Faktor dar. Als Tendenzgesetz lässt sich sagen: Je komplexer hinsichtlich der Fakten und der beteiligten Spezialwissensbereiche ein Thema und je kürzer die Zeit im Fernsehen und Radio, je geringer der Platz auf Internetseiten und in der Presse ist, um so eher wird in der Medienberichterstattung sowie auch in den Vorworten und einleitenden Passagen fachwissenschaftlicher Werke auf Kollektivsymbole zurückgegriffen. Kein Wunder also, dass Kollektivsymbole gerade in der Finanz- und Börsenberichterstattung zuhauf anzutreffen sind.2

Risiko – Krise – Katastrophe – Re-Normalisierung

Über die seit der Krise von 2008 verstärkt und zum Teil auch neu zirkulierenden Symbole3 hinaus fällt aktuell auf, dass Politiker, Finanzexperten aber auch Medien vor allem um so etwas wie eine .’glaubhafte’. diskursive Re-Normalisierung der Situation bemüht sind. Das impliziert ein Verlaufsmodell von ‚Risiko’, ‚Krise’, ‚(Beinahe-)Katastrophe’ und ‚Normalisierung’, in dem die einzelnen Stadien oder Schritte neben dem durchgehend anzutreffenden Grundbestand an Symbolen auch eine Reihe von jeweils spezifischen Bildlichkeiten anziehen (die Phase der ‚Krise’ beispielsweise das medizinische Symbol ‚Fieber’, die der ‚Re-Normalisierung’ Symbole wie ‚Gesundung’ oder ‚Frühling’). Um das mit ein wenig Material zu belegen, hier einige Formulierungen aus der Tagespresse, wie sie zurzeit symptomatisch sind:

„Die Krise ist vorbei. Weltweit mehren sich die Anzeichen des Aufschwungs. Aber in Deutschland bleibt ein Risiko – die Banken“ (Josef Joffe, in Die Zeit, Nr. 32, 30.7.2009, S. 1).

„Experten warnen davor, einen Bankenfrühling zu erwarten. Die Krise dauere an. Die Gefahr bleibe, dass Banker zu risikoreiche Geschäfte Machten“ (Sabine Brendel / Daniel Freudenreich, in Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 29.7.2009, S. 1).

„Trügerische Normalität […] Die scheinbare Normalität auf den Finanzmärkten ist trügerisch. […] Bislang haben die Staaten nur lediglich die Feuer an den Finanzmärkten gelöscht. Die Rettungsaktionen haben die Steuerzahler auch in Deutschland Milliarden gekostet. […] Denn im Notfall springt der Steuerzahler ein. Das Spiel im Casino läuft – und die Bank gewinnt immer?“ (Ulf Meinke, ebd., S. 2).

„Realistisch bleiben. Einige Konjunkturdaten sind besser, doch die Krise ist noch nicht vorbei. […] Es wird noch eine Weile dauern, bis sich die Wirtschaft erholt. […] Der Herbst wird kritisch, weil viele Firmen dann prüfen, ob sie die Kurzarbeit verlängern oder Mitarbeiter entlassen. Nur wenn die Unternehmen gut über den Winter kommen, ist eine echte Erholung in Sicht“ (Sibylle Haas, in Süddeutsche Zeitung, 13.7.2009, S. 17).

Ähnliches findet sich auch in fachwissenschaftlichen Publikationen. So spricht Arnoldi von einem „Risiko, das seit 2007 Realität geworden und in Form der Finanzkrise als Katastrophe über die Weltgesellschaft hereingebrochen“ sei.4 Allen diesen Belegen gemeinsam ist ein nicht immer vollständig realisiertes Sechs-Stadien-Szenario, in dem der erste Schritt eine zunächst einmal positiv bewertete, wenn auch im Nachhinein völlig falsch erscheinende ‚Risikoeinschätzung’ bildet, die dann gegen- über den intendierten ‚positiven Ergebniszielen’ ‚angepasst’ oder ‚korrigiert’ werden muss (symbolisch abgekürzt heißt das dann ‚Luft aus der Blase lassen’, bis dass man wieder ‚Boden unter den Füßen’ hat).

Das führt im zweiten Schritt zu einer ‚Krise’ (symbolisch zu Bewertungslöchern’, ‚schwächelndem Markt’, ‚Ausbruch’, ‚Sturmwarnung’), wobei ‚Krise’ konnotiert, dass analog zum medizinischen Krisenbegriff das Überstehen des ‚Höhepunktes’, der im Börsengeschehen eine symbolische ‚Talfahrt’ in Richtung ‚Talsohle’ oder ‚Keller’ ist, noch zur halbwegs vollständigen ‚Gesundung’ führen kann.

Die ‚Krise’ löst dann im dritten Entwicklungsstadium eine ‚(Beinahe-)Katastrophe’ aus (Symbole: ‚Abwärtsspirale’, ‚Flächenbrand’, ‚überschwappende Flut’, ‚Schockwelle’, ‚Tsunami’, ‚hochinfektiöser Vertrauensverlust’, ‚Kernschmelze’, ‚Lawine’, ‚Kollaps’, ‚Sturz ins Bodenlose’, ‚freier Fall’), was zumindest einige ‚bleibende Schäden’ konnotiert.

Das macht wiederum – vierter Schritt – Interventionen nötig: politische wie Milliardenkredite, verstärkte Kontrollen und Teilverstaatlichungen; ethisch-moralische wie an Bankenvorstände gerichtete Bescheidenheitsappelle; spezialwissenschaftliche wie die Entwicklung verbesserter Instrumente der Risikoeinschätzung (kollektivsymbolisch z.B. ‚Rettungsschirme aufspannen’, ‚Feuerwehrfonds aufstocken’, ‚Therapien verordnen’, ‚Auswüchse eindämmen’, ‚Märkte stabilisieren’, ‚Lage in den Griff bekommen’, ‚neue Spielregeln aufstellen’, ‚Notoperationen durchführen’, ‚Notbremse ziehen’, ‚umsteuern’).

Diese Maßnahmen sollen, was für die aktuelle Krise noch abzuwarten bleibt, im fünften Schritt zur allmählichen :Normalisierung’ beitragen und damit im sechsten Stadium zur ‚Genesung’ des Weltfinanzsystems führen, womit ein neuer Zyklus beginnen kann: Wieder können die Instrumente der Risikoeinschätzung ungenau sein (symbolisch ‚toxisch’5 ), wieder die Kreditvergabekriterien zu lax, wieder… usw. ad infinitum (oder bis hin zum endgültigen ‚Kollaps’ des Systems, wie ihn Slavoj Zizek prognostiziert6 ).

Die einzelnen Schritte oder Stadien sind nun nicht nur mit spezifischen Sets von Kollektivsymbolen verknüpft, sondern auch jeweils in spezifische interdiskursive Konstellationen eingebunden, die Arnoldi, ohne als Wirtschaftsfachmann dafür eine wirklich operationale Terminologie zu besitzen, dennoch ansatzweise analytisch einzubeziehen versucht. So stellt er heraus, dass es vor der Krise eine Konstellation gegeben habe, in der ein Finanzmarktprodukt wie „Subprime- Hypotheken“ mit erhöhtem Ausfallrisiko sowie die Verbriefung von zuvor gebündelten Krediten nur schwer rein fachlich zu kritisieren gewesen seien, da Kritik an ihnen und auch den finanzmathematischen Modellen ihrer Risikoberechnung immer als undifferenzierte „Kritik am globalen Kapitalismus“ wahrgenommen worden wäre und sich daher in Fachkreisen besonders leicht als irrelevant hätte abtun lassen. Auch im Übergang vom dritten zum vierten Schritt des Szenarios habe das nicht anders ausgesehen, denn im „Verlauf der Krise“ sei „die moralische Kritik an gierigen Investmentbankern nun mit der Kritik am – möglicherweise – sachlich falschen Risikomanagement verknüpft“ worden; moralische Normen und finanztechnische Fakten würden so miteinander vermischt,7 was es so schwer mache, die finanzmathematischen Faktoren einer genaueren fachlichen Analyse zu unterziehen. Interdiskurstheoretisch formuliert: Kritik innerhalb eines Spezialwissensbereiches war nicht möglich, da die Kritik in beiden Fällen immer schon interdiskursiv aufgeladen war. Fazit bei Arnoldi: „Die Finanzwirtschaft bewegt sich seit jeher im Spannungsfeld juristischer, religiöser und moralischer Diskurse“.8

Framing

Hinzu kommt für Arnoldi als ein weiterer Risikofaktor das ‚Framing’ (Goffman), die – mit Luhmann gesprochen – Reduktion von Komplexität innerhalb der Modelle der Finanzmathematik. Denn jede „Risikobewertung, ob wissenschaftlich oder laienhaft, beginnt mit irgendeiner Art von Framing, das bestimmte Möglichkeiten ausschließt“.9

Ein solches Framing – wenn auch ganz anderer Art – stellen dann aber auch die Kollektivsymbole des mediopolitischen Interdiskurses dar, auf die in der medialen Wirtschaftsberichterstattung besonders stark zurückgegriffen wird. Auch sie wären dann als Faktor bei der Ermittlung von Werten und den mit ihnen verknüpften Risiken zu berücksichtigen, sind sie es doch, die zu einem nicht unerheblichen Teil Stimmungen, Ängste, Erwartungen und auch die subjektiven Meinungen stimulieren und nicht nur an Laien gerichtet sind, sondern gerade auch die im Finanzsystem professionell Handelnden ansprechen. So ist ein Wirtschaftsblatt wie die „Financial Times Deutschland“ nicht etwa so strukturiert, dass es in den Überschriften Kollektivsymbole für Laien und in den eigentlichen Artikeln ‚harte’ fachliche Analysen für Experten liefert. Interdiskurselemente und insbesondere Kollektivsymbole werden vielmehr für beide Gruppen von Lesern durchgehend verwendet und häufig sogar textuell und zugleich auch noch einmal ikonografisch realisiert, und zwar meist durch gemischt repr äsentativ (metonymisch)-metaphorische Symbole.

Aus solchen (Text/Bild-)Symbolen generieren sich mit der Lektüre quer durch eine oder mehrere Ausgaben die bekannten Narrative von ‚Talfahrten’, ‚kommenden Auf- und Abschwüngen’ und ‚kippenden Dominosteinen’. Daher „müssten sich die Investoren“, so der von Arnoldi in diesem Zusammenhang zitierte Keynes, eher „eine Meinung über die Meinungen der Konkurrenten“ bilden, als über den tatsächlichen Wert eines Finanzprodukts. Diese Meinungen sind aber in den Kollektivsymbolen geradezu kodifiziert, sodass sie einen zumindest anteiligen Faktor bei der Regulierung der „reflexive[n] Beziehung zwischen dem Markt und den Investoren“ darstellen.10 Ob, und wenn ja welche Symbole international übergreifend genutzt werden, welche bloß national und welche europäisch, wie ihre Kopplungen bzw. Ersetzungsmöglichkeiten untereinander genau aussehen, all das müsste in einem größeren internationalen Projekt noch erforscht werden.11

Dabei wäre auch auf die Vernetzung der verschiedenen Krisenszenarien von Schulden über Energie, Klima bis hin zu Nahrung  und ‚Grippeviren’ zu achten, was durch Verwendung gleicher bzw. ähnlicher Kollektivsymbole geschehen kann (bzw. durch aktual-historische Analogiebildungen vom Typ 11. September, AKWs, Giftmüll usw.). (vgl. Abbildung)

Gerade im Moment haben wir es ja (noch?) mit der ‚Implosionskrise’ der Weltwirtschaft und zugleich schon einer latenten ‚Explosionskrise’ in Sachen Schweinegrippe zu tun. Die Kopplung zwischen beiden steht aus, liegt aber auf der Hand, man denke nur an die vielen Medizinsymbole, etwa den ‚hochinfektiösen Vertrauensverlust’ im Artikel von Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

  1. Jakob Arnoldi: Alles Geld verdampft. Finanzkrise in Weltrisikogesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009 (edition suhrkamp 2590), S. 7. []
  2. Siehe dazu Rolf Parr: Börse im Ersten: Kollektivsymbole im Schnittpunkt multimodaler und multikodaler Zeichenkomplexe. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, Jg. 54 (2007), H. 1 (.Medialitiät und Sprache.), S. 54-70. []
  3. Das Symbolarsenal ist aufgearbeitet bei Jürgen Link: .Ein 11. September der Finanzmärkte.. Die Kollektivsymbolik der Krise zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit. In: kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie, nr. 55/56 (Februar 2009), S. 10-15. – Ders.: Prognostische Szenarien zur Denormalisierungskrise Herbst 2008ff. In: ebd., S. 18-29. . Ders.: Normalismustheoretisches Wörterbuch zur Krise von 2008. In: ebd., S. 35-40. – Rolf Parr: Die Meta-Narration zum Börsencrash 2008. Diskursbastelei als Anregung für den Deutschunterricht. In: ebd., S. 16f. []
  4. Arnoldi: Alles Geld verdampft (s. Anm. 1), S. 7 (Hervorhebungen von R.P.). []
  5. So der Altmeister kollektivsymbolisch basierten Sprechens, Helmut Schmidt, im Januar 2009 in einem Artikel der „Zeit“, der sich als regelrechter Symbolfundus in Form eines fortlaufenden Katachresenmäanders präsentiert, einschließlich der oben zitierten Formulierung vom ‚hochinfektiösen Vertrauensverlust’ (H.S.: Wie entkommen wir der Depressionsfalle? In: Die Zeit, Nr. 4, 15.1.2009, S. 19). []
  6. Vgl. Slavoj Zizek: Auf verlorenem Posten. Frankfurt a.M. 2009: Suhrkamp (edition suhrkamp 2562). []
  7. Arnoldi: Alles Geld verdampft (s. Anm. 1), S. 20. []
  8. Ebd., S. 71. []
  9. Ebd., S. 43. []
  10. Ebd., S. 67. []
  11. Ein solches Projekt, das zugleich den Graben zwischen zwei Wissenskulturen überbrückt, wird zurzeit vorbereitet. []