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Rußland = NATO + Milosevic?

Die Medien und der Krieg in Tschetschenien. Von Jürgen Link, erschienen in DISS-Journal 5 (2000)

Ganz zu Beginn des 2. Tschetschenienkrieges meldeten deutsche Medien noch die Parallele zum NATO-Krieg gegen Serbien: „Rußlands Generäle spielen NATO“, untertitelte damals noch die „Zeit“, wenn auch bereits süffisant-ironisch (30.9.1999), und die FAZ kommentierte am gleichen Tage: „Die NATO als Vorbild? (…) Angeblich lehnt man sich an das ‘Vorbild’ der Nato und ihren Kosovo-Krieg an. Ob die Russen jedoch überhaupt in der Lage sind, solche chirurgischen ‘Schnitte’ zu tun, ist fraglich. Sogar den Amerikanern misslang da einiges, nicht nur im Golfkrieg, sondern auch noch in Jugoslawien. Oder wollen die russischen Militärs am Objekt Tschetschenien auch ihre Möglichkeiten testen? (…)“ Hier erstreckte sich die Analogie sogar auf das „Mißlingen“. Aber je penibler die russische Armee diese Analogie dann im weiteren Verlauf „ausfüllte“ (Zerbombung von Wohngebieten, Brücken, Ölraffinerien, sehr bald auch tote Zivilisten, westlich „Kollateralschäden“ genannt, schließlich auch Treffer auf Flüchtlingstrecks), um so stickumer wurden die westlichen Medien und Politiker mit der NATO-Parallele. Statt dessen waren die Russen, obwohl sie weiter hauptsächlich aus der Luft schlugen, plötzlich gleich Milosevic. Das wirft zwei Fragen auf: Wie konnte die Gleichung Jelzin = NATO zur Gleichung Jelzin = Milosevic werden, und vor allem: Wie kommt es, daß das Fernsehpublikum solche dramatischen Schwenks kaum zu bemerken scheint? Wahrscheinlich hängt diese Frage mit der anderen zusammen, wieso ein großer Teil des Fernsehpublikums die abenteuerlichen Rechtfertigungen der exterministischen NATO-Bombardements gegen Jugoslawien seinerzeit ‘geschluckt’ hat.

„Die NATO-Bomben zerstören keine Terroristenlager, sondern Bergdörfer und Wohnhäuser, Brücken, Ölraffinerien und Fabriken.“ Wörtliches Zitat, wenn man bloß NATO durch „russisch“ ersetzt (FR 2.10.1999). Diese Art Luftkrieg gegen Wohnorte, Brücken, Ölraffinerien und Fabriken stellt die FR hier korrekterweise als in jedem Falle verbrecherisch und in keinem Falle zu rechtfertigen dar – wie hatte mans aber vor Tische bei den deutschen Tornados gelesen? Die durften das alles nicht bloß, sie mußten es sogar absolut, weil es bekanntlich keine Alternative dazu gab – die es wiederum nicht gab, weil es schreckliche Bilder gab (siehe Scharping)! Aber auch die Regierung Jelzin – Putin hatte schreckliche Bilder vorzeigen können!

Als die russische Regierung in der 2. Oktoberhälfte erklärte, daß die Flüchtlinge nicht vor den russischen Bomben flöhen, sondern von den tschetschenischen Banditen vertrieben würden, um für die westlichen Medien eine humanitäre Katastrophe zu simulieren, schien das unseren Medien eine durchsichtige Propagandalüge zu sein (FR 23.10.1999). Müssen wir daraus jetzt schließen, daß ein Teil der Kosovoflüchtlinge am Ende sogar tatsächlich auch vor dem intensiven NATO-Bombardement geflüchtet sein könnte, wie es seinerzeit Milosevic behauptet hatte?

Donnerstag, 21.10.1999: Markt von Grosny bombardiert (FR 23.10.1999)

Freitag, 29.10.1999: „Massaker an Flüchtlingen. Russischer Raketenangriff traf Tschetschenen-Konvoi“ (FR 30.10.1999)

Die Parallelität ist damit so weitgehend, daß die westlichen, insbesondere deutschen hegemonialen Medien und Politiker sie anerkennen müßten. Sie hätten dann zwei Optionen: entweder die russische Kriegsführung als „unvermeidlich“ anzuerkennen (wie die Grünen den NATO-Krieg) oder rückwirkend den eigenen Luftkrieg als exterministisch und damit verbrecherisch auf den Begriff zu bringen. Hatten nicht seinerzeit schon mutige Journalisten in der FR folgendes geschrieben:

„Welcher Strategie die NATO-Falken anhängen, ist nicht sehr klar. Sichtbar ist dies: Sie bestrafen durch Terror aus der Luft das serbische Volk für Terrorakte, die möglicherweise von serbischen Ultras begangen worden sind.“ Schön wärs gewesen, aber leider stand diese Glosse erst am 1.10.1999 in der FR, und man muß „NATO“ durch „russischen“ und „serbisch“ durch „tschetschenisch“ ersetzen – sonst stimmt es aber wörtlich! Nur wenn es Russen machen, ist Luftbombardement also Terror gegen ein Volk, nicht aber, wenn es Wessis und insbesondere Deutsche machen.

Weißes-Haus-Sprecher Rubin (nach FAZ 2.11.1999): „Wir stellen nicht Russlands Recht infrage, innerhalb seiner Grenzen den Terrorismus zu bekämpfen. Wir erkennen Russlands territoriale Integrität unter Einschluß Tschetscheniens an. Der Unterschied zwischen ihrem Recht zu handeln und der Klugheit der gewählten Methode ist das Wesen der Diskussionen.“ Hatten die G 7 aber nicht auch Jugoslawiens territoriale Integrität unter Einschluß des Kosovo anerkannt und hatte Jugoslawien nicht auch offiziell nur die „Terroristen“ der UCK bekämpft? Spielt Rußland also tatsächlich gleichzeitig Milosevic und NATO? Wenn das möglich ist, was bleibt dann aber von dem angeblichen totalen Gegensatz zwischen NATO und Milosevic übrig?

„Der UN-Vertreter in Russland, Christopher Carpenter, sagte nach Angaben von Interfax, die Lage der Flüchtlinge könne insgesamt noch nicht als humanitäre Katastrophe bezeichnet werden, da sie mehrheitlich Essen und Notunterkünfte hätten.“ (FR 4.11.1999) Wenn also von 200000 Flüchtlingen die Mehrheit, also 100001, noch etwas zu essen hat, ist es keine humanitäre Katastrophe. Wäre es dann aber nicht weniger zynisch gewesen, es so sagen: „Wenn es nicht darum geht, NATO-Bombardements zu rechtfertigen, ist es keine humanitäre Katastrophe“?