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Der Wahn von Sinn und Selbst

 

 

Wider das Versprechen einer Identitätspolitik für die Gattung.  Von Alfred Schobert, erschienen in: links. Sozialistische Zeitung 28 (1996), H. 9-10 [Nr. 316/317], S. 31-33

Esoterik boomt. Seit Jahren schon. Ob – dem Wortsinn entsprechend – im Gewand der Entdeckung verborgenen, geheimen und nur Eingeweihten zugänglichen Wissens, in Gestalt der Rückkehr zum verlorenen Ursprung oder als Verheißung eines neuen Zeitalters, also als New Age. Während linke Buchläden vielerorts eingegangen sind, kann die Esoterik-Klientel wählen, ob sie in den Buchhandlungen Avalon, Aquarius oder Akasha die neueste uralte Weisheit zwischen Buchdeckeln erwirbt. Und wo einst in Stadtmagazinen BIs ihre Termine annoncierten, hat man heute die Wahl zwischen Astrologie und Anthroposophie, Heidentum und Hexentum, Geomantik, Gnosis und Geistheilung. Liegt es also nahe, dieser Gegebenheit zu entsprechen und, wie z.B. Dieter Duhm, auf die Allianz von linker Politik und New-Age-Spiritualität zu setzen?

Solcher Wendung zu Esoterik und New Age soll hier widersprochen werden. Denn in ihrem Zeichen wird eine reaktionäre Erneuerung von Identitätspolitik betrieben. Diese fesselt die Subjekte, indem sie sie auf die Realisierung einer ‚im Wesen liegenden‘ Norm verpflichtet, und ist nicht ohne Ausgrenzung zu haben. Daher führt sie nicht zufällig (wenn auch nicht notwendig und quasi automatisch) bei manchen ihrer AnhängerInnen zu politischen Konzeptionen, die „reaktionär“ zu nennen eine Beschönigung wäre. Zwei starre Behauptungen und ein Versprechen ziehen sich als Grundstruktur durch die boomenden Esoterik- und New-Age-Entwürfe. Reduziert auf ihr logisches Gerippe lauten sie: 1. Es gibt einen fundamentalen, vorgegebenen Sinn hinter der sichtbaren Welt; man muß ihn nur (wieder-)finden. 2. Es gibt ein wahres Selbst; man muß es nur verwirklichen, indem man seine vorgegebene Sinnbestimmung erkennt und sich mit ihr in Einklang bringt durch Beschreiten ’seines Weges‘ in Form praktischer Exerzitien oder auch einer Therapie. Dies verspricht Heilung, ja kosmisches Heil, Geborgenheit in einer umfassenden Ordnung.

Der jeweiligen Einkleidung des logischen Skeletts ist kaum eine Grenze gesetzt. Andere Sparten träumen wohl von den esoterischen Möglichkeiten der Produktdiversifizierung; der Reichtum des ‚wahren Selbst‘ ist zuallererst ein ungeheures Warenangebot zwischen Abraxas und Zarathustra. Egal, wie tief die ‚Selbst‘-Suche schürft, und ganz gleich, wie ursprünglich, ursprünglicher und ursprünglichst sie ansetzt, kann eines nur schwerlich verborgen bleiben: Das vermeintlich authentische Selbst ist so künstlich und käuflich wie die Selbst-Zustände, gegen die es doch antritt. Die gegen die vermeintliche moderne Sinnleere revoltierenden Lehren sind angesiedelt zwischen Spiritualismus und Naturalismus. Mal mehr naturalistische Verankerung des Spirituellen, mal stärker Spiritualisierung von (als je schon gesellschaftliche unbegriffen bleibender) Natur, wird letztlich alles im Prinzip Geist aufgelöst. Der wohlkalkulierte Slogan von der „Selbstorganisation des Universums“ (Jantsch 1979) läuft auf die umkehrbare Gleichung „Universum = Selbst“ hinaus. Vom in der Tat ja zunehmend gespenstischer werdenden gesellschaftlichen Sein beherrscht und unterworfen, soll das Bewußtsein die Welt bestimmen, indem man das Universum als Geist bestimmt. Erscheint die Welt beim derzeitigen Stand ihrer „Entzauberung“ verhexter denn je, findet sich nur noch in der „Allmacht der Gedanken“ die „Erlösung“.

Die intellektuelle Bescheidenheit der Rezepturen für die Instant-Erlösung wird kaschiert durch Verweise auf metaphysische Geheimnisse, die zu „schauen“ nur wenigen eingeweihten Virtuosen vorbehalten war und ist. Diese begnadeten Pioniere lassen die Auftragsarbeiter des Esoterik-Buchmarktes zum Appell antreten, was sie selbst als Priesterschaft, als Mittler zwischen den herausragenden Genies und den seichten Dutzendmenschen heraushebt. Es stört dabei, wie Edgar Zilsel 1918 in seiner Untersuchung der zeitgenössischen „Geniereligion“ treffend herausstellte, nicht weiter, daß die esoterische Walhalla „Originaldenker“ vereinigt, die einander aufs heftigste widersprechen. Ganz im Gegenteil schöpft man aus der Unvereinbarkeit von bspw. Wilhelm Reich und Rudolf Steiner zusätzliche Attraktivität: Daß es hinter den vordergründigen Widersprüchen und Unvereinbarkeiten eine „Brüderschaft der Genies“ (Zilsel 1990: 83ff.) gebe, macht die besondere „Tiefe“ der jeweils vorgelegten Synthese (Wilhelm-Rudolf Steinreich) aus. Nach diesem Muster lassen sich in unzähligen Rekombinationsmöglichkeiten kulturelle Kapitalien fusionieren; zudem gewinnt der esoterische Diskurs damit suggestive Geschlossenheit, die bei regelmäßigem Konsum Effekte von Zustimmung durch bloße Vertrautheit produziert. Das déjà vu (bzw. lu) tritt an die Stelle des kritischen Nachvollzugs von Argumenten.

Daß diese recht einfach gestrickten Anrufungen bereitwillige EmpfängerInnen finden, ist selbst Symptom der Krise der Identität. Stuart Hall (1994) hat, wie Gottfried Oy in links 308/109 darstellte, die historische Entwicklung zum postmodernen Subjekt, das ohne grundlegende und gesicherte Identität existiert, im Zusammenspiel von – an die großen narzißtischen Kränkungen anknüpfenden – theoretischen und politisch-praktischen Dezentrierungen im 20. Jahrhundert einerseits, den kapitalistischen Globalisierungsprozessen andererseits beschrieben. Die Krise der Identität als Prozeß von Widersprüchen vereinigt Tendenzen der Subjektfragmentierung (bis hin zur Auflösung) wie auch solche zur Restitution traditioneller, längst überwunden geglaubter Identitätsmodelle (bei Hall „Fundamentalismen“). Die New-Age-Szene ist eines der diskursiven Felder, auf dem letztere gedeihen und in Identitätspanik mitunter wilde Blüten treiben.

Die pauschal „den Menschen“ attestierte Krise der Identität nebst weiteren, gesellschaftstheoretisch unbestimmt bleibenden, lediglich zur „Gattungskrise“ addierten Krisen finden ihre Lösung in einer Ordnungsverheißung, beispielsweise in der die „wirkliche Erlösung“ bringenden Einsicht in die „Lebensgesetzlichkeit“ (Duhm 1979: 25). So schreibt einer der frühesten Protagonisten der Abkehr von linker Politik und der Hinwendung zur ökologisch-esoterischen Ganzheitsschau weiter: „In dem dürren Wort von der Reintegration des Menschen in die Ordnung der Natur liegt nicht nur seine Überlebenschance, sondern – bei weiter Sicht – seine wirkliche Erlösung. Die Freiheit, die wir suchen, besteht nur in der bewußtesten und autonomsten Rückbindung an die Ordnung, die wir verlassen haben“ (Duhm 1979: 25). Was hier ein früherer linker Kultautor, ausgezogen zur „ganzheitlichen Anthropologie“ (Duhm 1975: 225) bzw. zur „Ontologie des Menschen“ (Duhm 1979: 14), formuliert, ist Orwellsche Newspeak. Die gespreizten Superlative verweisen auf eine Ordnungsfixierung, gegen die in pessimistischer Anthropologie begründete, indes kulturtheoretisch durchgeführte institutionalistische Entwürfe nazismus-erfahrener Extremisten der Ordnung vom Schlage eines Arnold Gehlen verblassen. Hat jener nämlich nur Arbeit und Askese für die „Persönlichkeit als Institution in einem Fall“ zu bieten, also die freiwillige Selbstaufgabe an die von den ehernen Zwängen der Institution vorgegebene Sache, kommt in Duhms „Lebengesetzlichkeit“ Freude auf: er versöhnt Ordnung und Orgasmus. „Im Zustand der kosmischen Identität“, wo sich „Gottesbewußtsein“ und „Selbstbewußtsein“ auf einer neuen Bewußtseinsebene aufheben und Mensch und Kosmos im Gleichklang schwingen, werden bei Duhm „Daseinslust, Gesundheit, Schönheit, Sittlichkeit und Freiheit“ integriert.

Duhms „wissenschaftlich begründbare Vision vom vollen Menschen“ (1979: 123) ist Identitätspolitik für die Gattung, die ihr ursprüngliches Wesen nach dem Fall in die Entfremdung wiederfinden müsse. Die normativen Setzungen, die Duhm (re-)produziert, werden verleugnet; seine Diskursposition besteht in der Verleugnung ihrer selbst; seine Normen werden als Natur ausgegeben. Es spricht kein Intellektueller (hier im Sinne von Funktionär eines mit Machtwirkungen versehenen Diskurses), sondern hier drückt sich, vermittelt über jemand, der sie „geschaut“ hat, die „Lebensgesetzlichkeit“ selbst aus. Hier spricht kein Mensch, sondern sein Wesen, den „Aufbruch zur Neuen Kultur“ (1984) verkündend. Wer wollte widersprechen, wenn das Wesen des Menschen spricht? Wäre jeglicher Widerspruch doch nur Symptom der Abartigkeit. Gründe zum Widerspruch gibt es genug, angefangen bei der Behauptung einer „natürlichen Hierarchie“ (Duhm 1984: 101). Beschränken wir uns auf das Identitätsthema, stößt die (naturalistisch interpretierte) „Polarität der Geschlechter“ auf. Sie gibt Duhm seit langem schon zu antifeministischen Ausfällen Raum, wie sie erst im Zuge des Anti-PC-Diskurses breitenwirksam wurden. Und wie selbstverständlich reproduziert sie stillschweigend eine Standardausgrenzung.

Da Duhm sich diesbezüglich ausschweigt, schauen wir in einen der Bestseller der Esoterik-Szene des letzten Jahres. Wo bei Duhm Verausgabung im Zentrum steht, propagiert er gezielten Einsatz von „Lebensenergie“: „Der Samen des Mannes ist pure Lebensenergie und sollte nicht sinnlos verschleudert werden.“ (S. 217) Worauf solche Sperma-Ökonomie hinauslaufen muß, wird zwei Seiten später ausformuliert: „Jeder Auraleser oder einigermaßen Hellsichtige wird Ihnen bestätigen können, daß die Aura eines Homosexuellen total aus der Balance ist (…), weil nur ein Teil, entweder nur weiblich oder nur männlich ausgelebt wird. Die Konfrontation mit dem Gegenpol fehlt.“ (S. 219) Die „Disharmonie im elektromagnetischen Körperfeld eines Homosexuellen“ sei „nun einmal eine Tatsache“. Doch der Autor gibt sich tolerant: „In meiner Lebensanschauung gibt es keine ‚besseren‘ oder ’schlechteren‘ Menschen, nur verschiedene Ausdrucksformen des Göttlichen, die es jeweils gewählt haben, ihren ‚individuellen Weg zu gehen. Allerdings unterscheide ich zwischen ‚bewußten‘ und ‚unbewußten‘ Menschen. (…) Ein homosexueller Mensch ist (…) nicht unbedingt ein kranker Mensch wie nach Meinung mancher Leute, sondern richtig aufgeklärt kann der Einzelne lernen, mit diesen Gefühlen anders umzugehen und sie anders einzusetzen.“ (S. 219f.)

Zur Begründung konsultiert der Autor „die Natur als Schiedsrichter. Schauen wir (…), wie sie die Genitalien geschaffen hat.“ Resultat der Genitalienschau, die hier an die Stelle der Wesensschau tritt: „Da finde ich auch mit unfachmännischem Blick auf Anhieb heraus, was anatomisch zusammenpaßt und was ab-artig ist.“ (S. 220)

Die Abirrung von den „Gesetzmäßigkeiten der Natur“ (S. 220) wird mit einer Manipulationsthese erklärt. Schuld seien einige „Medienkontrolleure“. Genauer handele es sich um „schwule Hollywood-Produzenten“ (S. 219). Das Stichwort „Hollywood“ läßt aufhorchen. Häufig steht es ’nur‘ für kulturellen Anti-Amerikanismus, und auch in mancher Kulturkritik ‚linker‘ Provenienz be- bzw. entnennt es Kulturindustrie. Wo von warenförmiger Kulturproduktion die Rede sein müßte, hebt man auf die (vermeintliche oder tatsächliche) Herkunft oder eine „kulturimperialistische“ Prägung ab. Unser Autor verrät später ausdrücklich, wofür ihm „Hollywood“ steht: „Durch die Illuminati und ihre Zwerge wird den Menschen der Welt heutzutage eingetrichtert, daß es richtig ist, ihre niederen Triebe uneingeschränkt auszuleben, was ich absolut ablehne. Wenn es nach Hollywood gehen würde, sollten all die dummen Goyim ihre Lebensenergien verspritzen und ihre Seelen aufspalten.“ (S. 220)

So mündet der Wahn, den verborgenen, in einer durch Manipulation bewirkten Abirrung von der natürlichen Ordnung der Dinge verloren gegangenen Sinn hinter den vielfältigen und verwirrenden Erscheinungen des Lebens in einer großen Erzählung zu finden, konsequent in einer Verschwörungstheorie, die überall Signaturen geheimer Mächte findet und fast alle Versatzstücke des modernen Antisemitismus seit den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“ in ihre paranoide Konstruktion integriert.

Nun die Gleichung ‚New Age = Faschismus‘ aufzustellen, hieße zu kratzen, wo es nicht juckt. Der Faschismus-Vorwurf trifft die Mehrheit der New Age- und Esoterik-AnhängerInnen nicht. Dennoch sind die Szene-Reaktionen auf die Buchpublikationen Jan van Helsings (das ist das Pseudonym des oben zitierten Autors) alarmierend, die zigtausendfach verkauft wurden, ohne daß man sich über die antisemitischen (und neonazistischen) Gehalte Gedanken machte. Das setzte erst verspätet und argumentativ hilflos ein, nachdem sowohl in der Schweiz wie in der Bundesrepublik staatsanwaltliche Ermittlungen aufgenommen worden waren. Weniger drastisch, aber auf längere Sicht nicht minder alarmierend sind breiter wirksame Trends der Rückbesinnung auf das vermeintlich Eigene. Nachdem die Esoterik-Szene die bedrohten Völker der gesamten Welt nach authentischen Selbstpraktiken abgegrast hat, setzt nun, ganz im Einklang mit der hegemonialen „Rückkehr in die Geschichte“, die esoterische Wiederverwurzelung in Deutschland ein. Weissagungen aus dem Runenstein-Säckchen entsprechen ‚unserem Wesen‘ nun einmal eher denn vermeintlich analoge Praktiken: so wird das in seinem kritischen Gehalt bereits auf homöopathische Dosierung reduzierte Entfremdungstheorem nach und nach in das der „Entortung“ transformiert. Henning Eichberg, konzeptiver Ideologe der Nationalrevolutionäre, hält bereits Rübezahl als „schlesischen Schamanen“ parat – höchste Zeit für die Gesellschaft für bedrohte Völker, (programmkonform!) Schlesien in ihre Arbeit zu integrieren (bevor ihre SpenderInnen die Daueraufträge auf die schlesische Landsmannschaft umstellen).

Dies sind Symptome, die zeigen, daß die reaktive Fixierung der Esoterik-Szene auf essentialistisches Sinn-, Identitäts- und Ordnungsdenken Teil des Problems ist, als dessen Lösung es sich ausgibt. Die Gier nach Grundlagen bietet die (auch psycho-) logischen Anknüpfungspunkte für rabiate Ausgrenzungspraktiken. Dagegen wirkt nur aktive Praxis der Differenzen (im Plural), politisch und kulturell, ohne fixe Grundlage und (via Teleologie und Essentialismus der ‚Ökonomie‘) privilegierte Akteurinnen – meinetwegen auch in der etwas holprigen Formulierung als „Anti-Identitätspolitik“ (temporär) identifiziert.

 

Literatur

Dieter Duhm: Der Mensch ist anders (zuerst 1975). Lampertheim: Kübler 4. Aufl. 1979

Dieter Duhm: Synthese der Wissenschaft. Der werdende Mensch. Heidelberg: Kübler 1979

Dieter Duhm: Aufbruch zur Neuen Kultur. Von der Verweigerung zur Neugestaltung. Umrisse einer ökologischen und menschlichen Alternative (zuerst 1984). München: Knaur o.J.

Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hrsg. u. übersetzt v. Ulrich Mehlem u.a. Hamburg: Argument 1994

Jan van Helsing: Geheimgesellschaften 2. Rhede (Ems)/Lathen (Ems): Ewertverlag 1995

Erich Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist (zuerst 1979). München: dtv 2. Aufl. 1984

Edgar Zilsel: Die Geniereligion. Ein kritischer Versuch über das moderne Persönlichkeitsideal mit einer historischen Begründung. Hrsg. u. eingeleitet von Johann Dvorak. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990

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