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Nahost in der Zeitung

 

Zum Anteil der Medien am neuen Feindbild »Israel«. Von Andreas Disselnkötter. Erschienen in DISS-Journal 10 (2002)1

Im Juli verabschiedete die Parlamentarische Kommission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bei ihrer Zusammenkunft in Berlin eine Resolution, in der die Zunahme antisemitischer Gewalttaten in Europa als »alarmierend « bezeichnet wird.2 Insbesondere in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien ist die Zahl der Angriffe auf jüdische Einrichtungen und Personen massiv angestiegen.

Global gesehen, so der stellvertretende israelische Außenminister Rabbiner Michael Melchior Mitte Juli 2002, müsse in den vergangenen vier Monaten von der »größten Antisemitismuswelle seit dem Zweiten Weltkrieg« gesprochen werden. In diesem Zeitraum wurden auch in Deutschland aggressive, einseitige und pauschale Angriffe gegen Israel und Juden erneut legitimiert. Davon zeugen vor allem die Äußerungen der Politiker, die inzwischen völlig unverblümt von einem israelischen »Vernichtungskrieg« sprechen oder konstatieren, Israel sei »selbst schuld« an der Gewalt der Al-Aqsa-Intifada – als handle es sich dabei um »Widerstand«. Dieser alt-neue Antisemitismus findet zunehmend auch öffentlichen Zuspruch.

Bei der Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung ist die Bedeutung der medialen Israel-Bildes offenkundig. Wer die Berichterstattung deutscher Medien in den vergangenen zwei Jahren verfolgt hat, sah und las nicht selten einseitige Sichtweisen, die zudem von dem Bedürfnis nach starker Vereinfachung geprägt waren. Hinzu kam ein aggressiver Sprachgestus.

Das in Berlin ansässige Europa-Büro des American Jewish Committee (AJC) wollte es genauer wissen: Welche kollektiven Bilder und Vorstellungen werden in deutschen Zeitungen von Israel vermittelt? Das AJC war gut beraten, ein Institut ohne Schwerpunkt in der Erforschung von Judentum und Antisemitismus zu beauftragen. Denn je nach Arbeitsergebnis hätte man von vornherein Parteilichkeit vermuten können. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) untersucht mit einem eigenen medienanalytischen Ansatz seit Jahren Themen wie Rassismus und Rechtsextremismus in bundesdeutschen Medien und musste dabei auch aus der Medienwelt oftmals Schelte einstecken. Wer sieht sich schon gerne dem Vorwurf ausgesetzt, mit seiner Berichterstattung rassistischen Tendenzen zuzuarbeiten. Unter der Leitung von Prof. Siegfried und Dr. Margret Jäger hat das DISS in enger Kooperation mit Barbara Fried (AJC) eine Studie erstellt,3 deren Ergebnisse am 30.5.2002 in Berlin den Pressevertretern auf der Basis einer Kurzfassung präsentiert wurden: »Die Nahost-Berichterstattung zur Zweiten Intifada in deutschen Printmedien, unter besonderer Berücksichtigung des Israel-Bildes. Analyse diskursiver Ereignisse im Zeitraum von September 2000 bis August 2001.«

Am Vortag hatte bereits Klaus Hartung in »Der Zeit« ein vernichtendes Urteil über die Studie gesprochen. Dieser erste Reflex, der von seinen Redaktionskollegen später entschuldigend relativiert wurde, deutet bereits die Brisanz des Themas an. Um es vorweg zu sagen: Was die Studie zutage fördert, ist in der Tat niederschmetternd und lässt sich am besten mit den Worten von Deidre Berger, der Leiterin des AJC, zusammenfassen: »Israel is under fire of the German media«. (…)

Missverständnisse der Betroffenen

Vor dem Hintergrund solcher Studien regen nicht zuletzt die nachhaltigen Reaktionen vieler Journalisten zu einer eingehenderen Lektüre der Kurzfassung der Studie an. Mit dieser haben sich Stefan Reineke und Christian Semmler von der taz befasst (1./ 2. Juni 2002). Ihr Verständnis kann als exemplarisch für das Unverständnis der Studie gesehen werden. So vermissen sie »exakte Empirie« und stellen eine »Meinungsfreude, die von Vorurteilen kaum zu unterscheiden ist«, fest. Es entstehe der Eindruck, der »Nahostkonflikt spiele sich eigentlich im Kopf der Journalisten ab«. Es war gerade das erklärte Ziel dieser Studie, jenseits von »Fliegenbeinzählerei « (empirische Sozialforschung) eine qualitative Analyse vorzunehmen. Dabei ging es nicht um Medien- oder Journalistenschelte. Vielmehr wurde nach dem Image der Konfliktparteien, nach antisemitischen Konnotationen und Stereotypen gefragt. Es ging also nicht darum, Antisemitismus gewissermaßen in die medialen Repräsentationsweisen hineinlesen zu wollen, sondern um das mediale Nahost-Bild mit seinen zahlreichen Facetten. Es wäre in der Tat überraschend gewesen, wenn dabei keine antisemitischen, antiisraelischen Äußerungsformen zutage gefördert worden wären. (…)

Insgesamt wurden 427 von 2.505 erfassten Artikeln einer Diskursanalyse unterzogen.4 Dieses methodische Instrumentarium erlaubt es, auf der Basis von wenigen Beispielen generalisierende Aussagen über kollektive Vorstellungen und Anschauungen zu treffen. Möglich wird dies durch den Blick auf verschiedene mediale Verfahrensweisen und deren Zusammenwirken. Insbesondere Symbolstrukturen erweisen sich als ausgesprochen relevant. Ihre Verwendung gehört zum Handwerkszeug journalistischer Praxis, um komplexe Sachverhalte allgemein verständlich zu machen.5 Ihr wertender Charakter entfaltet sich erst durch den aktuellen politischen Zusammenhang. Da räumt ein Bericht zunächst ein, dass der Brand in Nahost mehrere Ursachen hat, die auf beiden Seiten zu suchen sind. Dann aber wird festlegt, wer ständig Öl ins Feuer gießt (Israel, Ariel Scharon etc.). Damit ist – symbolisch gesprochen – der oberste Brandstifter ernannt. Israel trägt also die alleinige Verantwortung für weitere Gewalt. (…)

Alter und neuer Antisemitismus

(…) Die Duisburger Wissenschaftler haben verschiedene Anordnungen (zeitliche Abfolge) von Artikeln und Bildelementen untersucht und festgestellt, dass durch sie allein bereits »vor allem die israelische Seite« kritisiert werde. (…)

Viele (Kritiker der Studie, d.Red.) (…) versuchten, die »deutsche Qualitätspresse« gegenüber dem Zugriff eines Instituts in Schutz (zu) nehmen (…), weil dessen Arbeitsergebnisse schon vorab festgestanden hätten. (…) Die Duisburger haben jedoch Zurückhaltung gezeigt: etwa dann, wenn sie hervorheben, dass einige Aussagen erst »je nach Verwendung und Verwender antisemitische Bedeutung« erhalten können. Viele der angeführten Belege lassen sich nicht in die Tradition antisemitischer Vorurteile einordnen, allenfalls wäre von neuen Qualitäten oder antisemitischen Formen zu sprechen. Wenn vom »Massaker am palästinensischen Volk« die Rede ist, dann ist dies ein Beispiel jener Parteilichkeit, die erst im Kontext zusätzlicher Bilder eine antisemitische Dimension entfaltet.

Leichter nachzuvollziehen sind da altbekannte Formen; etwa die Rede von der „jüdischen Weltverschwörung“ auf der Achse Israel-USA oder der Kennzeichnung von Juden als »machthungrig « und »heuchlerisch«. Zudem zeigen sich zahlreiche Bezugnahmen auf Nationalsozialismus und Schoah: etwa als Projektionen, wenn Israelis und Palästinensern unterstellt wird, sie litten unter einem »Flüchtlings- und Opferkomplex, von dem sie sich nicht befreien können« (FR, 22. November 2000). Mit solchen Bildern wird, so die Studie, auf die Kollektivschuld der Deutschen angespielt.
Eine auffällige Neuerung zeigt sich bei der Zuschreibung negativer Charakter- und Körpermerkmale. Ariel Scharon wird einerseits bildlich in Panzer gesetzt und als »Bulldozer« dargestellt, zusätzlich aber noch als »wahnsinnig« und »unberechenbar« markiert. Solche Formen der Negativzeichnung fanden sich in den deutschen Medien bislang vor allem in Bezug auf arabische oder persische politische Führungen und die jeweiligen Bevölkerungen – von Ghaddafi bis zum »irren Saddam«. Sie lassen sich aber nicht ohne weitergehende Untersuchungen der antisemitischen Tradition zuordnen wie z.B. jene christlich tradierten Vorurteile, die laut DISS-Studie zuhauf vorkommen. Offenbar deutet sich eine neue Qualität in der Negativzeichnung Israels an, die ausgesprochen wirkungsmächtig die weitere Isolation und – symbolisch gesprochen — noch stärkere Distanzierung Europas von Israel zur Folge haben kann.

Palästinenser

Das Prinzip der Blickverengung auf Gewalt gilt auch in Bezug auf Palästinenser, die insgesamt als religiöse »Fanatiker« erscheinen. Der Islam wird nicht nur in Bezug auf die Nahostberichterstattung pauschal mit Gewalt identifiziert. Dies hat Effekte auch für die in Deutschland lebenden Ausländer oder Flüchtlinge aus arabischen Ländern, die seit den Anschlägen vom 11. September in New York tendenziell als islamistisch angesehen und unter Generalverdacht gestellt werden. Die Duisburger sehen Anschlüsse zwischen der Nahostberichterstattung und einzelnen Mediendiskursen um Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.

(…) Für Leser der Studie (…) wird deutlich, dass die Position eines Jürgen Möllemann nicht mehr randständig ist. Sie ist in mittlerweile bei der täglichen Zeitungslektüre anzutreffen.6

  1. Der vollständige Artikel ist abgedruckt in der Zeitschrift Tribüne, 41. Jahrgang, Heft 163, S. 10-16. Siehe auch www. .tribueneverlag. de. Wir danken der Redaktion für die Abdruckgenehmigung. []
  2. Zu der Frage, ob es einen neuen Antisemitismus in Europa gibt, vgl.: Schoenfeld, Gabriele: Israel and the Anti-Semites. In: Commentary, June 2002, Vol. 113, No.6. []
  3.  (…) []
  4. Es gibt verschiedene Ansätze, was unter Begriffen wie Symbol oder Diskurs verstanden werden kann. Beim DISS stützt man sich insbesondere auf: Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Duisburg 2. Aufl. 1999. Einen Überblick bietet der Beitrag von Frank Becker/Ute Gerhard/ Jürgen Link: Moderne Kollektivsymbolik. Ein diskurstheoretisch orientierter Forschungsbericht mit Auswahlbibliographie. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Bd. 22, H. 1, 1997, S. 70-154. []
  5. Vgl. dazu allgemein: Link, Jürgen: Zur Struktur des Symbols in der Sprache des Journalismus. München 1978. []
  6. (…) []

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