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»… aber wir wissen, es gibt sie…«

Bush und die Geister der Heilsgeschichte. Von Jobst Paul. Erschienen in DISS-Journal 11 (2003) (= Gemeinsames Sonderheft des DISS-Journals und der kultuRRevolution zum Irak-Krieg).

Die Magazine DER SPIEGEL und NEWSWEEK1 beleuchteten vor Beginn des Irak-Kriegs in Titelgeschichten die möglichen religiösen Antriebe hinter den Worten und Taten von George W. Bush. Beide Berichte geben investigativen Journalismus vor, tragen aber eher die Spuren der Verlegenheit, ein unangenehmes, seit Jahren gemiedenes Thema in Worte zu fassen. Die Personalisierung in Bush – und dies am Vorabend eines Kriegs – diente wohl als Hebel, die abenteuerlich anmutende, christliche Mythologie des weißen Amerika endlich vor einem Weltpublikum zur Sprache zu bringen.

Doch die Fülle unterschiedlichster Aspekte des Themas geht schlecht mit ›Personalisierung‹ zusammen und bleibt ohne Gewichtung episodisch: Die private Frömmigkeit eines Präsidenten (Tenor in DER SPIEGEL) ist an sich noch nicht weltbewegend,2 und eine ›vorgeschobene‹ Religion (Tenor in NEWSWEEK) wäre nicht religiös. Und dass Bush für ein christlichrechtspopulistisches Bündnis steht, ist für Europa – angesichts von Haider und Berlusconi – nicht aus der Welt.

Entscheidender ist, dass sich die weiße Mittelschicht der USA, die ohnehin harte Zeiten hinter sich hat, dem Verlust ihrer (ethnischen) Mehrheit gegenüber sieht und sich dazu seit Reagan unter dem Kürzel Patriotismus wieder dem calvinistisch-alttestamentarischen Rigorismus im Sozialen und der von den Gründerväter gepredigten Heilsgeschichte geöffnet hat. Letztere war allerdings schon immer Teil reformierter Bekenntnisse und reicht deshalb auch in die puritanische Tradition des Blair’schen Englands.3

Die Teile der Erzählung, die vom Erscheinen des ›Antichrist‹ am Ende der Tage bis zu Armageddon und zur Wiederkunft Christi reichen, sind wohl bekannt, ihre Pointen gewiss weniger. Denn aus der Erlösung wird nichts werden, bevor nicht die ganze Welt evangelisiert ist, und – bevor nicht die Juden der Welt nach Jerusalem zurückgekehrt und Christen geworden sind. Dass dann die Verstockten unter ihnen getötet werden, ist zwar ein Schnitzer in der Erzählung, zeigt aber, dass das last resort keine Erfindung von Donald Rumsfeld ist.

Tatsächlich steht im Zentrum des US-amerikanischen Sendungsbewusstsein ein gespanntes, teilweise paternalistisches, teilweise autoritäres, oft grundsätzlich okkupatorisches Verhältnis zum Judentum. Die (exotistische) jüdisch-alttestamentarische Selbstinszenierung, die Rede vom neuen Jerusalem, von God’s chosen people deuteten schon die Niederländer des 17. Jahrhunderts wie nach ihnen Cromwell und die amerikanischen Siedler als heilsgeschichtliche Disqualifikation der Juden, denen sie den Gottesbund abgenommen hätten. In letztlich puritanischer Tradition ließ das englische Königshaus, darunter noch Königin Elisabeth II., die männlichen Thronfolger (darunter Prince Charles) vom Londoner Rabbi beschneiden, bis Prinzessin Diana dies für ihre Söhne verweigerte. Demgegenüber eröffneten christliche Eifer in den USA einen Freizeitpark (Holy Land in Orlano, Florida), in dem man sich in ›jüdischen‹ Riten ergehen kann …4

Die Tatsache, dass die Juden ›noch gebraucht‹ wurden, schlug sich bis ins späte 19. Jahrhundert in – nicht zuletzt britischen – Suchaktionen und Thesen über irgendwo ›verlorene‹ oder ›versteckte‹ Stämme Israels nieder. Die betreffende ›Heilsgeschichte‹ bestimmt aber auch wohl seit langem – wie dies DER SPIEGEL anmerkt – die Israel-Politik der USA wie Großbritanniens. Wenn dies aber so ist, dann rücken ›heilsgeschichtliche‹ Hintergedanken der coalition forces bei der heutigen Eroberung etwa der Stadt Babylon, aber auch allgemein beim Stichwort der Neuordnung des Nahen Ostens in den Bereich des Möglichen.

Der christlich-reformierte Paternalismus dem Judentum gegenüber war schon immer eine ambivalente Form des Schutzes, immerhin aber des Schutzes. Doch ist die reformierte Doktrin – in verschiedenen Schüben seit Mitte des 19. Jahrhunderts – auch zum Steinbruch für militant-antisemitische Erzählungen geworden, die sich seit den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem lutherischen und katholischen Antisemitismus Kontinentaleuropas kurzschlossen und heute den Rechtsextremismus international verbinden. So lag es schon für einige Autoren des 19. Jahrhunderts nahe, von den Christen als den ›wahren‹ Juden (die dann in einigen Theorien als Arier geoutet werden) auf die Juden als den ›falschen‹ Juden zu schließen. Noch verheerendere, verschwörungstheoretische und in ihren Varianten kaum zu überschauende Antworten lässt bis heute aber die Frage zu – nicht wer dereinst der ›Antichrist‹ sein wird, sondern wer schon jetzt der ›Antichrist‹ ist.

Die christliche Kirche hat sich der gnostischen Mythen offiziell immer wieder erwehrt, doch haben sie stets die Volksfrömmigkeit bestimmt.5 Diese wird – seltsamerweise – allerdings mit Stoffen wie Herr der Ringe oder Harry Potter stets neu, u.a. in Kinder und Jugendliche versenkt und sie wirkt wohl auch in George W. Bush: »Als ich aufwuchs, war die Welt gefährlich und wir wussten genau, wer die anderen waren. Es war: Wir gegen die, und es war klar, wer ‹die› waren. Heute sind wir nicht so sicher, wer ‹die› sind; aber wir wissen, es gibt sie.«6 Bush weiß seit dem 11. September 2001 wieder, »wer ‹die› sind« – so schildern DER SPIEGEL und NEWSWEEK gleichlautend seine Wiedergeburt.

Bushs martialische Rhetorik verbindet die reformiert-›alttestamentarische‹ Gerechtigkeitspose – eine falsche Imitation des Judentums – mit den Verschwörungsphobien des weitgediehenen rechtsextremen Lagers. Der Evangelikale Jerry Falwell hat diese christlich-fundamentalistische Mentalität, die hauptsächlich nach irdischen Schuldigen für das ausbleibende (ökonomische) Paradies der weißen/christlichen US-Mittelschicht sucht, auf die Formel gebracht: A fundamentalist is an evangelical who is angry about something.7 Insofern folgt die Politik Bushs tatsächlich ›heilsgeschichtlichen‹ Kategorien, doch wird die eigentliche Nagelprobe erst bei der Frage folgen, ob sie – ggf. mit weiteren Kriegen – der ›gnostischen‹ Mentalität auch bis zur Selbstzerstörung, bis zum volkswirtschaftlichen Bankrott folgt.

  1. Krieg aus Nächstenliebe, in: DER SPIEGEL 8/2003 vom 17. Februar 2003. Bush and God. In: NEWSWEEK vom 10. März 2003. []
  2. Bush betreibt unter dem regierungsamtlichen Titel Faith-Based and Community Initiatives die flächendeckende Einrichtung von Sozialstationen, die ehrenamtlich organisiert sind und daher nicht viel Geld kosten. Die Autoren des SPIEGEL suggerieren, Bushs Appell an christliche Werte in einer Rede vor Sozialarbeitern in Nashville (vom 10. Februar 2003) sei auf den Irak gemünzt gewesen. Sie geben vor, Bush habe über das Thema der im Glauben wurzelnden Initiativen gesprochen, während es in Wirklichkeit um ein innenpolitisches Regierungsprogramm ging. Andererseits steht der Bush nahestehende Prediger Franklin Graham (Sohn von Billy Graham) mit seiner Organisation Samaritan’s Purse soeben vor den Toren des Irak, um mit Hilfe von Hilfsgütern die christliche Mission unter den irakischen Muslimen zu befördern (TIME, 21. April 2003, S.42). []
  3. Vgl. Bekenntnis von Dordrecht 1632, Abschnitt XVIII: Of the Resurrection of the Dead, and the Last Judgment []
  4. Chwallek, Gabriele (12.4.2001) Zion in 0rlando. Jüdischer Protest gegen christlichen Themenpark in Florida. In: ALLGEMEINE JÜDISCHE WOCHENZEITUNG 8 []
  5. Maccoby, Hyam (1986) The Origins of Anti-Semitism. In: Braham, Randolph L. (ed) (1986) The Origins of the Holocaust: Christian Anti-Semitism (Columbia University Press) New York, p. 1-14 []
  6. Bush in der CHICAGO TRIBUNE, zit. nach Ulrike Brunotte (10.3.2001) God’s own country. Das moderne Amerika mit civil religion und altem puritanischen Erwählungstraum. In: FRANKFURTER RUNDSCHAU. []
  7. Zit. n. Frank Unger, Christlicher Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten von Amerika.
    In: Richard Faber (Hrg.) Politische Religion – religiöse Politik (Königshausen & Neumann) Würzburg 1997, S. 284. []