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Jean Paul Sartre – Der Philosoph des 20. Jahrhunderts

Eine Rezension von Jens Zimmermann. Erschienen in DISS-Journal 12 (2004)

„Was für den Stalinismus gilt, gilt mutatis mutandis auch für seine asymmetrische Dublette, den Nationalsozialismus.“

In einer über 600 Seiten starken Biographie versucht Bernard-Henri Lévy das vielfältige und ereignisreiche Leben von Jean Paul Sartre nachzuzeichnen. Die außergewöhnliche Beziehung zwischen Sartre und Simone de Beauvoir, Sartre – der Autor von Theaterstücken und Drehbüchern, von Romanen, Dramen, Essays und Vorworten, der politische Journalist und Herausgeber von Les temps modernes. Das spannende Leben des „totalen Intellektuellen“, der „Regisseur auf allen Bühnen“ ist und „auf allen Registern“ spielt, wird von Lévy interessant und anregend erzählt.

Sartre – der Philosoph, dessen Werk in eine frühe und eine späte Phase unterschieden wird – den Sartre um Das Sein und das Nichts und den Sartre um die Kritik der dialektischen Vernunft: Das politische Engagement ergibt sich für Sartre unmittelbar aus seiner Philosophie von Freiheit und Verantwortlichkeit. Die Beschreibung des politisch aktiven Sartre vollzieht Lévy strikt aus einer totalitarismustheoretischen Perspektive.

Ob er nun seine Übereinstimmung mit Sartre aufzeigen will oder eine kritische Distanz herzustellen versucht – der Ansatz ist oft die Totalitarismusthese. Wird dem ‚frühen Sartre’ das Prädikat „Champion des Antitotalitarismus“ verliehen, da „die Definition des Menschen als eines Wesens des Nichts und der Negativität“ das „erste Gegenmittel“ gegen Totalitarismus sei, so sei der ‚späte Sartre’ der „totalitären Versuchung“ erlegen, obwohl er das „begriffliche Rüstzeug“ dagegen gehabt hätte.
Diese Betrachtungsweise gipfelt in einer Passage, in der Lévy zwecks Nachweis seiner These in Auszügen aus Sartres Text Was ist ein Kollaborateur? Das Wort ‚Kollaborateur’ systematisch durch ‚Stalinist’ ersetzt, um auszudrücken, dass Sartre im Jahr 1944 „auf dem Höhepunkt der Zerrissenheit und vielleicht des Wahnsinns“ im Begriff ist, „selbst zu jenem Stalinisten zu werden, dessen Beschreibung er gerade geliefert hat“. Dass er eine hochaktuelle Variante der These vorbringt, in der Nationalsozialisten, Stalinisten und „fundamentale Moslems“ (!) als Exponenten ein und desselben Phänomens namens Totalitarismus betrachtet werden, macht den falschen Ansatz dabei nicht richtiger. Im Gegenteil: der Erklärungsgehalt einer derart undifferenzierten Betrachtungsweise von Ausprägungen staatlicher Macht geht stark gegen Null, nicht zuletzt, weil die ‚totalitären’ Aspekte der kapitalistischen Gesellschaft westlicher Prägung und ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung gänzlich aus der Betrachtung herausgehalten werden.1 Die totalitarismustheoretische Beschreibung von Sartres Leben zieht sich leider entsprechend dem vielfältigen Engagement des Philosophen und Schriftstellers wie ein roter Faden durch die gesamte Biographie. Spannende und lesenswerte Passagen gibt es trotzdem. Ob nun ein Gang in die Stadtbibliothek ausreicht, um diese lesen zu können oder nicht, soll jeder selbst entscheiden.

Bernhard Henri Lévy
Jean Paul Sartre – Der Philosoph des 20. Jahrhunderts
2002 München: Hanser
ISBN 3-446-20148-3
672 Seiten, 32,90 €

  1. Die Totalitarismusthese fungiert durch die Abgrenzung der sogenannten politischen Mitte gegen ‚Extreme’ nach rechts, links und neuerdings auch gegenüber religiös motiviertem ‚Extremismus’ lediglich als Herrschaftsideologie der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aus einer sich selbst gegen Kritik immunisierenden Position heraus. []